Silhouette eines Rauchers, der sich eine Zigarette anzündet. | dpa

Jahrbuch Sucht 2022 Weniger Zigaretten, aber weiterhin viel Alkohol

Stand: 26.04.2022 09:09 Uhr

Die Deutschen greifen weniger zur Zigarette, doch Pfeifentabak wird mehr konsumiert. Und auch beim Alkohol bleibe die Bundesrepublik "Hochkonsumland", warnen Experten im aktuellen Sucht-Jahresbericht.

In Deutschland wird im Durchschnitt weniger geraucht. Der Konsum von Alkohol bleibt jedoch auf hohem Niveau. Das geht aus dem Jahrbuch Sucht 2022 hervor, das von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) veröffentlicht wird.

Dem Bericht zufolge wurden im vergangenen Jahr bundesweit 71,8 Milliarden Fertigzigaretten geraucht - und damit 2,8 Prozent weniger als im Jahr 2020. Im Durchschnitt kommen damit auf jede Bürgerin und jeden Bürger 863 konsumierte Zigaretten. Das sei der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung. 2020 rauchten in Deutschland 24 Prozent der Frauen und 34 Prozent der Männer ab 18 Jahren.

29,4 Milliarden Euro für Tabakprodukte

Auch selbstgedrehte Zigaretten wurden demnach weniger konsumiert. Hier ging der Verbrauch um 5,6 Prozent zurück, was laut der Erhebung in etwa 37,3 Milliarden selbstgedrehten Zigaretten entspricht. Deutlich zugenommen hat dafür aber der Konsum von Pfeifentabak. Hier verzeichnete die Hauptstelle für Suchtfragen ein Plus von 40 Prozent auf knapp 8400 Tonnen. Die Experten erklären die Steigerung mit der anhaltend hohen Beliebtheit von Shishas, gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Insgesamt gaben die Deutschen im vergangenen Jahr demnach 29,4 Milliarden Euro für Tabakprodukte aus. Für die Todesfälle, die auf die Folgen des Rauchens zurückgeführt werden, stammen die aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2018: Damals starben bundesweit etwa 127.000 Menschen infolge des Konsums von Tabakprodukten. Die gesamtwirtschaftlichen Kosten - etwa für die Behandlung tabakbedingter Krankheiten - beliefen sich jährlich geschätzt auf mehr als 97 Milliarden Euro, heißt es in dem Jahresbericht.

Alkoholkonsum bleibt hoch

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung lautet: In Deutschland werde noch immer zu viel Alkohol getrunken. Hier verweisen die Experten der Hauptstelle für Suchtfragen auf Zahlen von 2019. In diesem Jahr habe im Durchschnitt jede Bürgerin und jeder Bürger ab 15 Jahren pro Jahr 10,2 Liter reinen Alkohol zu sich genommen. Langfristig bedeute das zwar einen Rückgang, da im Jahr 1970 der durchschnittliche Wert noch bei 14,4 Litern pro Kopf gelegen habe. Doch trotz dieses Rückgangs reichten die durch Prävention und Kontrollpolitik erlangten Erfolge längst nicht aus, mahnte DHS-Geschäftsführerin Christina Rummel.

Auch Vorstandschef Norbert Scherbaum warnte: Alkohol sei ein Zellgift und zahlreiche körperliche Erkrankungen seien auf Alkoholkonsum zurückzuführen. Die jüngste Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu alkoholbedingten Todesfällen in Deutschland stammt von 2016, was laut Rummel daran liegt, dass die WHO die Studie unter 195 Ländern nur in größeren Jahresabständen durchführt. In diesem Jahr zählte die Organisation bundesweit etwa 62.000 Todesfälle in Verbindung mit Alkoholkonsum.

Ebenfalls im Sucht-Jahresbericht aufgeführt sind Zahlen zum legalen Glücksspiel. Hier weist der Report im Jahr 2020 einen Rückgang um rund elf Prozent auf. Insgesamt wurden mit legalem Glücksspiel in diesem Jahr 38,3 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Das größte Marktsegment entfalle auf die 220.000 aufgestellten gewerblichen Geldspielautomaten in Spielhallen und gastronomischen Betrieben.

Mögliche Belastungen durch Pandemie

Ob die Auswirkungen der Corona-Pandemie einen Einfluss auf das Thema Sucht haben, lässt sich aus Sicht der Experten nicht direkt schlussfolgern. Allerdings weisen sie darauf hin, dass die Pandemie auch die psychische Gesundheit der Bevölkerung stark beeinträchtigt habe.

In Krisen versuchten viele Menschen vermehrt mit Suchtmitteln, ihre Belastungen auszugleichen. Nach Auffassung der Suchthilfe seien die pandemiebedingten Härten vor allem für junge Menschen schwierig und verschärften die Lage zudem oftmals für Personen, die schon vorher psychosoziale oder gesundheitliche Probleme hatten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. April 2022 um 10:40 Uhr.