Studentinnen und Studenten sitzen während einer Vorlesung in einem Hörsaal. | dpa

Statistisches Bundesamt Viele Studierende armutsgefährdet

Stand: 16.11.2022 12:52 Uhr

Mehr als jeder dritte Studierende in Deutschland war im vergangenen Jahr armutsgefährdet. Vor allem eine Gruppe ist nach Angaben des Statistischen Bundesamts betroffen: diejenigen, die allein oder in Wohngemeinschaften leben.

Wer in Deutschland studiert, ist deutlich stärker von Armut bedroht als der Rest der Bevölkerung. 2021 waren 37,9 Prozent der Studierenden armutsgefährdet. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung lag dieser Wert im vergangenen Jahr nur bei 15,8 Prozent. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden im Vorfeld des Weltstudierendentags mit. Noch höher war das Armutsrisiko bei Studierenden, die allein oder ausschließlich mit Kommilitonen zusammenlebten - demnach galten 76,1 Prozent als armutsgefährdet.

Das Bundesamt gab die Zahlen anlässlich des Weltstudierendentags bekannt und bezog sich dabei auf erste Ergebnisse der Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). Eine Person gilt demnach als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2021 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 15.009 Euro netto im Jahr oder 1251 Euro im Monat.

Vor allem Wohnkosten belasten

Studenten mussten bei den Kosten für Wohnraum besonders tief in die Tasche greifen: So lag der durchschnittliche Anteil der Wohnkosten am verfügbaren Haushaltseinkommen für Studierende bei 31,6 Prozent und damit deutlich über der Wohnkostenbelastung der Gesamtbevölkerung mit 23,3 Prozent.

Wer allein oder in Wohngemeinschaften mit anderen Studierenden lebte, musste im Schnitt gut die Hälfte (51,1 Prozent) des verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aufbringen. "Liegt die Wohnkostenbelastung auch nach Abzug möglicherweise erhaltener wohnungsbezogener Transferleistungen noch bei mehr als 40 Prozent, gelten Haushalte als überbelastet", so das Statistikamt. Im vergangenen Jahr lebte knapp ein Viertel der Studierenden in Haushalten, auf die das zutraf.

Unerwartete größere Ausgaben als Bedrohung

Wie schwierig die Lage vieler Studierender ist, zeige sich laut den Statistikern auch darin, dass 38,5 Prozent bereits im vergangenen Jahr - und damit vor der Energiekrise - in Haushalten lebten, die nicht in der Lage waren, unerwartete größere Ausgaben aus eigenen finanziellen Mitteln zu stemmen - in der Gesamtbevölkerung war es knapp ein Drittel.

Die Bundesregierung hatte im September ein drittes Entlastungspaket als Ausgleich für die rasant steigenden Preise vorgestellt. Zu den Maßnahmen zählen auch Einmalzahlungen an Studierende. Damit sollen zusätzliche Belastungen, etwa durch eine größere Nachzahlung infolge der stark gestiegenen Preise für Energie, abgemildert werden.

Studentenwerk schlägt Alarm

Dem Deutschen Studentenwerk (DSW) reicht das nicht. Die Bundesregierung müsse nachlegen, teilte das DSW in einer Pressemitteilung mit. Bei den Direkthilfen und Bafög müsse nachgebessert werden. "Studierende stehen in diesem Wintersemester vor einer dramatischen sozialen Notlage", sagte Matthias Anbuhl, Generalsekretär des DSW. "Sie kommen finanziell und psychisch auf dem Zahnfleisch aus der Corona-Pandemie - und wissen angesichts explodierende Preise oftmals nicht, wie sie nun Strom, Gas und Lebensmittel bezahlen sollen."

Das studentische Budget sei in aller Regel extrem auf Kante genäht, nun drohe diese Naht zu reißen. Gerade beim Bafög bestehe großer Handlungsbedarf: Grundbetrag und Wohnkostenpauschale müssten erhöht und die Sozialleistung automatisch an die Inflation angepasst werden. Das sei die beste Armutsprophylaxe.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. November 2022 um 12:00 Uhr.