Frank-Walter Steinmeier | dpa

Steinmeier zum 9. November "Ein Tag zum Nachdenken über unser Land"

Stand: 09.11.2021 13:23 Uhr

Die Ausrufung der Republik 1918, die Pogrome 1938 und der Fall der Mauer 1989: Der 9. November steht für einschneidende Daten der deutschen Geschichte - für Bundespräsident Steinmeier ein Tag zum Nachdenken über das Land.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dazu aufgerufen, den 9. November "als Tag zum Nachdenken über unser Land" zu begehen. Der 9. November 1918 und 1989 erinnere die Deutschen daran, dass Freiheit und Demokratie nicht vom Himmel gefallen und nicht auf ewig gesichert seien, sagte Steinmeier bei einer Gedenkveranstaltung im Schloss Bellevue. Der 9. November 1938 erinnere an das Menschheitsverbrechen der Schoah und mahne zu Wachsamkeit und Zivilcourage.

Der Tag lasse hoffen auf das Gute, "das in unserem Land steckt, und er lässt uns verzweifeln im Angesicht seiner Abgründe", so Steinmeier. Vielleicht sei der 9. November gerade deshalb ein sehr deutscher Tag.

Drei einschneidende Daten

Der Tag steht für drei einschneidende Daten der deutschen Geschichte: Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstagsgebäudes die Republik aus, die Monarchie war Vergangenheit. Der 9. November 1938 ging als Tag der nationalsozialistischen Pogrome in die Geschichte ein und steht für die Verfolgung und Vernichtung der Juden. Und am 9. November 1989 leitete der Fall der Berliner Mauer die deutsche Wiedervereinigung ein.

Steinmeier rief im Schloss Bellevue dazu auf, sich diesem Tag "mit all seinen Widersprüchen" zu stellen. Dieser Tag sei ein "ambivalenter Tag, ein heller und ein dunkler Tag". "Diese Ambivalenz auszuhalten, Licht und Schatten, Freude und Trauer im Herzen zu tragen, das gehört dazu, wenn man Deutscher ist", sagte Steinmeier.

"Ein Patriotismus der leisen Töne"

Beides anzunehmen, Scham und Trauer über die Opfer und Respekt und Wertschätzung für die Wegbereiter unserer Demokratie, darum müsse es gehen. "Das ist der Kern eines aufgeklärten Patriotismus. Statt Posaunen und Trompeten ein Patriotismus der leisen Töne. Statt Triumph und Selbstgewissheit ein Patriotismus mit gemischten Gefühlen."

Drei Redner erinnerten an die historischen Ereignisse. Die jüngste Bundestagsabgeordnete, die 23-jährige Emilia Fester von den Grünen, wies auf den 9. November 1918 hin. Sie betonte in ihrer Ansprache, die derzeitigen Probleme wie die Klimakrise und die ungleiche Verteilung von Reichtum seien lösbar. "Ein Weiter-So" gehe aber nicht. Auch daran erinnere der 9. November 1918.

Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, die vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden ist, schilderte, wie sie den Morgen nach dem 9. November 1938 erlebte und in Berlin die Verwüstungen jüdischer Geschäfte sah. Der frühere Stasi-Unterlagenbeauftragte Roland Jahn erzählte, wie er als Ausgewiesener aus der DDR den 9. November 1989 als Reporter in West-Berlin erlebte.

An dem Gedenken nahmen die Vertreter aller Verfassungsorgane teil: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD), Bundesratspräsident Bodo Ramelow (Die Linke) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth (CDU).

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. November 2021 um 13:00 Uhr.