Ein Mann trägt an seinem Handgelenk eine FFP2-Maske. | dpa

Coronavirus Was kommt nach der Sommerwelle?

Stand: 10.07.2022 05:01 Uhr

Deutschland steckt mitten in der Sommerwelle - und trotzdem bleiben die Corona-Regeln locker. Was heißt das für den Herbst? Und wie kann man sich schützen?

Von Andreas Köstler, SWR

Die Inzidenzen sind seit Mai kontinuierlich gestiegen und liegen teilweise um das 100- bis 150-fache höher als vor einem Jahr. Doch der Umgang mit dem Coronavirus in der Bevölkerung scheint eher entspannt. Sind die Menschen zu sorglos? Was bedeuten die hohen Fallzahlen für die Krankenhäuser und Kliniken? Und ist das Land auf eine große Welle im Herbst wirklich vorbereitet?

"Man ist ein bisschen müde. Das geht jedem von uns so", sagt Stefan Brockmann, Chef-Virologe des Baden-Württembergischen Gesundheitsamtes. Er stellt aber auch heraus, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet sei. "Diese Angst, dass es zu einem Problem kommt, das nicht beherrschbar ist, die haben wir jetzt nicht mehr."

Dennoch seien die derzeitigen hohen Inzidenzzahlen so nicht erwartet worden "Wir haben ein niedriges Testniveau und eine hohe Positivrate. Jeder zweite PCR-Test ist positiv. Das ist deutlich höher als zuvor." Wenige Tests in Kombination mit einer hohen Positivrate lassen zudem darauf schließen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer gibt.

Sorgen wegen hoher Krankenstände

Kein Wunder also, dass es in vielen Betrieben - von der Apotheke bis zur Zoohandlung - einen Personalmangel durch einen hohen Krankenstand gibt. Bedenklich wird es aber vor allem, wenn in Pflegeeinrichtungen oder Kliniken zur ohnehin schon dünnen Personaldecke noch Corona-bedingte Ausfälle hinzukommen. 

200 Pflegerinnen und Pfleger und mehr als 70 Ärztinnen und Ärzte sind zum Beispiel im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein ausgefallen. Operationen mussten verlegt und Stationen zusammengelegt werden.

Im Klinikum Stuttgart fallen zurzeit 80 der 8000 Beschäftigten nach einem positiven Coronatest aus. "Wir haben keine dramatischen Lücken", sagt Jan Steffen Jürgensen. Der medizinische Vorstand der größten Klinik in Baden-Württemberg hat aber auch die Sorge, dass dies im Herbst im Zusammenspiel mit anderen Infektionskrankheiten größere Lücken reißen könnte. "Wir glauben nicht, dass es zu Überlastungen kommen wird, aber das Zusammenspiel von höheren Patientenzahlen und höheren Krankenständen könnte die Anspannung durchaus steigern."

Plädoyer für Impfungen

Mehr als 98 Prozent der Mitarbeitenden im Klinikum Stuttgart sind geimpft, aber auch dadurch nicht sicher vor Infektionen geschützt. Durch den fast immer milderen Krankheitsverlauf sind sie allerdings grundsätzlich schneller wieder einsetzbar.

Deshalb plädiert auch Brockmann weiter für Impfungen - mit Blick auf die große Grippewelle in Australien auch für die Grippeimpfung. Die Südhalbkugel nimmt das Wintergeschehen vorweg: Zwei Jahre lang hatte das Influenzavirus wegen der strengen Corona-Maßnahmen in "Down Under" fast überall Pause. Vor allem Abstandsregeln und Maskenpflicht verhinderten eine Ausbreitung. "Es wird für den Herbst auch bei uns ein großes Thema", sagt Brockmann mit Hinweis auf die hohen Grippezahlen in Australien. "Die werden auch bei uns das System belasten." Deshalb plädiert der Virologe in Sachen Impfung: "Rechter Arm Sars-CoV2 und linker Arm Influenza, so werde ich es auch machen."

"Wir könnten das Impfgeschehen massiv steigern"

Aber was, wenn im Herbst aus der Corona-Welle ein Tsunami wird und viele sofort eine Impfung wollen? Wäre die Impfversorgung gefährdet? Am 21.12.2021 waren es täglich 1,6 Millionen Impfungen. Zurzeit sind es etwa 19.000 pro Tag. Viele große Impfzentren sind geschlossen. "Auf eine hoffentlich hohe Nachfrage können wir reagieren und sind auch vorbereitet", sagt Jürgensen.

Die Nadel in den Arm gibt es zum Beispiel beim Hausarzt, in der Apotheke und in Kliniken. Im Stuttgarter Klinikum sind es im Moment 60 Impfungen täglich. "Wir könnten das Impfgeschehen schlagartig massiv steigern", sagt Jürgensen.

Das Klinikum Stuttgart hat eine eigene Impfstation. "Das Personal ist bei Bedarf mobilisierbar, wir haben mehr als 1000 Ärztinnen und Ärzte und es wird uns nicht schwerfallen, hier im Zweischichtbetrieb eine höhere Nachfrage zu bedienen. Wir können binnen weniger Tage mehrere Tausend Impfungen pro Tag anbieten und so wird es anderen auch gehen."

Brockmann konkretisiert die Vorgabe aus Sicht des Baden-Württembergischen Gesundheitsministeriums: "Geplant und vorgegeben ist, dass wir im Herbst 6,5 Millionen Menschen innerhalb von acht Wochen impfen können." Das ganze Geschehen ist allerdings auch abhängig von eventuell neu auftretenden Varianten, die im schlechtesten Fall gefährlicher sein könnten und viele Menschen möglichst sofort geimpft werden wollen. Doch selbst dann, sagt Brockmann, sei das System so aufgestellt, dass man nicht mit größeren Problemen rechne.

Appell an gesunden Menschenverstand

Der Klinikleiter und der Epidemiologe sind also vorsichtig entspannt. Können wir also weiter locker auf der Sommerwelle in Richtung Herbst surfen? Auch im Supermarkt? "Im öffentlichen Nahverkehr oder zum Beispiel beim Einkaufen finde ich es nicht nur höflich, sondern auch sinnvoll eine Maske zu tragen", sagt Jürgensen.

"Ich habe die Maske immer dabei und wenn viel los ist, ziehe ich sie auf", gibt Brockmann Einblick in seinen persönlichen Umgang mit dem Mund-Nasenschutz: "Ich halte es für wichtig, dass man ein Risiko-Gespür bekommt. Es ist wichtig, dass man das jetzt lernt und nicht nur macht, wenn es gesetzlich vorgeschrieben ist."

Über dieses Thema berichtete WDR5 am 07. Juli 2022 um 19:22 Uhr.