Reparaturen in der Rathausstraße in Stolberg. | Sarah Schmidt, WDR

Sechs Monate nach der Flut Wie Stolberg um Normalität ringt

Stand: 14.01.2022 12:25 Uhr

Ein Bürgermeister ohne Rathaus, Wohnungen ohne Heizungen und Warten auf Hilfsgelder - auch sechs Monate nach der Flutkatastrophe kämpfen die Menschen in Stolberg weiter gegen Trauma und Trümmer.

Von Sarah Schmidt, WDR

"Das waren schwierige, einsame Entscheidungen", erinnert sich Patrick Haas an die Flutnacht im Juli. Als Bürgermeister von Stolberg bei Aachen entscheidet er normalerweise nicht über Leben und Tod der knapp 60.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In dieser Nacht auf den 15. Juli war in Stolberg aber nichts normal.

Sarah Schmidt

Als schlimmste Situation in dieser Nacht bezeichnet er rückblickend die Entscheidung, "keine Rettungsschwimmer mehr rauszuschicken, weil das Wasser so schnell war, dass sie sich selber in Gefahr bringen". Denn die Retter wurden dringend gebraucht. Zum Beispiel im Ortsteil Vicht, wo in einem Versorgungszentrum für Menschen mit Behinderung der Strom ausgefallen war. Das Leben der Menschen an Beatmungsgeräten hing an einem Notstromaggregat, das drohte, in den Wassermassen regelrecht "abzusaufen", berichtet er.

Auch das Rathaus ist zerstört

Haas wirkt noch immer erschöpft, wenn er an die Nacht zurückdenkt. Er sitzt in einem provisorischen Konferenzraum. Weiße Wände, die Möbel wirken zusammengewürfelt. Auch das Rathaus ist in den Fluten so zerstört worden, dass die komplette Stadtverwaltung umziehen musste - inklusive Bürgermeisterbüro.

Das "Glück der Tüchtigen" nennt es Haas, dass in dieser Nacht in Stolberg niemand in den Fluten ertrinkt - anders als in anderen Teilen Nordrhein-Westfalens und Rheinland-Pfalz. Insgesamt sterben mehr als 180 Menschen in den tosenden Wassermassen.

Patrick Haas | WDR

Bürgermeister Patrick Haas: Sein Rathaus ist bei dem Hochwasser zerstört worden. Bild: WDR

Wassermassen wie etwa am Vichtbach. Zu Fuß läuft Haas von seinem neuen, provisorischen Arbeitsplatz im Gebäude einer Versicherung zu seinem früheren Büro. Über eine Brücke geht es über den Bach. Dass die Vicht die Innenstadt inklusive Rathaus und anderer Ortsteile meterhoch überflutet und tosend zerstört hat - beim Anblick des idyllischen Wasserlaufs in seinem Bett ist das kaum mehr vorstellbar.

Warten auf Hilfsgelder

Auf der Rathausstraße kennt man den Bürgermeister. Immer wieder wird er gegrüßt, angesprochen. Er ist in Stolberg aufgewachsen, war vor ein paar Jahren Karnevalsprinz. Auch heute lebt er mit seiner Familie hier.

Mittlerweile fließt der Verkehr wieder normal über die frühere Einkaufsstraße. Das klaffende Loch, das die Flut in die Straße gerissen hatte, ist repariert. Die Schuttberge sind größtenteils abtransportiert. Geblieben sind ehemalige Geschäfte und Restaurants, in denen Trocknungsgeräte laufen, mit Brettern verrammelte Schaufenster - und Menschen, die noch immer auf Hilfsgelder warten.

In Nordrhein-Westfalen hat das Hochwasser nach Angaben der Bundesregierung vom September Schäden von knapp 14 Milliarden Euro angerichtet, in Rheinland-Pfalz allein in Privathaushalten rund zehn Milliarden Euro. Die Städteregion Aachen, zu der Stolberg gehört, zählt zu den am stärksten verwüsteten Regionen in Nordrhein-Westfalen.

Die von der Flut zerstörte Rathausstraße in Stolberg (Archivbild).  | WDR

Bild der Zerstörung: die Rathausstraße in Stolberg nach der Flut Bild: WDR

Bargeld für ein frisches T-Shirt

Als Stadt habe man die Betroffenen ganz zu Beginn mit Soforthilfen unterstützt, erklärt Bürgermeister Haas. "Da ging es wirklich darum, den Menschen Bargeld in die Hand zu geben. Für ein frisches T-Shirt, für eine Handykarte." Insgesamt rund 102 Millionen Euro Soforthilfe hat die Landesregierung mit Unterstützung des Bundes an Privathaushalte in ganz Nordrhein-Westfalen ausgezahlt, so das Bauministerium.

"Da muss einem aber auch klar sein, dass da auch Leute kommen, die vielleicht nicht so stark von der Flut betroffen waren", sagt Haas. Das habe man in Stolberg Kauf genommen, um denen zu helfen, die wirklich bedürftig waren. Wenn es jetzt darum gehe, viel Geld auszuzahlen, müssten die Anträge dementsprechend komplexer sein, damit man überprüfen könne, wer wirklich Anspruch auf Hilfsgelder habe, so der Bürgermeister. Die Stadt habe aber zusammen mit dem Kreis mit Info-Bussen und anderen Anlaufstellen versucht, den Menschen bei ihren Anträgen zu helfen.

Mehr als 11.000 Anträge auf Wiederaufbauhilfe

Jetzt lägen die Anträge bei der Bezirksregierung. "Meiner Meinung nach fehlt es da an geschultem Personal", sagt Haas. Ob das Land vielleicht nicht genug Leute bereit gestellt habe oder das bei der Bezirksregierung nicht ordentlich koordiniert werde, sei nicht sein Thema.

Nach Angaben des Bauministeriums haben Betroffene in NRW bisher 11.547 Anträge auf Wiederaufbauhilfe gestellt. Jetzt, ein halbes Jahr nach der Flut, seien davon 9239, also rund 80 Prozent, geprüft und bewilligt worden, erklärt das Ministerium. In Hilfsgelder umgerechnet seien damit rund 117 Millionen Euro bewilligt worden. Das bedeutet aber nicht, dass das Geld schon bei allen Betroffenen angekommen ist. Ausgezahlt sind laut Ministerium bisher 50 Millionen Euro, weitere 20 Millionen sollen zügig folgen.

Die schleppenden Zahlungen ärgern Bürgermeister Haas: Immer wieder kämen Leute auf ihn zu, die noch immer keine Hochwasser-Hilfen bekommen hätten. "Das erschlägt mich wirklich", empört er sich.

Bautrockner in einem Geschäft in Stolberg. | Sarah Schmidt, WDR

Bautrockner in einem Geschäft in Stolberg: Bis heute sind die Spuren der Flut zu sehen. Bild: Sarah Schmidt, WDR

Die Kälte ist ein Problem

Am alten Rathaus verhindern Bauzäune, dass jemand das Gebäude betritt. Ein junger Mann spricht Haas wegen Anträge für Hilfsgelder an. Der Bürgermeister solle doch bei ihnen mal zur Bürgersprechstunde vorbeikommen, bittet M-Obaida Dehna. Er studiert soziale Arbeit und hilft den Hochwasserbetroffenen ehrenamtlich.

"Die Zeit ist gerade schwer für die Menschen", erzählt er. "Die Probleme könnte ich stundenlang aufzählen: Auf jeden Fall die Kälte. Es gibt immer noch Menschen, die keine richtige, funktionierende Heizung zu Hause haben." Manche wollten aus ihren kalten Wohnungen nicht raus, berichtet der angehende Sozialarbeiter weiter. Und Hotels seien ein halbes Jahr nach der Flut für viele keine Option. "Sie wünschen sich einen festen Wohnsitz, aber das ist schwierig in der Stadt." Es sei gut, wenn die Betroffenen mit dem Bürgermeister in Kontakt kämen. Haas verspricht, zu kommen.

Schuttberge auf dem Kaiserplatz in Stolberg. | WDR

Schuttberge auf dem Kaiserplatz in Stolberg nach der Flut: Im Hintergrund ragt das Rathaus hervor. Bild: WDR

"Sonst brauchen wir die Stadt nicht mehr aufzubauen"

Er hat viele Pläne für die Stadt. Und braucht dafür die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger. Haas will die Stadt hochwassersicher aufbauen. Vor allem schnell soll es gehen - mit einem Modellkonzept, das gerade entwickelt wird. Das soll noch in diesem Frühjahr fertig sein.

Helfen könnten Regenrückhaltebecken, gezielter Hochwasserschutz an bestimmten Gebäuden, aber zum Beispiel auch die Erweiterung des Flussbetts. "Dafür erwarte ich seitens des Landes und des Bundes das Geld, dass das auch umgesetzt wird. Ansonsten bräuchten wir die Stadt auch nicht mehr aufzubauen", sagt Haas. Das sei man den Menschen, aber auch den Unternehmen schuldig, damit das nächste Hochwasser nicht wieder in einer Tragödie ende.

Aufgeben sei für ihn keine Option. Die Solidarität der Menschen in Stolberg nach der Flut habe auch ihm Kraft gegeben. Trotzdem: Die Sorgen der Stolberger um ihre Stadt kann er nachvollziehen. "So wie es mal war, wird es nicht mehr werden", ist der Bürgermeister überzeugt. "Aber wir müssen daran arbeiten, dass es noch schöner wird. Und mit dem positiven Gedanken müssen wir dann auch in die Zukunft schauen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 13. Januar 2022 um 22:15 Uhr.