Mann mit Schlafstörungen | picture alliance / dpa Themendie
Interview

Pandemie Wie Corona den Schlaf raubt

Stand: 13.02.2021 17:45 Uhr

Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf den Schlaf der Menschen. Der Schlafforscher Weeß über gefährlichen Mangel, Albträume und die Frage, warum gerade nach der Impfung guter Schlaf wichtig ist.

tagesschau.de: Bevor wir zu Corona kommen - waren die Deutschen vor der Pandemie eigentlich eine ausgeschlafene Nation?

Hans-Günter Weeß: Nein, wir sind schon vor Covid eine Nation im sozialen Jetlag gewesen. Die Schul- und Arbeitszeit beginnt für die meisten zu früh. Aus Untersuchungen wissen wir, dass mehr als 50 Prozent der Bürger pro Tag bis zu einer Stunde zu wenig Schlaf haben. Darunter leidet die Gesundheit. Auch Konzentrationsmängel sind die Folge.

Auf den Straßen hierzulande sterben mehr als doppelt so viele Menschen durch Müdigkeit und Sekundenschlaf wie durch Alkohol. Es gibt oft Meldungen, wonach wieder ein Lkw in ein Stauende gerast ist. Als Gesellschaft nehmen wir das hin. Wir sind gegenüber dem Phänomen Schlafmangel als Gesellschaft abgestumpft.

tagesschau.de: Was könnte man gegen diesen Schlafmangel tun?

Weeß: Die Schlaf-Wach-Rhythmen der Menschen sind genetisch festgelegt und sehr unterschiedlich. Eine Minderheit geht früh schlafen und steht auch dann früh auf. Die meisten aber können aufgrund ihrer Disposition nicht früh einschlafen, gehen deutlich später ins Bett und hätten eigentlich Aufstehzeiten zwischen 7.30 und 9.30 Uhr. Der "frühe Vogel fängt den Wurm" ist also ein irreführender Satz. Ich weiß natürlich, dass das in vielen Bereichen nicht geht. Aber wo immer möglich, sollten flexible Arbeitszeiten verabredet werden. Ausgeschlafene Mitarbeiter steigern die Produktivität, die Sicherheit und sind weniger häufig krank.

tagesschau.de: Wie hat sich die Pandemie auf das Schlafverhalten ausgewirkt?

Weeß: Es gibt erste Studien. Die genaue Datenlage ist noch unsicher, aber der Trend ist eindeutig. Danach haben Schlafprobleme zwischen zehn und 60 Prozent zugenommen. Viele Menschen nehmen die Sorgen rund um Corona mit ins Bett. Sie können nicht abschalten, das Gedankenkarrussell dreht sich und die Entspannung stellt sich nicht ein. Ein- und Durchschlafprobleme sind die Folge. Es entsteht ein chronischer Schlafmangel. Der Schlaf kann als wichtigstes Regenerations- und Reparaturprogramm des menschlichen Organismus seine Aufgaben nicht mehr vollständig erfüllen. Viele Menschen leiden in dieser Zeit auch unter vermehrten Albträumen, denn im Traum wird verarbeitet, was tagsüber erlebt wurde. Wenn am Tage infolge der Pandemie viel Belastendes erlebt wurde, schlägt sich dies auf unsere Träume nieder.

tagesschau.de: Wer ist davon besonders betroffen?

Weeß: Viele Familien mit Kindern haben eine Doppelbelastung - mit Homeoffice und Homeschooling. Es gibt aber auch viele Menschen, die einsam sind. Da sie niemanden zum Reden haben, gibt es vermehrt ängstliche, depressive Störungen. Und dann gibt es natürlich auch die Gruppe, die berufliche und sogar existentielle Sorgen haben.

Aber es gibt auch Profiteure des Lockdown: Viele Pendler können in Zeiten des Homeoffice jetzt länger schlafen und tun das auch. Das geht etwa aus den Daten von Energieversorgern hervor. Die morgendlichen Spitzenzeiten im Energieverbrauch haben sich um fast eine Stunde nach hinten verschoben.

Dr. Hans-Günter Weeß | privat
Schlafforscher Weeß

Hans-Günter Weeß beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Schlaf und seinen Störungen. Er ist Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster.

tagesschau.de: Was bedeutet der vermehrte Schlafmangel für die Gesundheit?

Weeß: Schlaf ist für den menschlichen Organismus die beste Medizin und so wichtig wie Essen und Trinken. Wer schlecht schläft, erhöht das Risiko für Herzkreislauf- und Stoffwechselerkrankungen. Auch die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von psychischen Störungen erhöht sich. Weiterhin schwächt schon eine Nacht ohne Schlaf das Immunsystem deutlich. Wer nur über elf Tage weniger als fünf Stunden schläft, hat beispielsweise ein dreifach höheres Erkältungsrisiko. Auf Corona bezogen heißt das, dass das Ansteckungsrisiko ebenfalls steigt.

tagesschau.de: Nach dem Impfdebakel der EU dauert es jetzt doch deutlich länger, bis wir alle geimpft werden. Dennoch - gibt es bei der Impfung und dem Schlaf etwas zu beachten?

Weeß: Auf jeden Fall. Ich möchte deutlich darauf hinweisen, dass in der Nacht nach der Impfung guter Schlaf sehr wichtig ist. Das wissen wir von Studien zu anderen Impfungen, etwa der Grippeimpfung. Ich warne davor, sich morgens impfen zu lassen und dann in eine Nachtschicht zu gehen. Das kann eine negative Wirkung auf die Wirksamkeit des Vakzins haben.

tagesschau.de: Wenn man von schlechtem Schlaf geplagt ist - was kann man tun?

Weeß: Wer im Lockdown unter Einsamkeit leidet, sollte möglichst versuchen mit Angehörigen oder Freunden im Austausch zu bleiben - etwa telefonisch. Es ist sehr wichtig, über belastende Dinge sprechen zu können. Ich rate zudem allen, rechtzeitig Feierabend zu machen. Das ist vor allem im Homeoffice sehr wichtig. Beenden Sie ihre Arbeit auch gedanklich. Das fällt daheim schwerer, als wenn man sich räumlich vom Arbeitsplatz wegbewegt. Daher ist es auch wichtig - wenn möglich - nie im Schlafzimmer zu arbeiten. Hier muss eine klare Trennung her.

tagesschau.de: Gibt es vielleicht auch noch Rituale?

Weeß: Auch wenn man es bei der ARD nicht gerne hört - man sollte nicht bis spät abends am Fernseher durch alle Corona-Sendungen zappen. Nach einer gezielten Information über die Lage machen Sie auch hier ein Ende. Nehmen Sie Abschied von den Aufgaben und Belastungen des Tages und wenden Sie sich schönen Dingen zu. Pflegen Sie ihr Hobby, Lesen, Musik, ein gutes Hörbuch oder lenken Sie sich ab: Denken Sie etwa an einen tollen Urlaub oder klappen Sie ein Fotoalbum mit schönen Erlebnissen auf. Auch rate ich meinen Patienten gelegentlich Märchen aus der Kindheit zu hören. Diese sind häufig mit Gefühlen von Sicherheit und Geborgenheit assoziiert. Auch das hilft, um Ruhe zu finden.

Das Gespräch führte Axel John, SWR

Axel John