Hagen Albrecht | Marlene Kukral, NDR
#mittendrin

Saatgut aus der Bibliothek Die Kraft des geliehenen Samens

Stand: 19.05.2021 13:38 Uhr

Gemüse und Obst selbst anzubauen, liegt im Trend. Wer auf der Suche nach alten Sorten ist, wird im Handel oft nicht fündig. Neue Chancen bieten aber Saatgutbibliotheken.

Von Marlene Kukral, NDR Lüneburg

Mit der Hand gräbt Hagen Albrecht ein Loch in sein Hochbeet. Hier soll er wachsen, der "Rote Heinz". Der Lüneburger Hobbygärtner baut diese alte Tomatensorte zum ersten Mal in seinem kleinen Garten an. "Das ist ein echter Ehrengast in meinem Beet", sagt er. Das Saatgut für den "Roten Heinz" hat Albrecht nicht in einem Geschäft gekauft. "Das gibt es im Handel, glaube ich, gar nicht zu kaufen", erklärt der Rentner. Er hat das Saatgut ausgeliehen, in einer Bibliothek.

Marlene Kukral

Mitnehmen, anbauen, ernten 

Seit diesem Jahr können sich Hobbygärtner Saatgut in der Bibliothek in Adendorf im Landkreis Lüneburg ausleihen. Das Prinzip dieser Saatgutbibliothek ist einfach: Saatgut mitnehmen, anbauen, ernten und dann das neue, getrocknete Saatgut zurückbringen.

Bibliotheksleiterin Dörte Christensen ist überrascht, wie gut diese Bibliothek in der Bibliothek bereits ankommt. "Als erstes waren die Gurkensamen weg", sagt sie. "Tomaten gehen natürlich auch immer und Bohnen, die kann man auch jetzt noch direkt im Beet aussäen." Neben den Saatgutpäckchen stehen Bücher, passend zum Thema Garten. "Bis jetzt haben wir nur die Theorie verliehen, jetzt eben auch die Praxis dazu", sagt Christensen.

Leitfaden hilft beim Aufbau der Bibliotheken

Nicht nur in Adendorf, auch andere Bibliotheken rund um Lüneburg verleihen seit diesem Jahr neben Büchern auch Saatgut. Sie alle haben die Saatgutbibliothek mit Hilfe von Paulina Brüling und Arielle von der Heide aufgebaut. Die beiden Studentinnen entwickelten in einem Seminar an der Leuphana Universität einen Leitfaden.

"Unser Ziel ist es, dass mehr Menschen in der Stadt eigenes Gemüse anbauen. Vielleicht entsteht sogar eine richtige Gemeinschaft", sagt von der Heide. "Wenn wir auf diese Weise auch noch alte Gemüsesorten vermehren und damit retten, dann haben wir viel erreicht", ergänzt Brüling.

Arielle von der Heide und Paulina Brueling | Marlene Kukral, NDR

Arielle von der Heide und Paulina Brueling haben die Bibliothek auf die Beine gestellt. Bild: Marlene Kukral, NDR

Altes Saatgut statt industrieller Pflanzenzucht

Damit aus den Samen einer Tomate oder einer Gurke wieder die gleiche Pflanze wachsen kann, muss das Saatgut samenfest sein. "Die Pflanze bestäubt sich dann selbst, nicht mithilfe von Insekten", erklärt Sybille Maurer-Wohlatz vom BUND Niedersachsen. Das Gegenteil seien gekreuzte Sorten, auch Hybriden genannt.

"Insbesondere finanzkräftige Konzerne benutzen den Mechanismus der Fremdbestäubung gezielt in der Pflanzenzucht", sagt die Naturschützerin. Würde man die Samen von Hybriden erneut aussäen, könnten die unterschiedlichsten Pflanzen daraus wachsen. Für den eigenen Anbau sei das nicht praktikabel. Damit gelangen Anbauerinnen und Anbauer "in Abhängigkeit von Saatgutkonzernen, die ihnen diese Hybriden verkaufen", sagt Maurer-Wohlatz. "Die Konzerne machen damit ein großes Geschäft."

Ein weiteres Problem: Hybriden verdrängen samenfeste Sorten. "Wenn rings herum Hybriden oder mit Gentechnik veränderte Pflanzen wachsen, ist es faktisch nicht möglich, samenfeste Sorten zu erhalten", sagt Maurer-Wohlatz. Insbesondere in den USA, Brasilien und Argentinien sei das bereits passiert. Um dagegen anzugehen, sind in Nordamerika vor einigen Jahren die ersten Saatgutbibliotheken entstanden. Inzwischen gibt es immer mehr davon auch in Deutschland.

Saatgutbibliothek | Marlene Kukral, NDR

In der Saatgutbibliothek sucht sich Albrecht weiteren Nachschub. Bild: Marlene Kukral, NDR

 "Wie früher bei Oma"

Neben dem Beet von Albrecht ist noch etwas Platz. Deshalb geht der Rentner ein weiteres Mal in die Saatgutbibliothek. Diesmal sucht er sich Stangenbohnen aus. "Bohnen habe ich auch noch nie angebaut", sagt er, als er sich die kleine, braune Papiertüte ausleiht.

Eine Rückgabepflicht für das Saatgut gibt es in der Bibliothek nicht. Albrecht will aber in jedem Fall auch Saatgut zurückbringen. "Die ersten Früchte werde ich ausreifen lassen und die Samen trocknen, alle anderen werden gegessen", sagt der Hobbygärtner mit einem Lächeln. Albrecht hofft, dass seine geliehenen Tomaten, Gurken und Bohnen intensiver schmecken. "Wie früher bei Oma", sagt der Rentner. Bis er zum ersten Mal den "Roten Heinz" probieren darf, heißt es aber noch abwarten und fleißig gießen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. Mai 2021 um 22:15 Uhr.

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KOMMENTARE

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nehciezreeL 19.05.2021 • 20:32 Uhr

Tolles Projekt - allzu verkürzte Information zu Hybriden

Danke für den Artikel zu diesem interessanten Projekt! Unklar bleibt aber, warum der Anbau von Hybriden zur Abhängigkeit von Saatgutkonzernen führen soll. Man kann auch Hybride wieder anpflanzen. Sie sind in den meisten Fällen der reinen Sorte unterlegen (denn die Sorte wurde ja meist für ihre guten Eigenschaften gezüchtet)... in seltenen Fällen aber sogar überlegen (und genau das ist Zucht).