Camilla Rothe | LMU Klinikum München

Erster Coronafall in Deutschland Die Ärztin, auf die keiner hörte

Stand: 26.01.2021 08:32 Uhr

Deutschlands erster positiver Coronafall kam vor einem Jahr ins Münchner Tropeninstitut. Die Ärztin Camilla Rothe testete den Mann - und entdeckte: Das Virus überträgt sich auch ohne Symptome. Ihre Warnung wurde ignoriert.

Von Alexander Dallmus, BR

Es lief vieles gut am 27. Januar 2020, rückblickend betrachtet. Ein Mann kommt ins Münchner Tropeninstitut. Der 33-Jährige ist Mitarbeiter von Webasto, einem Automobilzulieferer mit Sitz in Stockdorf, einem Ortsteil der oberbayerischen Gemeinde Gauting bei München.

Er ist mit dem Auto gekommen und wird vorsichtshalber vor der Ambulanz abgeholt und nicht ins Wartezimmer gesetzt. Eine ungewöhnliche Vorsichtsmaßnahme, schließlich hat sich der Patient von einer leichten Grippe am Wochenende bereits wieder erholt. Er will lediglich wissen, ob er noch ansteckend ist, weil er sich um seine Familie sorgt. "Ich war auch im vollen Schutz-Outfit", erinnert sich Camilla Rothe heute, ein Jahr später. "Zum Glück hatte ich das Richtige an, im Nachhinein gesehen."

"Ich war ziemlich überrascht"

Auch die Leiterin der Ambulanz für Tropen- und Reisemedizin der LMU München denkt zu diesem Zeitpunkt noch nicht an die neuartige Lungenkrankheit, die seit Kurzem in China grassiert. Obwohl schon klar ist, dass eine chinesische Kollegin des Patienten positiv auf diese Krankheit getestet wurde - aber erst nach ihrer Rückkehr in die Heimat. Außerdem gilt der Januar als typischer Erkältungs- und Grippemonat. Kein Grund, nervös zu werden.

Ende Januar liefert ein chinesisches Elektronenmikroskop gerade die ersten Bilder des neuartigen Virus. Die Gen-Sequenz scheint überwiegend mit SARS-ähnlichen Coronaviren identisch zu sein. Viel mehr ist nicht bekannt. Das Virus hat noch nicht mal einen Namen. Es gibt zwar bereits verstörende Bilder von Krankenstationen in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, aber das ist weit weg.

Camilla Rothe macht einen Abstrich und schickt den Mann nach Hause. Routine für die erfahrene Tropenmedizinerin: "Zugegeben, ich war ziemlich überrascht, als ich abends von der Mikrobiologie der Bundeswehr angerufen worden bin, dass er tatsächlich dieses neue Virus hat."

"Da waren bei mir die Alarmglocken an"

Rothe ist klar, dass eigentlich nur die chinesische Kollegin Überträgerin sein kann und beginnt mit einer eingehenden Befragung des deutschen Patienten Null. Er und andere Mitarbeiter von Webasto, von denen tags darauf drei weitere positiv getestet werden, bestätigen, dass die Frau keinerlei Erkältungssymptome gezeigt habe. Trotz intensiver Konferenzen und mehrstündigen Business-Workshops. Keine Anzeichen von Husten, Schnupfen oder Heiserkeit. "Da waren bei mir schon die ersten Alarmglocken an", sagt die Medizinerin rückblickend.

Eine Anfrage der staatlichen Behörden unterstreicht: Die chinesische Kollegin hat sich erst nach ihrer Rückkehr etwas krank gefühlt. Während ihres Aufenthaltes in Deutschland war sie beschwerdefrei, bis auf den üblichen Jetlag wegen des langen Flugs.

"Durch jedes Raster gefallen"

Daraus zieht Rothe den Schluss, dass eine Übertragung der neuen Krankheit auch möglich ist, wenn sich keinerlei Symptome zeigen - und genau das macht der Ärztin, die mit Infektionskrankheiten vertraut ist, große Sorgen: "Zumal unsere Indexpatientin gar nicht aus dem damals definierten Risikogebiet in Wuhan kam, sondern aus Shanghai. Sie wäre durch jegliches Raster gefallen."

Umgehend informiert Rothe die zuständigen Gesundheitsbehörden und teilt mit Kollegen die Erkenntnisse, auch kurz darauf in einem Fachartikel des angesehenen New England Journal of Medicine (NEJM). Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Das Feedback im persönlichen Umfeld von anderen Ärzten, die sich mit Infektionskrankheiten befassen, ist positiv. Doch zugleich wird weltweit ihre Entdeckung massiv angezweifelt und in Frage gestellt.

"Ich war bestürzt"

Mehr noch: Die chinesische Patientin X wird von verschiedenen Seiten intensiv befragt, dass sie sich am Ende nicht mehr sicher ist, ob sie nicht doch irgendwelche Symptome bereits in Deutschland gezeigt hat. Von staatlichen Stellen in Großbritannien und Schweden wird Rothes Befragung als "fehlerhaft" bezeichnet.

Ein fataler Irrtum. "Ich kann nicht sagen, dass es mich geärgert hat", sagt Rothe. "Ich war ein bisschen bestürzt, dass es so schwierig war, diesen relativ trivialen Fakt zu vermitteln und dass das nicht gehört werden wollte."

Die Erkenntnis, dass sich Überträger des neuen Virus beschwerdefrei in ein Flugzeug setzen und um die halbe Welt fliegen können, hätte frühzeitig zu adäquaten Maßnahmen führen müssen: Das Tragen von Masken, die Ausweitung von Tests, die Einschränkung des Reiseverkehrs und vieles mehr.

Rothe bekommt eine etwas verspätete Würdigung ihrer Arbeit, als das "Time Magazine" sie mit ihrer Entdeckung von asymptomatischen Infektionen beim SARS-CoV-2-Virus unter die 100 einflussreichsten Personen des Jahres 2020 wählt.

Was in einem Jahr ist, darüber will Rothe nicht spekulieren, aber sie ist sich sicher, dass das Virus noch Überraschungen parat hat. Sie plädiert für Wachsamkeit und ein genaues Monitoring von Mutationen des Virus. Aber dass noch nicht einmal zwölf Monate nach ihrer Entdeckung bereits Menschen geimpft werden können, hätte die Medizinerin auch nicht vermutet: Und das sei doch schon großartig.