Zwei Pflegerinnen schieben Patienten mit Rollstühlen durch einen Flur. | WDR / picture alliance/dpa

Kaum Hilfe für Betroffene Wenn Pflegekräfte sexuell belästigt werden

Stand: 21.04.2022 11:25 Uhr

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt auch in der Pflege vor - darüber gesprochen wird allerdings kaum. Auch professionelle Hilfe gibt es nicht flächendeckend. Betroffene fühlen sich alleingelassen.

Von Julia Kubowicz, Valentina Repetto und Thomas Rostek , rbb

Eine anzügliche Geste hier, ein übergriffiger Spruch da - Julia Förster arbeitet seit neun Jahren als Pflegekraft in Berlin und wurde mehrmals von Patienten sexuell belästigt, wie bei diesem Vorfall in einer Senioren-WG: "Ich war abends fertig, habe den Boden gewischt. Da kam ein Kollege herein und sagte: 'Herr Sowieso, warum holen Sie sich auf die Kollegin einen runter?' Ich habe das gehört und mich umgedreht und sah, wie der Patient dasaß, seinen Penis rausgeholt und an sich rumgespielt hat."

Situationen wie diese sind kein Einzelfall. Das zeigt eine bundesweite Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege aus dem Jahr 2021, die verschiedene Formen der sexuellen Belästigung und Gewalt unterscheidet: Angefangen von nonverbaler sexueller Belästigung über verbale Formen bis hin zu körperlicher Belästigung und Gewalt, wie ungewolltes Betätscheln, Küssen bis zu massiven sexuellen körperlichen Übergriffen.

Vielzahl an Übergriffen

Fast 70 Prozent des befragten Pflegepersonals in stationären Einrichtungen war binnen zwölf Monaten mindestens einmal mit verbaler sexueller Belästigung konfrontiert. Körperliche Übergriffe erlebte rund die Hälfte. Einige Beschäftigte wurden laut Studie sogar zu sexuellen Handlungen gezwungen.

Trotz der Vielzahl an Übergriffen weiß ein Drittel der Pflegekräfte nicht, welche Angebote das jeweilige Unternehmen zur Prävention beziehungsweise Nachsorge bereitstellt. Vor allem Azubis und wenig erfahrene Pflegekräfte sind mit diesen Situationen überfordert.

Darüber gesprochen wird selten, berichtet Förster. In der Ausbildung sei das nur kurz ein Thema gewesen. Aber nie sei es darum gegangen, wie man konkret in solchen Situationen handeln und reagieren sollte. Vielmehr seien Pflegekräfte verzweifelt auf der Suche nach Ansprechpartnern.

Mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen

Claudia Moll ist Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Die SPD-Politikerin hat 30 Jahre lang in der Pflege gearbeitet und selbst Übergriffe erlebt. Moll plädiert im ARD-Mittagsmagazin für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen: "Das heißt, man hat dann auch mehr Zeit für Gespräche." Sie plädiere dafür, die im Team darüber zu sprechen. "Der Arbeitgeber ist verpflichtet, sich darum zu kümmern."

Das Gesundheitsministerium teilte auf Anfrage mit, man habe sich zum Ziel gesetzt, "die Gewaltprävention in der Pflege zu optimieren, sowie die Qualifizierung von beruflich Pflegenden (...) im Hinblick auf den Umgang mit herausforderndem Verhalten (...) zu befördern." Außerdem wolle man "individuelle und universelle Präventionsmaßnahmen, Beratungs- und Supervisionsangebote (...) ausbauen".

Julia Förster  | rbb

Julia Förster hat sexuelle Übergriffe in der Pflege selbst erlebt. Sie sieht auch die Politik in der Pflicht. Bild: rbb

Raus aus der Tabuzone

Julia Förster will reden, mit dem Erlebten umgehen. Dafür nutzt sie auch Social Media. Mittlerweile ist sie eine erfolgreiche Pflege-Influencerin. Auf ihren Kanälen folgen ihr jeweils mehr als 50.000 Menschen. Als sie über sexuelle Belästigung in der Pflege berichtete, meldeten sich viele Betroffene mit ihren eigenen Erfahrungsberichten.

Förster fordert nicht zuletzt wegen der Vielzahl der Opfer, dass sich auch die politisch Verantwortlichen um das Problem der sexuellen Belästigung in der Pflege kümmern. Schließlich bestehe für die Betroffenen ein hohes Risiko, traumatisiert zurückzubleiben, an Burnout oder Depressionen zu erkranken oder den Job zu wechseln. Und das in einer Branche, die ohnehin massiv unter Fachkräftemangel leidet.

Über dieses Thema berichtete das Mittagsmagazin im Ersten am 20. April 2022 um 13:00 Uhr.