Muradi | SWR

Ortskräfte aus Afghanistan "Kommen sie nicht raus, sind sie tot"

Stand: 25.08.2021 12:23 Uhr

Einige ehemalige Ortskräfte aus Afghanistan sind bereits in Deutschland angekommen. Wie geht es ihnen? Drei Begegnungen in Baden-Württemberg: Vom Bangen um die Familie und der Hoffnung auf eine sichere Zukunft.

Von Paula Kersten, SWR

Muradi hat das geschafft, was sich in Afghanistan gerade Tausende wünschen: Als ehemalige Ortskraft der Bundeswehr hat er schon vor gut fünf Wochen einen Platz im Flieger bekommen, also bevor die Taliban die Macht an sich gerissen haben. Sein Gesicht möchte er nicht öffentlich zeigen und seinen Nachnamen nicht nennen. Er fürchtet sich auch hier in Deutschland davor, erkannt zu werden - und damit seine Familie in der Heimat zu gefährden.

Muradi wohnt jetzt in einer süddeutschen Kleinstadt, ist dankbar, hier sein zu dürfen - und doch zerrissen vor Sorge um seine Mutter und seine Schwestern. Die mussten in Afghanistan bleiben und dürfen bis auf Weiteres nicht nach Deutschland reisen. Nur Ehepartner und minderjährige Kinder könnten nachkommen, wurde ihm gesagt. Er ist nicht verheiratet und kinderlos: "Meine Schwestern und meine Mutter sind die einzige Familie, die ich habe." Er sei sehr besorgt. "Alle wissen, dass ich für die Bundeswehr gearbeitet habe. Wenn die Taliban meine Familie finden, werden sie das nicht überleben."

Er spricht mit sanfter, ruhiger Stimme, kommt immer wieder ins Stocken. "Wenn ich daran denke, was ihnen passieren könnte, muss ich weinen. Gerade verstecken sie sich. Sie haben nicht genug essen, kein Geld und niemanden, der sich um sie kümmern kann." Für alleinstehende Frauen sei die Situation besonders schwierig. Er sei verzweifelt, auch weil er gerade so wenig für seine Familie tun kann. 15 Jahre lang habe er der Bundeswehr geholfen. Jetzt sei es an der deutschen Regierung, ihm und seiner Familie zu helfen.

Banges Warten auf eine Genehmigung

Im Nordosten Baden-Württembergs, in Kirchberg an der Jagst, rauchen Dieter Sudermann vom "Freundeskreis Asyl" und Amir Khoja Sediqi starken Drehtabak. Die beiden wollen Sediqis Schwester, seinen Schwager und deren fünf Kinder durch die Kontrollen am Flughafen in Kabul bringen. Der Schwager hat gerade angerufen, die Familie sitzt weiterhin im Flughafen fest. Sediqi und sein Schwager hätten beide für die internationale Friedenstruppe ISAF gearbeitet, erzählt Sediqi. Er selbst floh schon vor vielen Jahren aus Afghanistan. Die Taliban hätten gegen die Familie eine Fatwa ausgesprochen, eine Todesdrohung.

Sediqi erzählt gefasst. Die Angst ist ihm nicht anzuhören, aber seine Worte sind deutlich: "Wenn sie nicht rauskommen, sind sie tot, die ganze Familie." Um auszureisen, braucht die Familie die Bestätigung einer deutschen Behörde. Die Soldaten am Flughafen hätten seiner Schwester 24 Stunden Zeit gegeben, das Okay zu bekommen, erzählt Sediqi: "Sonst schicken sie sie wieder aus dem Flughafen raus."

Von den 24 Stunden sind noch gut vier übrig. Der Schwager erhält eine Nachricht vom Auswärtigen Amt: "Aufgrund der Vielzahl von Maileingängen können derzeit nicht alle Fragen individuell beantwortet werden." Flüchtlingshelfer Sudermann ist sichtlich mitgenommen. "Das Warten ist das Schlimmste. Es geht ja auch um Liebe: Wann erreicht den geliebten Menschen unsere Nachricht. Und dann das bange Warten auf die Antwort. Es ist brutal."

Chaotische Zustände in Kabul

Wie viele ehemalige Ortskräfte deutscher Dienststellen noch in Afghanistan auf die Ausreise warten, sei wegen der unübersichtlichen Lage nur schwer zu beziffern, sagt Lothar Hankel vom "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte":

Die Eintrittsliste zum Flughafen ist die Sammelliste des Auswärtigen Amtes. Viele können zwar nachweisen, dass sie Ortskräfte waren, kommen aber nicht in den Flughafen rein, weil sie nicht auf der richtigen Liste stehen.

Visa würden wegen der fehlenden Infrastruktur kaum noch ausgestellt. Das Patenschaftsnetzwerk kritisiert insbesondere bürokratische Hürden, die es Ortskräften schon vor der Übernahme Kabuls durch die Taliban erschwert hätten, ihre Ausreise zu organisieren. Außerdem seien durch Vorgaben der Behörden viele Ortskräfte zunächst von einem Visumsantrag ausgeschlossen worden.

Sprachlos ob der Hilfsbereitschaft

Zwei Visumsanträge blieben ohne Antwort, beim dritten hat es geklappt: Vor gut zwei Wochen ist eine siebenköpfige Familie aus Afghanistan in der Kaiserstuhl-Region angekommen. Auch sie möchten sicherheitshalber anonym bleiben, weil der Vater lange für die Bundeswehr nahe Masar-i-Sharif gearbeitet hat, erzählt Zeyneb Othman. Sie begleitet die Familie als Flüchtlingssozialarbeiterin für das Deutsche Rote Kreuz.

Othman ist eine engagierte Betreuerin. Als die Familie ankam, mit nichts weiter als fünf Koffern, startete sie einen Spendenaufruf. Menschen kamen und brachten Kleidung, Küchenutensilien, Shampoo, Besteck, Spielzeug für die Kinder und Fahrräder. "Die Familie ist sprachlos gewesen angesichts der Hilfsbereitschaft hier vor Ort", so Othman. Die 16-jährige Tochter habe ihr erzählt, dass die ständige Angst nicht mehr präsent sei, seitdem sie hier ist. Und dass sie versuche, keine Angst mehr vor der Zukunft zu haben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. August 2021 um 12:00 Uhr.