Ein Fläschchen steht vor dem Text "Omicron (B.1.1.529): SARS-CoV-2" | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Impfstoffe und Wirksamkeit Was schützt vor Omikron?

Stand: 10.12.2021 16:57 Uhr

Wie wirksam sind die Impfstoffe gegen die Omikron-Variante? Wie lange würde es dauern, bis sie angepasst sind? Die ersten Ergebnisse von Preprint-Studien und Tests liegen vor. Was sagen sie aus, was nicht?

Von Stefan Troendle, Ralf Kölbel und Carla Vinetta Richter, SWR

Die Ende November 2021 erstmals in Botswana und später vor allem in Südafrika nachgewiesene Omikron-Virusvariante, auch bekannt als  B.1.1.529, scheint sich auch in Deutschland weiter zu verbreiten.

Besonders besorgniserregend sind an der neuen Corona-Variante ihre vielen Mutationen, auch auf dem Spike-Protein. Dieses Protein ist dafür verantwortlich, dass das Virus in die menschlichen Zellen eindringen und sie infizieren kann. Auch die Impfstoffe arbeiten mit dem Spike-Protein. Der Körper wird dazu gebracht, genau gegen dieses Spike-Protein Antikörper zu entwickeln. Dann kann sich das Immunsystem im Falle einer Infektion gegen das Virus wehren. Wie gut die aktuellen Impfstoffe gegen die Variante wirken, wurde jetzt erstmals untersucht.

Wie gut wirken die verfügbaren Impfstoffe gegen die neue Variante?

Die Wirkung der verfügbaren Impfstoffe gegen die Omikron-Variante hat die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek untersucht. Erstes Ergebnis: Wohl alle derzeit verfügbaren Covid-19-Impfstoffe schützen nicht mehr so gut vor einer Ansteckung mit der Omikron-Variante des Coronavirus. Ciesek hat mit ihrem Team herausgefunden, dass selbst doppelt Geimpfte wohl kaum vor einer Ansteckung mit Omikron sicher sind.

Untersucht wurden Proben von Menschen, die zweimal mit BioNTech oder zweimal mit Moderna oder mit einmal AstraZeneca und einmal BioNTech geimpft wurden. Sie waren nach sechs Monaten nicht vor einer Ansteckung mit diese Variante geschützt:  Die vorhandenen Antikörper konnten die Viren nicht neutralisieren.

Wer dreimal mit BioNTech geimpft wurde, hat wohl immerhin noch einen geringen Schutz: 25 Prozent Wirksamkeit bezogen auf die Ansteckung, sagt Virologin Ciesek. Bei der Delta-Variante sind es 95 Prozent. Wie aussagefähig diese Ergebnisse sind, lässt sich derzeit noch nicht abschließend sagen.

Gibt es mehr Durchbruchsinfektionen?

Es könne gut sein, dass mit Omikron noch mehr Durchbruchsinfektionen zu sehen sein werden und somit die Inzidenzen nochmal deutlich ansteigen, sagt Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie und wissenschaftlicher Direktor, Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund.

Auch der Gründer von BioNTech, Ugur Sahin, geht davon aus, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt ein neuer Impfstoff gegen die Variante nötig ist. Erste Labortests des Konzerns hätten gezeigt, dass mit zwei Impfdosen möglicherweise weniger Schutz gegen eine Infektion mit Omikron bestehe. Gegen einen schweren Verlauf der Covid-Erkrankung sei man aber immer noch gewappnet. Drei Impfdosen des BioNTech-Impfstoffs würden die Omikron-Variante allerdings neutralisieren, so das Ergebnis der zweiwöchigen ersten Untersuchung.

Wie lange dauert es, die Impfstoffe an die neue Variante anzupassen?

In den vergangenen Monaten haben BioNTech, Moderna und AstraZeneca im Labor bereits geübt, wie sie ihre Impfstoffe an Varianten wie Beta und Delta anpassen können. Sahin meint, es dauere circa 100 Tage, bis ein neuer Impfstoff gegen die Variante entwickelt und ausgeliefert werden könne.

Jedoch unterscheidet sich das Tempo der Entwicklung je nach Impfstofftechnologie - es liegt zwischen sechs Wochen und einigen Monaten. Bei mRNA-Impfstoffen sei eine Umstellung kurzfristig möglich, bei Vektorimpfstoffen dauert es länger. Denn bei dieser Technik müssen zunächst neue Viren gezüchtet werden und das verlängert die Entwicklungszeit auf etwa drei bis vier Monate, sagen der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) Klaus Cichutek und die Hamburger Impfforscherin Marylyn Addo bei einer Pressekonferenz des Science Media Centers. Die eigentliche Produktion bräuchte dann vermutlich auch noch weitere sechs Wochen.

STIKO-Chef Thomas Mertens geht davon aus, dass es aber noch einige Monate dauern wird, bis die Impfstoffe dann tatsächlich zur Verfügung stehen. Insgesamt sollte es bei den mRNA-Impfstoffen von der Entscheidung zur Anpassung bis zur Bewilligung drei bis vier Monate dauern. Bei den Vektorimpfstoffen vermutlich noch einen Monat länger.

Das bedeutet, die neuen Impfstoffe könnten frühestens im späten Frühjahr 2022 fertig sind, spätestens aber im Herbst. (Quelle: ORF Science)

Wie gut schützen neue Impfstoffe wie von Novavax oder Valneva vor Omikron?

Demnächst könnten in der EU auch neue Impfstoffe von Novavax oder Valneva zugelassen werden. Helfen diese proteinbasierten - oft als "Totimpfstoffe" bezeichneten - Impfstoffe auch gegen die Omikron-Variante? Florian Krammer, Impfstoff-Experte an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in den USA, äußerte sich besorgt: "Ich würde annehmen, dass die Wirksamkeit der Immunantwort durch die Impfung bei ihnen am stärksten abnimmt."

Inaktivierte Impfstoffe sind laut Krammer nicht so gut geeignet, eine T-Zell-Reaktion auszulösen und erzeugen auch weniger neutralisierende Antikörper. Es sei aber wichtig, dass man sich bei einer Infektion auf verschiedene Antworten des Immunsystems verlassen kann.

Was kann man in der Zwischenzeit tun?

Um eine Ansteckung und Verbreitung der Omikron-Variante zu vermeiden, können verschiedene Schritte ergriffen werden. Zunächst sollte man weiterhin darauf achten, sich regelmäßig die Hände zu waschen, es vermeiden sich ins Gesicht zu fassen, Abstand zu anderen vor allem in geschlossenen Räumen halten und eine medizinische Maske tragen. Wenn möglich sollte man größere Menschenmengen vermeiden oder nur noch beschränkten Kontakt mit denselben Menschen haben.

Außerdem rät Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfforschung der Charité in Berlin, zu einer Auffrischungsimpfung. Eine Boosterimpfung (also in der Regel eine dritte Impfdosis) kurbelt das Immunsystem wieder an, Antikörper zu produzieren.

Wenn man sich doch ansteckt, wie verläuft eine Infektion mit Omikron?

Über den Krankheitsverlauf bei einer Ansteckung mit der neuen Omikron-Variante ist derzeit nur wenig bekannt: Angélique Coetzee, Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbands, sagte der BBC, dass die bisher in ihrem Land festgestellten Fälle nicht schwerwiegend seien. Die Untersuchungen zu dieser Variante seien allerdings noch in einem sehr frühen Stadium. Hier muss man berücksichtigen, dass die Bevölkerung in Südafrika im Schnitt deutlich jünger ist als beispielsweise in Deutschland.

Der Zeitung "Telegraph" sagte Coetzee, man müsse sich Sorgen machen, dass die neue Variante ältere Menschen, die zusätzlich an Diabetes oder Herzkrankheiten litten, viel härter treffen könnte. Auch der Virologe Christian Drosten und der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach sehen in Bezug auf Omikron noch keinen Anlass zur Entwarnung.

In Bezug auf schwere oder tödliche Verläufe bei Geimpften gehen die meisten Forscher aber bisher davon aus, dass der Schutz hier längst nicht so stark zurückgeht - Genaueres weiß man aber noch nicht.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. Dezember 2021 um 22:30 Uhr.