Eine verschmutzte OP-Maske liegt auf der Straße  | dpa
Hintergrund

Corona-Variante Wohin führt Omikron?

Stand: 28.01.2022 06:32 Uhr

Ist die Virusvariante Omikron vor allem ein Risiko - oder doch auch eine Chance auf das Ende der Pandemie? Mit welcher Entwicklung rechnen Virologen und Epidemiologen?

Von Jens Eberl, WDR

Der Bremer Infektionsepidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie sieht "Licht am Ende des Tunnels". Durch die hohe Ansteckungsrate der Omikron-Variante werde sich zwangsläufig fast jeder damit infizieren.

Jens Eberl

"Weil zugleich die Krankheitsverläufe milder ausfallen, insbesondere bei umfassend geimpften Menschen, besteht so die Chance, in einen Zustand breiter Grundimmunisierung der Gesellschaft zu gelangen", sagte Zeeb gegenüber dem "Weser-Kurier".

"Grundsätzlich optimistisch"

Christian Karagiannidis, Leiter des ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim und Mitglied des Expertenrats der Bundesregierung, rechnet damit, dass Omikron nochmal zu einer deutlichen Belastung in allen Lebensbereichen führen wird, insbesondere durch Personalausfälle, aber auch zu Belastungen auf den Normalstationen der Krankenhäuser und im ambulanten Bereich.

"Ich bin grundsätzlich optimistisch, dass wir in ein paar Wochen erstmal kaum noch über Corona sprechen werden und die Chance der Endemie 2022 greifbar wird. Je schneller alle geimpft sind, desto schneller sind wir da", so Karagiannidis. Sorge bereite ihm aber der kommende Herbst. Hier müsse man sich gut vorbereiten.

Chance und Risiko

Omikron hat mildere Verläufe als Delta. Darin liegt eine Chance, aber auch ein Risiko. Denn viele fangen an, Corona zu unterschätzen. Virologin Sandra Ciesek hat vor einem zu leichtfertigen Umgang gewarnt. Die Vorstellung, sich nun womöglich vorsätzlich mit der Omikron-Virusvariante anzustecken, um über einen vermeintlich milden Verlauf eine Immunität zu erlangen, sei absurd, sagte sie im aktuellen NDR-Podcast. "Ich stecke mich ja auch nicht absichtlich mit dem Hepatitis-C-Virus an, nur weil man es gut behandeln kann", so Ciesek.

Daten aus Südafrika würden belegen, das Ungeimpfte zwar spezifische Immunreaktionen auf Omikron ausbilden, jedoch kaum Antikörper gegen Delta entwickeln. "So dass man davon ausgehen muss, dass diese Menschen sich mit Delta, wenn es denn noch mal zirkuliert, wieder anstecken könnten", so die Befürchtung der Virologin.

Drosten befürchtet neue Variante

Vermutlich könnten sich Genesene auch mit einer anderen Variante erneut anstecken. Es gebe verschiedene Möglichkeiten, wie sich Omikron von einer eher milden Variante in eine stärker krank machende entwickeln könnte, sagte der Virologe Christian Drosten im Deutschlandfunk. Er befürchtet eine Rekombination aus Omikron und Delta. Vor allem aufgrund der Veränderungen am sogenannten Spike-Protein gelingt es der Omikron-Variante derzeit, den zumindest teilweise bestehenden Immunschutz der Bevölkerung zu umgehen. Es sei vorstellbar, dass künftig ein Virus entstehe, das einerseits "das Spike-Protein des Omikron-Virus trägt, um weiterhin diesen Immunvorteil zu genießen, aber den Rest des Genoms des Delta-Virus hat", so Drosten.

Die Strategie "Wir infizieren uns alle mit dem milden Omikron und danach sind alle immun", sei deshalb ein Trugschluss, sagt Drosten. Deshalb sei die Impfung immer noch der beste Schutz.

Ciesek: Zu Lasten der "Immunschwachen"

Virologin Ciesek weist auf die Konsequenzen hin, wenn geboosterte und frisch genesene Kontaktpersonen nicht mehr in Quarantäne müssen. Diese könnten das Virus - gerade bei der Omikron-Variante - trotzdem weiterverbreiten. Mit Blick auf die gesamte Gesellschaft sei es fragwürdig, wenn den Menschen eine Ansteckung in Erwartung eines leichteren Verlaufs nun egal werde. Denn ausbaden müssten das vor allem die, die keinen ausreichenden Immunschutz haben aufbauen können, sagte Ciesek. Also beispielsweise Menschen mit eingeschränktem Immunsystem oder alte Menschen.

Es sei auch ein Trugschluss, sich nur auf vermeintlich milde Verläufe bei Omikron zu verlassen, warnt Karagiannidis. "Operativ werden wir nochmal viele Patientinnen und Patienten sehen in den Kliniken, individuell aber im Durchschnitt mit geringerer Krankheitsschwere. Das ist gut", sagt er. "Die großen Zahlen zusammen mit dem zunehmenden Personalausfall können jedoch ein echtes Problem werden. Inhaltlich fehlen uns einige Daten zu sagen, wie schwer die Belastung der Klinken wird", so der Facharzt für Innere Medizin.

Wichtig sei nun ein gutes Monitoring in allen Lebensbereichen: "Wieviel Unterrichtsausfall haben wir durch Quarantäne und Infektion? Wie viele Patienten kommen ins Krankenhaus und wie viele davon erkranken schwer?"

Kargiannidis: Kaum Vergleichsdaten

Kargiannidis verweist darauf, dass es in Deutschland kaum Patienten-individuelle oder Vergleichsdaten zu Delta gibt. Die Bevölkerung hierzulande sei im Durchschnitt älter als zum Beispiel in Südafrika, was die Vergleichbarkeit einschränkt. In Großbritannien seien viele Risikogruppen und Ältere bereits geboostert.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat immer wieder betont, dass man in Deutschland zu spät mit dem Boostern begonnen habe. Nun bestehe die Gefahr, dass sich die Omikron-Variante, die zuerst vor allem bei jüngeren Personen in Deutschland auftrat, nun auch immer mehr unter den älteren und ungeimpften Bevölkerungsteilen verbreite. Ob es unter diesen Gruppen auch zu deutlich milderen Verläufen als bei Delta komme, sei noch nicht abzusehen.

Über dieses Thema berichtete BR Fernsehen am 12. Januar 2022 um 20:15 Uhr.