Ein Obdachloser sitzt unter einem Schirm auf der Straße. | IMAGO/Michael Gstettenbauer

Obdachlose in der Hitze Wenn die Straße glüht

Stand: 13.08.2022 15:07 Uhr

Obdachlose leiden besonders unter den hohen Temperaturen. Sie haben kaum Möglichkeiten, sich vor der Hitze zu schützen. Und ihre gesundheitliche Verfassung ist meist ohnehin schlecht.

Von Jens Eberl, WDR

Peter ist seit 2014 obdachlos, er ist 72 Jahre alt. Diesen Sommer ist es besonders schlimm. Die Hitze macht ihm zu schaffen. Normalerweise lebt er in Köln in einem Zelt. Doch dort könne er nicht mehr schlafen, erzählt er. Es sei einfach zu heiß.

Peter versucht, sich möglichst viel im Schatten aufzuhalten, aber auch das sei bei Temperaturen über 30 Grad schwierig. "Momentan laufe ich viel umher", erzählt er. Das sei besser, als in der Hitze zu sitzen. "Jeden Morgen gehe ich zu einer Obdachloseneinrichtung, dusche dort und befülle zwei große Wasserflaschen." Das sei seine Tagesration.

"Leute sind psychisch angespannt"

In der Einrichtung des Sozialdienstes Katholischer Männer spüren die ehrenamtlichen Helfer die Auswirkungen der Hitze. "Wir merken es deutlich am Gemütszustand, die Leute sind psychisch angespannt. Sie müssen sich ausruhen, hier im gesicherten Rahmen, viele sind erschöpft", berichtet der Einrichtungsleiter der Kontaktstelle für Wohnungslose am Kölner Hauptbahnhof, Ralf Promper.

Erstmals stellt das Gesundheitsministerium NRW in diesem Jahr 250.000 Euro zum Schutz von Obdachlosen vor der Hitze zur Verfügung. "Nicht nur im Winter, sondern auch bei sommerlicher Hitze sind Menschen, die auf der Straße leben, besonders gefährdet", sagte dazu NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU). Häufig sei die gesundheitliche Verfassung der Obdachlosen ohnehin schlecht, extreme Temperaturen könnten da lebensbedrohlich werden.

Große Nachfrage nach Hilfsgeldern

Für die Verteilung ist Andreas Sellner zuständig, der Koordinator der Winterhilfe. Der Caritasmitarbeiter verfügt über die Kontakte zu den örtlichen Verbänden, Initiativen und Organisationen - ein landesweites Netzwerk der Obdachlosenhilfe. Er achte darauf, dass das Geld gerecht unter den unterschiedlichen Trägern aufgeteilt werde. 100 Träger habe er angeschrieben, durchschnittlich bekommt jede Ausgabestelle also 2500 Euro.

Die Nachfrage sei groß, berichtet er. "Die Einrichtungen können beispielsweise Sonnencreme, Hütchen, oder hitzeabweisende Zelte besorgen. Einige Einrichtungen versuchen, auch die Räume mit Ventilatoren zu lüften oder einen Brunnen aufzustellen", so Sellner.

Ralf Promper hat vor wenigen Tagen 2500 Euro erhalten. Er hat für seine Einrichtung mehr als 100 Thermoflaschen bestellt, hundert weite, helle T-Shirts, Sonnencaps und Tücher, die man sich um den Kopf wickeln kann. "Bei Zelten mit Thermobeschichtung gibt es derzeit Lieferschwierigkeiten, wir warten auch noch auf die Sonnensegel", so Promper.

Suche nach kühlen Räumen

Peter sehnt sich vor allem nach kühlen Räumen. "Ich fahre zum Flughafen und setze mich dort hin. Aber optimal ist das momentan nicht. Sehr viele wollen wegfliegen. Die Gebäude sind innen sehr stark frequentiert", berichtet Peter, der Sorgen vor einer Corona-Ansteckung hat. Auch Einkaufszentren seien deshalb nicht so seine Sache.

Viele Obdachlose würden immer noch verscheucht, hat Promper festgestellt. Immerhin gebe es mit den Kölner Verkehrsbetrieben inzwischen eine interne Absprache, dass die Sicherheitsdienste in den U-Bahn-Stationen mal ein Auge zudrücken. Er wünscht sich, dass an festen Orten Kältezelte aufgestellt werden, wo sich die Obdachlosen abkühlen können. "Auch weitere Duschangebote wären gut. Langfristig brauchen wir auch vermehrt Hygieneartikel, Sonnencreme und Aftersun", so Promper.

Mehr Aufmerksamkeit in der Bevölkerung

Neben aller finanzieller Hilfe wünscht sich Promper vor allem mehr Aufmerksamkeit bei den Mitmenschen. Vor Kurzem sei ein Obdachloser auf dem Bahnhofsvorplatz gestorben: Er lag stundenlang in der Sonne, alle seien vorbeigegangen. "Ich wünsche mir, dass die Leute, die Augen offenhalten. Im Zweifelsfall wählen Sie die 112. Da können sie nichts verkehrt machen", appelliert der Sozialpädagoge.

Andreas Sellner von der Caritas stellt fest, dass durch die bereitgestellten Gelder des Landes und die damit einhergehende Berichterstattung viele Menschen das Thema erreicht hat. "Auch die Kommunen sind inzwischen an mich herangetreten und haben gefragt, wie sie helfen können." Auch in der Bevölkerung gebe es etwas mehr Aufmerksamkeit. "Viele sind sensibilisiert, die Leute stellen auch mal eine Flasche Wasser hin", so Sellner. 

Auch Peter konnte schon eine schöne Erfahrung machen. "Letzte Woche hat uns eine Dame ein Eis spendiert. Das tut gut. Nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist", sagt er. Es sei schon eine besondere Sache, wenn man Hilfe von anderen bekomme.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. August 2022 um 22:15 Uhr.