Mitarbeiter der Pflege in Schutzkleidung behandeln einen Patienten mit Corona-Infektion auf der Intensivstation Universitätsklinikums Essen.  | dpa

Kündigungswelle erwartet Pflegebranche am Limit

Stand: 10.03.2021 17:22 Uhr

Sie beklagen chronische Überlastung am Arbeitsplatz, nun kommen weitere Härten durch die Corona-Krise für Pflegekräfte on top. Die Stimmung ist im Keller, viele denken darüber nach aufzugeben.

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Es ist eine von Corona besonders betroffene Branche, in der sich derzeit immer wieder wahre Albträume abspielen: Im Pflegebereich ist das Corona-Infektionsrisiko für Beschäftigte besonders hoch - vor wenigen Wochen erwischte es gar ein ganzes Krankenhaus in Berlin, das wegen eines Ausbruchs von rund 30 Fällen mit der Coronavirus-Mutation B.1.1.7. komplett unter Quarantäne gestellt werden musste. Für die etwa 1700 Beschäftigten des Humboldt-Klinikums bedeutete das "Pendelquarantäne" - sie durften nur zwischen ihrem Zuhause und der Klinik unterwegs sein.

Corinna Emundts tagesschau.de

Solche Umstände treiben den Unmut der Pflegerinnen und Pfleger in der Pandemie in ihrer aktuell zweiten Welle auf die Spitze. Die "Arbeitsquarantäne" sei der Gipfel gewesen, berichtet ein Krankenpfleger und Praxisanleiter aus Niedersachsen gegenüber tagesschau.de über vergleichbare dortige Arbeitsbedingungen: "Zur Arbeit und nach Hause, dazwischen keine Einkäufe möglich - und dass man Familie hat, war egal".

"Nicht eingehaltene Politik-Versprechen"

Doch die Grundproblematik des sich aufstauenden Frusts seien "die nicht eingehaltenen Versprechen der Politik gegenüber der Pflege", etwa kein ausreichender Schutz. Beschäftigte, die aufgrund ihres Alters oder Vorerkrankungen besonders gefährdet seien, hätten trotzdem weiter arbeiten müssen, erzählt der im Öffentlichen Dienst angestellte 42-jährige, der namentlich nicht genannt werden möchte, aus seinem Krankenhaus. Arbeitsschutzgesetze seien in der Pandemie ausgesetzt worden, was es möglich gemacht habe, mehr zu arbeiten als zulässig - "das frustriert alle". Der Branchendienst "pflegen-online" berichtet von anderen Fällen, in denen sogar Pflegekräfte mit positivem Testergebnis weiterarbeiten mussten, weil sie nicht abkömmlich waren: eine Branche am Limit.

"Corona hat Fass zum Überlaufen gebracht"

"Mein Job wurde mir in den letzten Jahren unmöglich gemacht. Patienten wurden namenlose Klienten auf dem Fließband. Corona hat das Fass zum Überlaufen gebracht", bekennt eine Krankenschwester auf Twitter, die deswegen nun ihren Beruf an den Nagel gehängt hat.

"Überlastung ist chronisch"

Sie wird kein Einzelfall bleiben, so schätzt es auch der Gesundheitsexperte Heinz Rothgang ein: "Wir haben Bedingungen geschaffen, die den Beruf für viele nicht mehr erträglich machen". Die Stimmung sei im Keller, die Belastungen objektiv hoch - und in der Krise nun zweimal weiter hochgefahren worden.

"Die Überlastung in diesem Bereich ist chronisch", erklärt Rothgang, der an der Universität Bremen zu Gesundheit, Pflege und Alterssicherung forscht und lehrt. Der Berufsstand habe auch schon vor der Pandemie überdurchschnittlich hohe Werte bei Arbeitsunfähigkeits-Diagnosen, Frühverrentung und Erwerbsminderung. Überlange Schichten und durchgearbeitete Wochenenden durch Corona kommen nun noch obendrauf: "Die gehen auf dem Zahnfleisch". Die Hälfte der Krankenhaus-Intensivbereiche sei immer noch nicht im Normalbetrieb zurück.

Kündigungswelle erwartet - nach der Krise

Rothgang geht von einer regelrechten Kündigungswelle nach der Pandemie aus. Pflegende seien vom Typus her eher Idealisten, die aus Pflichtgefühl nicht mitten in der Krise hinschmeißen würden. Solche Signale hört er aus vielen Pflegeeinrichtungen. Schon vor der Krise zeigten Befragungen, dass viele mit dem Gedanken spielen zu gehen.

Sie fühlten sich von der Politik allein gelassen, so Rothgang. Da kam die von Gesundheitsminister Jens Spahn versprochene Corona-Pflegeprämie für die Altenpflegerinnen und -pfleger in Höhe von 1500 Euro und 1000 Euro für Krankenhauspfleger offenbar allenfalls nur wie ein kleines Trostpflästerchen bei den Betroffenen an, zumal sich ihre Ausschüttung hinzog. Wochenlang wurde nach der Ankündigung zwischen Ländern, Pflegekassen und Arbeitgebern um die Finanzierung gerungen - und auch nicht jede und jeder Pflegende war anspruchsberechtigt.

Erste Anzeichen des Frusts sichtbar?

Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, welche Pia Zimmermann von der Fraktion der Linkspartei im Bundestag erfragt und veröffentlicht hatte, scheinen schon eine pandemiebedingte Kündigungswelle anzudeuten: Zwischen Ende März und Ende Juli zählte die Branche rund 9000 weniger Beschäftigte, zwischenzeitliche Rückgänge zwischen 0,44 und 0,6 Prozent für Kranken- und Altenpflege. Doch bereits bis Ende August hatten sich die Zahlen wieder erholt. Dies geht aus einer BA-Statistik hervor, die tagesschau.de vorliegt. Im Gesamtjahresüberblick gehört das Gesundheitswesen insgesamt zu den wenigen Branchen, die 2020 bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigungsverhältnissen sogar zulegten.

Die kurzfristige Beschäftigtendelle lässt sich nicht eindeutig erklären. Es kann sich um eigene Kündigungen handeln oder um Arbeitsverträge, die seitens der Arbeitgeber gekündigt wurden beziehungsweise ausliefen. Oder freie Stellen konnten nicht zeitnah nachbesetzt werden, etwa weil Bewerbungsgespräche fehlten.

Branche sucht händeringend Fachkräfte

"Die Krankenhäuser bauen seit Jahren die Zahl der Pflegekräfte aus, soweit es der Arbeitsmarkt ermöglicht. Jede Pflegekraft wird den Krankenhäusern voll finanziert, so dass es kein finanzielles Interesse für weniger Pflegekräfte in Krankenhäusern gibt", sagt dazu Georg Baum, Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Der gemeldete Rückgang bewege sich durchaus im Rahmen der auch altersbedingten Fluktuationen und könne mit Stellenbesetzungsproblemen unter Pandemiebedingungen erklärt werden.

Ein Pflegekräfteschwund widerspräche "unserer Politik, alles für die Pflege zu tun", kommentiert Gesundheitsministeriums-Sprecher Hanno Kautz, der den kurzfristigen Zahlenrückgang zwischen April und Juni als Effekt vor allem von vorübergehend Beschäftigten in Reha-Einrichtungen beschreibt. Die Gesundheitsbranche habe durch die Pandemie keine Beschäftigungsverluste erlitten: "Ohne die Coronakrise wäre Pflege das Hauptthema in dieser Legislaturperiode gewesen".

Denn eigentlich sucht die Branche händeringend Personal. Die Zahl der offenen Stellen, die nicht besetzt werden können, ist groß. Die Zahl der errechneten Stellen, die zusätzlich benötigt werden, noch größer. In der besonders schlecht bezahlten Altenpflege dauert es derzeit durchschnittlich ein halbes Jahr, um eine offene Stelle wiederbesetzt zu bekommen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. März 2021 um 03:07 Uhr.