Menschen mit Mundschutz stehen in einer Schlange vor einem Eiscafé. | dpa

Modellprojekte Wie Öffnungen funktionieren sollten

Stand: 30.03.2021 19:16 Uhr

Tübingen, Rostock, Böblinger Modell: Trotz rasant steigender Infektionszahlen experimentieren einige Städte und Kreise mit Öffnungen - und rufen Nachahmer auf den Plan. Ein Überblick.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Bei den jüngsten Bund-Länder-Gesprächen wurde die Möglichkeit "zeitlich befristeter Modellprojekte" für Lockerungen beschlossen. Abgesichert durch eine breit angelegte Teststrategie will man herausfinden, wie Öffnungen in der Pandemie funktionieren könnten. Nicht nur die Kanzlerin betrachtet solche Versuche derzeit allerdings mit Skepsis. "Eigentlich soll das Testen der Senkung der Fallzahlen dienen", sagte Merkel in der ARD-Sendung Anne Will. Es werde aber immer mehr zu einem Anreizinstrument, sich mehr Öffnungen zu erlauben. "Testen alleine mit Öffnen wird das Problem nicht lösen", so Merkel. Dennoch laufen bundesweit gerade Bewerbungsverfahren für solche Modellregionen. Es gibt zahlreiche Vorbilder:

Sandra Stalinski tagesschau.de

Böblinger Modell: Testen, testen, testen

Schon seit 8. Februar geht der Landkreis Böblingen in Baden-Württemberg einen eigenen Weg: Dreh- und Angelpunkt ist dabei ein flächendeckendes Testkonzept. Zu Beginn waren es fünf Testzentren, inzwischen sind es 43, in denen jeder Bürger zweimal pro Woche gratis einen Schnelltest machen kann - und zwar schnell und unbürokratisch.

Die Idee dahinter: Infektionsketten können frühzeitig unterbrochen werden, weil die Menschen nicht erst bei Symptomen zum Testen gehen, nachdem sie womöglich schon viele andere angesteckt haben. Das Konzept scheint aufzugehen: Tatsächlich sind die Infektionszahlen im Kreis Böblingen niedriger als im Landesdurchschnitt.

Tübingen: Tagesticket zum Glück

Auch in Tübingen läuft schon seit 16. März ein Modellprojekt, das gerade noch einmal bis zum 18. April verlängert wurde. Trotz zwischenzeitlicher Bedenken. Denn auch in Tübingen gab es zuletzt wieder einen Anstieg der Fallzahlen.

An neun Teststationen können die Menschen sich kostenlos testen lassen. Mit negativem Ergebnis bekommen sie ein Tagesticket, mit dem sie in Läden, zum Friseur, in Cafés, Museen oder Theater gehen können. Zusätzlich hat die Stadt ein System regelmäßiger Testungen in Betrieben, Schulen und Kitas aufgebaut.

Weil Bürgermeister Boris Palmer von den Grünen den jüngsten Anstieg der Fallzahlen nicht aufs Einkaufen oder den Theaterbesuch zurückführt, hält er vorerst an dem Projekt fest.

Rostock: Testen und lockern

Auch in Rostock, wo die Infektionszahlen seit Monaten so niedrig waren wie sonst fast nirgends in der Republik, wird seit Anfang März mit Lockerungen experimentiert: Testweise wurden erste Veranstaltungen durchgeführt, beispielsweise im Volkstheater Rostock. Zugangsvoraussetzung für die etwas über 100 Zuschauer aus Regionen mit einer Inzidenz unter 50 war ein negativer Schnelltest, außerdem mussten Abstände eingehalten und Masken getragen werden.

Rostock ist auch die Stadt, in der nach monatelanger Pause das erste Profi-Fußballspiel mit Publikum stattfand. Gut 700 Zuschauer verfolgten auf zwei Tribünen mit großem Abstand und nach vorherigem Test das Spiel zwischen Hansa Rostock und dem Halleschen FC. Ob es weitere solcher Spiele geben wird, ist noch unklar.

Schon seit Längerem hat Rostock eine Teststrategie mit Schnell- und PCR-Tests an Schulen und Kitas. Jetzt will Rostock Modellregion für weitere Öffnungen werden. Geplant ist, die Klassen 7 bis 11 wieder in die Schulen zu holen sowie Kinder und Jugendsport in Hallen und Außengastronomie zu ermöglichen. Das alles mit angepasstem Hygiene- und Testkonzept.

Saarland: Ein ganzes Bundesland als Modell?

Im Saarland soll gleich ein ganzes Bundesland zur Modellregion werden - und zwar direkt nach Ostern, so der ambitionierte Plan. Ob es dabei bleibt, ist aber nicht mehr ganz sicher. Zwar hat der saarländische Ministerpräsident, Tobias Hans von der CDU sein Vorhaben auch gegen die Kritik der Kanzlerin zunächst verteidigt: "Wir sorgen mit dem Saarland-Modell dafür, dass Aktivitäten, die im Moment drinnen stattfinden, im Verborgenen, ins Freie kommen", sagte er. Das Saarland werde diese Strategie weiterverfolgen.

Doch auf Twitter deutete er an, dass der Zeitplan womöglich wackelt: "Selbst wenn wir wegen exponentiellem Wachstum einer 3. Welle nicht zum 6.4. starten könnten - das Saarland-Modell wird kommen. Mehr Tests, mehr Impfen, mehr App, mehr Freiheit, mehr Umsicht."

Geplant ist eine Öffnung in mehreren Schritten. Zunächst sollen Kinos, Fitnessstudios und Außengastronomie wieder öffnen. Auch hier mit tagesaktuellem negativem Schnelltest als Voraussetzung. Außerdem ist eine Lockerung der geltenden Kontaktbeschränkungen geplant: Private Treffen im Freien sollen mit bis zu zehn Personen erlaubt sein. "Die Menschen können beispielsweise in ihrem Garten mit Nachbarn endlich wieder grillen", sagte Hans.

Auch Kontaktsport im Außenbereich oder kontaktloser Sport in Hallen soll wieder möglich sein. Die Lockerungen sollen gelten, so lange die Inzidenz unter 100 liegt. Um all das zu ermöglichen will Hans das Testangebot deutlich ausweiten. Jeder Bürger soll sich testen lassen können, wenn er wolle, sagte Hans. Dazu soll es mehr als den bisherigen einen kostenlosen Test pro Woche und pro Bürger geben.

Weitere Öffnungsschritte könnte es nach dem 18. April geben: in der Gastronomie, beim Ehrenamt, in den Schulen. Dass das geht, begründet Hans mit der im Bundesschnitt vergleichsweise niedrigen Sieben-Tage-Inzidenz von 75,7, mit der guten Test-Infrastruktur und einer hohen Impfquote von knapp 11,4 Prozent bei den Erstimpfungen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 30. März 2021 um 05:42 Uhr.