Das Studentenviertel "Olydorf" in München mit den typischen Bungalows. | dpa
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Olympisches Dorf in München Die große Freiheit im Würfel-Bungalow

Stand: 03.08.2022 14:38 Uhr

Betonwüste für die einen, futuristischer Wohnentwurf für die anderen: Umstritten war das Olympische Dorf in München bereits vor 50 Jahren. Doch viele, die hier wohnen, wollen nie wieder woanders hin.

Von Moritz Steinbacher, BR

Es ist ein lebendes Denkmal, das Olympische Dorf im Norden von München. Als Unterkunft für die Athleten hat es zwar schon lange ausgedient, den Flair der Olympischen Spiele trägt es aber nach wie vor in sich. Denn seit den Sommerspielen von 1972 hat sich kaum etwas verändert. 1998 wurde das Dorf zusammen mit dem nur einen olympischen Speerwurf entfernten Olympiastadion unter Denkmalschutz gestellt.

Vom Penthouse bis zum Würfel-Bungalow

Vom Reihenhaus über Eigentumswohnungen bis hin zu mondänen zweigeschossigen Penthäusern: Es findet sich fast jede Immobilienart in der in den späten 1960er-Jahren geplanten Anlage. Der untere Teil des Dorfes wird vom Studentenwerk München verwaltet. Rund 2000 Studierende leben hier in kleinen Würfel-Bungalows, die mittlerweile von Grund auf saniert wurden.

Bruni Hülle war eine der ersten Bewohnerinnen dort. Sie lebte bereits vor den Spielen hier, denn von April 1971 bis März 1972 wurden die kleinen Bungalows im Probebetrieb von Studenten für die Athleten getestet. Die spätere Gymnasiallehrerin Hülle genoss vor allem, allein zu wohnen.

Bruni Hülle | BR/Steinbacher

Bruni Hülle war eine der ersten Bewohnerinnen und später auch "Olympia-Hostess". Das Hostessen-Kleid von damals passt ihr noch heute. Bild: BR/Steinbacher

Die "große Freiheit" - mit Herrenbesuch

Denn Anfang der 1970er-Jahre war es "eigentlich noch gang und gäbe, dass man irgendwo zur Untermiete wohnt - oft bei einer ältere Witwe mit großer Wohnung", erzählt Hülle. "Aber mit Besuch war das sehr eingeschränkt - vor allem mit Herrenbesuch." In den neuen Bungalows haben man dann "die große Freiheit" gehabt - mit Herrenbesuch auch nach 22 Uhr.

Während der Spiele musste Hülle zwar ausziehen, war aber trotzdem dabei - als sogenannte Olympia-Hostess. Nach den Spielen kehrte sie ins Dorf zurück, lernt ihren Mann Wolfgang kennen und zog mit ihm 1975 in einen der weißen Wohnblöcke im sogenannten Oberdorf. Die beiden waren erstmal fast die einzigen, die dort wohnten. Denn das Olympische Dorf war nach den Spielen alles andere als begehrt.

Das olympische Dorf in München im Jahr 1998. | BR/Steinbacher

Futuristisch und viel Beton: Anfangs waren die Wohnungen im Olympischen Dorf alles andere als gefragt. Bild: BR/Steinbacher

Das olympische Dorf in München mit dem Olympiastadium im Hintergrund. | BR/Steinbacher

Heute sind die Bäume groß, der Beton ist geblieben - ausziehen mag aber kaum noch ein "Dörfler". Bild: BR/Steinbacher

Unten die Autos, oben nur Fußgänger und Radfahrer

Unter anderem mit Hilfe spezieller Förderprogramme wurde das Dorf dann langsam voll. 1975 zog auch Hildegard Schmid mit ihrem Mann in eines der Reihenhäuser. Anfangs sei sie überhaupt nicht überzeugt gewesen von der Bauweise, erzählt Schmid. Doch schon nach kurzer Zeit wurden ihr die Vorteile bewusst.

Einer davon: Ihre Kinder konnte sie ohne Aufsicht draußen herumtoben lassen. Denn die Planer hatten die Wohn-, Verkehr- und Spielbereiche voneinander getrennt - das gilt bis heute. Autos fahren im Dorf nur unterirdisch. Die Bewohner kommen direkt von der Parkebene in ihre Wohnung oder ihr Reihenhaus. An der Oberfläche sind Fußgänger und Radfahrer für sich.

Familie Niese blättert durch ein Fotoalbum. | BR/Steinbacher

Hildegard Schmid ist heute "Pflegeoma" bei den Nieses. "Ich möchte nie mehr woanders hingehen", sagt sie mit Blick auf die gute Nachbarschaft. Bild: BR/Steinbacher

"Einfach auf die Straße rausgekrabbelt"

Inzwischen haben Sandra und Stefan Niese das Haus der Schmids gekauft. Auch sie begeistert neben dem vielen Grün vor allem die Besonderheit der Bauweise. Sobald sie krabbeln konnten, seien ihre Kinder "einfach auf die Straße rausgekrabbelt", erzählt Sandra Niese - kein Problem, wenn dort keine Autos fahren.

Hildegard Schmid ist übrigens in eine Wohnung gegenüber gezogen - und heute die Pflegeoma der beiden Töchter der Nieses. Von der guten und engen Nachbarschaft im Olympischen Dorf hört man öfter. Auch die bedingt sich auch durch die Bauweise des Dorfes, denn ohne Autos sind Begegnungen und Gespräche in den Fußgängerzonen programmiert.

Das Attentat von 1972 -  manchmal noch heute Thema

Doch Wohnen im Dorf heißt auch Wohnen mit der Zeitgeschichte. Am 5. September 1972 endeten die "heiteren" Spiele von München, als ein palästinensisches Terrorkommando ins Quartier der israelischen Männermannschaft in der Conollystraße 31 eindrang und dort elf Sportler als Geiseln nahm. Keine der Geiseln überlebte den Anschlag.

Die Connollystraße 31 sieht heute noch genauso wie damals aus. Als Bewohner des Dorfes denke man nur manchmal an das, was sich vor 50 Jahren dort abgespielt hat, erzählt Stefan Niese. Doch ab und zu, so Niese, wird die Vergangenheit des Ortes schnell wieder präsent. So auch vor kurzem, als er von einem Herrn angesprochen wurde, der nach dem Ort des Attentats suchte. Es stellte sich heraus, dass der Mann Ringer in der DDR-Olympiamannschaft von 72 war, während der Spiele genau gegenüber der Connollystraße 31 wohnte und immer noch lebhaft von den Ereignissen des 05. Septembers 1972 erzählten konnte.

Trotz der Geschichte: Die rund 6000 Menschen, die hier wohnen, wissen die Vorteile, die das ehemalige Olympische Dorf bietet, zu schätzen. Das merkt man daran, dass man als "Auswärtiger" nur selten eine Wohnung findet. Die "Dörfler" tauschen lieber untereinander. Kein schlechtes Zeichen für eine Anlage, in die Anfangs keiner einziehen wollte.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. August 2022 um 22:15 Uhr.