Barbara Lang mit ihrer Tochter Magdalena | Andreas Herz / BR
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Besuch in Augsburger Klinik Wie Corona Kinder krank macht

Stand: 09.07.2021 14:56 Uhr

Die Delta-Variante befeuert die Debatte um Impfungen für Kinder. Das Team einer Augsburger Kinderklinik arbeitet daran, jenen Kleinen zu helfen, die wegen Corona körperlich oder psychisch erkrankt sind.

Von Andreas Herz, BR

Magdalena schmiegt sich an Barbara Lang, ihre Mutter. Das Behandlungszimmer mit dem Laufband und der gläsernen Kabine, in dem beide auf ihre Ärztin warten, ist der Achtjährigen fremd. Gleich soll sie hier einen wichtigen Test machen. "Kopfschmerzen, das nicht Belastbare, immer wieder Durchfall, die schlechtere Lungenfunktion, das hat Magdalena, seit sie im Dezember Corona hatte", erzählt Lang.

Magdalena leidet an Long Covid. Wegen mehrerer Vorerkrankungen ist sie besonders anfällig für das Virus.

Long Covid bei Kindern oft unerkannt?

Das ist Fluch und Segen zugleich. Denn die regelmäßigen Untersuchungen hätten geholfen, Long Covid bei dem Mädchen überhaupt zu erkennen, sagt Ärztin Britta Welzenbach, als sie ins Behandlungszimmer kommt: "Das Problem gerade bei kleinen Kindern kann natürlich sein, dass sie das nicht so bemerken, dass sie nicht sagen: 'Mama, ich habe Kopfweh, das habe ich früher nicht gehabt.' Oder: 'Mama, ich habe jetzt Bauchschmerzen.'"

Womöglich leiden deshalb mehr Kinder an Long Covid als gedacht. Bislang gehen Expertinnen und Experten aber nur von sehr wenigen Betroffenen aus. Doch auch denen muss geholfen werden. Magdalena wurde ein neues Medikament verschrieben, um die Lungenfunktion zu verbessern. Nun hoffen alle, dass es wirkt.

Magdalena sitzt mit einer Nasenklammer im Untersuchungsraum. | Andreas Herz / BR

Das Medikament wirkt: Magdalena bei der Untersuchung im Augsburger Kinderkrankenhaus Josefinum. Bild: Andreas Herz / BR

"Ein bisschen 'Trial and Error'"

Um das herauszufinden, muss Magdalena auf das Laufband. Langsam wird die Geschwindigkeit erhöht. Mit weit geöffnetem Mund versucht das Mädchen, Schritt zu halten. Dahinter steht die Mama. Hilft das Medikament? Was, wenn nicht? Gedanken, die für Barbara Lang inzwischen Normalität sind.

Nach dem Laufen muss Magdalena in die Kammer. Immer wieder pustet sie mit voller Kraft in ein Röhrchen. So wird getestet, wie die Lunge auf die Belastung reagiert. Ärztin Welzenbach sieht währenddessen konzentriert auf einen Computer, der Magdalenas Pusten in Zahlen übersetzt. Welzenbach beginnt zu lächeln: "Der spezifische Atemwiderstand ist jetzt normal. Das ist ein Wert, der misst, wie eng oder weit die Atemwege - sprich: die Bronchien - sind."

Das Medikament wirkt also. Ein Erfolg fürs Ärzteteam des Josefinums, das bei der Behandlung von Long Covid Neuland beschreiten muss. Eine Standardtherapie gibt es nicht. "Es ist ein bisschen die Methode 'Trial and Error'", sagt Welzenbach.

Auch die Psyche vieler Kinder leidet

Doch Corona hinterlässt nicht nur körperliche Folgen. Michele Noterdaeme, eine Frau mit kurzen grauen Haaren und legerer Kleidung, führt zur Station C3. Hier dürfen die meisten Besucher nicht weitergehen, denn hinter der Stationstür beginnt so etwas wie die Intensivstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie, geleitet von der Professorin.

Sie betrachtet mit Sorge, welche Auswirkungen die Pandemie hat: "Nachdem man fast über alles die Kontrolle verliert, gibt es Jugendliche, die das durch einen ausgeprägten Kontrollzwang kompensieren." Das führe zu schwersten Zwangsstörungen, die wiederum manchmal dazu führen könnten, dass manche gar nichts mehr essen wollen.

Viele Mädchen beispielsweise blieben nur gesund, weil sie über die Schule und ihre Peer-Group eine gewisse Struktur hätten. "Und wenn die wegfällt, habe ich nur noch das Essen, dass ich kontrollieren kann." Massive Essstörungen, Depressionen, drängende Suizidgedanken - auch das sind also Folgen der Corona-Pandemie. "Wir müssen überproportional viele Jugendliche aufnehmen", sagt Noterdaeme. "Ja, wir sind am Limit!"

Auch Magdalena soll noch psychisch untersucht werden. Der ärztliche Leiter der Klinik ist dazugekommen, um ihre Behandlung zu besprechen.

"Wichtig, vor Herbst und Winter Konzepte auszuarbeiten"

Das ganze Ärzteteam treibt die Frage um, wie die Kinder in der Pandemie - und vor der nun zunehmenden Delta-Variante - geschützt werden können. "Es ist wichtig, vor dem Herbst und Winter gute Konzepte auszuarbeiten, damit das öffentliche Leben - also Schule und Kitas - einfach am Laufen bleibt", sagt Welzenbach.

Und da spiele die Impfung eine ganz wichtige Rolle: "Wir wünschen uns zeitnah gute Daten, um den Kindern das Ganze in bestem Wissen und Gewissen verabreichen zu können. Sowohl den Risikogruppen, als auch dann vielleicht den Nicht-Risiko-Gruppen."

Impfungen sind für Kinder keine Option

Barbara Lang würde Magdalena impfen lassen - wenn der Impfstoff für ihre Altersgruppe zugelassen würde. Manche Erwachsene hat eine nachträgliche Impfung von Long Covid geheilt. Diese Möglichkeit gibt es für Magdalena noch nicht. Sie muss die Krankheit anders überwinden.

Nach der Behandlung will die Achtjährige auf den Arm ihrer Mama. Wegen Long Covid hat sie keine Kraft mehr, alleine zurück zum Auto zu laufen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. Juli 2021 um 21:45 Uhr.