Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater in der Hand. | dpa

Missbrauchsskandal Was wussten die Kardinäle?

Stand: 20.01.2022 05:13 Uhr

Es geht um sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising, auch während der Amtszeiten von Ex-Papst Benedikt und Kardinal Marx. Das Gutachten, das heute vorgestellt wird, soll auch ihre Rolle klären.

Von Tilmann Kleinjung, BR

Fünf Jahre lang war Joseph Ratzinger Erzbischof von München und Freising, von 1977 bis 1982, danach Präfekt der Glaubenskongregation und dann die Wahl zum Papst. Das Gutachten, das heute in München vorgestellt wird, umfasst die gesamte Nachkriegszeit. Und trotzdem werden viele zunächst zu der Stelle blättern, an der es um die Jahre 1977 bis 1982 geht. Was wusste Joseph Ratzinger über Missbrauchstaten und -täter im Erzbistum?

Tilmann Kleinjung

Kirchenrechts-Professor Thomas Schüller ist überzeugt, dass das Gutachten "das heiligmäßige Bild" von Papst Benedikt emeritus erschüttern wird. Joseph Ratzinger habe immer im Verdacht gestanden, "dass er diesem Thema nicht sachgerecht hinterhergegangen ist".

Auf 82 Seiten hat sich der ehemalige Papst selbst in dem Gutachten zu konkreten Fällen geäußert. So berichtet es die "Bild"- Zeitung unter Berufung auf Ratzingers Sekretär Georg Gänswein.

Papst Benedikt XVI. | picture alliance / dpa

Was wusste Joseph Ratzinger, der spätere Papst, über Missbrauchstaten und -täter im Erzbistum? Bild: picture alliance / dpa

Wiederholungstäter Peter H.

Bekannt ist der Fall Peter H., ein Wiederholungstäter. Von 29 Betroffenen ist die Rede. Einer von ihnen ist Stefan, der als Zwölfjähriger im oberbayerischen Garching an der Alz von Peter H. missbraucht wurde, so eine Recherche von Correctiv und BR.

"Diesen verurteilten und untherapierbaren Mann dann wieder mit so vielen Kindern und Jugendlichen arbeiten zu lassen, das macht einen einfach nur fassungslos", sagt Stefan. Das Erzbistum hatte den Pfarrer trotz rechtskräftiger Verurteilung wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs weiter in der Seelsorge eingesetzt.

Ratzinger bestreitet Kenntnis

Erste Vorwürfe gegen Peter H. gab es bereits im Bistum Essen. Dass er 1980 dann in München aufgenommen wurde, geschah mit Zustimmung des damaligen Erzbischofs Joseph Ratzinger. Doch der bestreitet, von den Vorwürfen gegen H. gewusst zu haben. Kirchenrechtler Schüller bezweifelt das: "Wenn ein Priester einer anderen Diözese in München eingesetzt wird, dann macht man sich kundig über die Vorgeschichte und muss auch den Bischof informieren." Joseph Ratzingers Dementi sei wenig glaubwürdig. Allein der Fall Peter H. soll in dem Gutachten 350 Seiten füllen. Der ganze Text hat mehr als 1000 Seiten.

Kardinal Marx durfte nicht zurücktreten

Auch die Amtsführung von Ratzingers Nachfolgern wurde untersucht: Kardinal Friedrich Wetter und Kardinal Reinhard Marx, der amtierende Erzbischof. Er ist seit 2008 im Amt und war auch in den Fall Peter H. involviert.

Im Frühsommer 2021 hatte Marx überraschend seinen Rücktritt erklärt, wollte damit Verantwortung übernehmen, "nicht nur für persönliche Versäumnisse", auch für die Fehler seiner Vorgänger. "Ich bin ja Teil des Systems, das in weiten Teilen in der Frage des Missbrauchs versagt hat", so Marx. Papst Franziskus nahm das Rücktrittsgesuch nicht an. Dass er dem Papst noch einmal seinen Rücktritt anbietet, schloss Kardinal Marx in einem Hirtenwort im Sommer jedoch nicht aus. Er soll vorab nicht über die Ergebnisse des Gutachtens informiert worden sein und will sich im Anschluss auch nicht ausführlich äußern. Eine weitere Pressekonferenz soll es in einer Woche geben.

Betroffene wollen beteiligt werden

Kritik gab es im Vorfeld an der Unabhängigkeit der Untersuchung. Auftraggeber ist das Erzbistum, das mit der Kanzlei Westphal, Spilker, Wastl regelmäßig zusammenarbeitet. "Ich glaube, es wird ein spannendes Dokument", sagt Matthias Katsch von der Betroffenenvereinigung "Eckiger Tisch". Aber es ersetze nicht unabhängige Aufarbeitung. Und dazu gehöre auch die Beteiligung von Betroffenen.

Die Kanzlei Westphal, Spilker und Wastl führte schon 2010 eine Untersuchung im Auftrag des Erzbistums durch. Das Ergebnis: Zwischen 1945 und 2009 waren in der Erzdiözese 159 Priester wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen auffällig geworden. Sehr viel mehr hat die Öffentlichkeit damals nicht erfahren. Das Gutachten verschwand im Giftschrank. Das dürfte diesmal anders werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Januar 2022 um 04:45 Uhr.