Eine Krankenschwester bereitet eine Dosis des AstraZeneca-Impfstoffs gegen COVID-19 in einem Impfzentrum vor. | AFP
Contra

Interview mit STIKO-Chef "Keinen zur Seite schieben"

Stand: 23.04.2021 08:45 Uhr

STIKO-Chef Mertens lehnt eine Aufhebung der Impfreihenfolge im tagesschau.de-Interview ab. In einer gerechten Gesellschaft müssten jene mit hohem Risiko auch zuerst geschützt werden. Damit werde auch das Gesundheitssystem entlastet.

tagesschau.de: Sie lehnen eine Änderung der Impfreihenfolge ab. Trauen Sie den Hausärztinnen und Hausärzten nicht zu, dass sie einschätzen können, wer die Impfung am nötigsten braucht?

Thomas Mertens: Das ist nicht das Problem. Ich glaube, dass viele Hausärzte da sehr gewissenhaft sind und das auch tun. Aber es ist ganz klar, dass das einen ganz erheblichen Mehraufwand für die Praxen bedeutet. Denn dann müssen die ganzen Patientendaten durchgeschaut und die Menschen einzeln eingeladen werden. Das ist ein erheblicher Arbeitsaufwand für die Praxis.

tagesschau.de: Aber der Verband der Hausärzte argumentiert, dass eher das Festhalten an der Impfreihenfolge bürokratischen Mehraufwand bedeutet. Nach dem Abschluss der Priorisierungsgruppen eins und zwei sollte jeder geimpft werden dürfen, auch um Zeit zu sparen.

Mertens: Ich kenne diese Forderung. Aber ich sehe darin ehrlich gesagt auch keinen Widerspruch zu dem, was ich gerade gesagt habe. Natürlich ist es ein Aufwand, die Priorisierung in den Praxen durchzuhalten. Aber es geht doch darum, all jene zu impfen, die ein besonders hohes Risiko für schwere Erkrankungen haben. In einer gerechten Gesellschaft kann man doch nun nicht all jene, die besonders gefährdet sind - und schon länger auf ihre Impfung gewartet haben - nun einfach zur Seite schieben. Und aus Priorisierungsstufe zwei sind noch etliche nicht geimpft.

Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) | dpa
Zur Person

Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut. Bis 2018 war er Ordinarius für Virologie der Universität Ulm und Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie des Universitätsklinikums Ulm. 

tagesschau.de: Aber geht mit dem "Abarbeiten" der Priorisierungsgruppen nicht auch viel zu viel wichtige Zeit verloren?

Mertens: Das sehe ich nicht so. Denn wenn sie besonders gefährdete Gruppen nicht vorrangig impfen, dann werden wir auch mehr schwere Verläufe haben. Das belastet dann auch die Intensivstationen und das Gesundheitssystem insgesamt - nicht zu vergessen die ganzen Einzelschicksale. Zudem ist es nicht korrekt, dass man durch die Umstellung des Impfvorgehens die derzeit laufende Infektionswelle beeinflussen könnte. Das ist durch keinerlei wissenschaftliche Studie belegt.

tagesschau.de: Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Berlin haben AstraZeneca für alle freigegeben - weil der Impfstoff sonst ungenutzt rumliegt. Ist das nicht sinnvoll?

Mertens: Wenn Sie sich mal die Empfehlung der STIKO genau anschauen, dann werden Sie sehen, dass dort auch bereits Öffnungsschritte und Raum für regionale Entscheidungen vorgesehen sind. Das, was die Bundesländer dort gemacht haben, hat ja nun auch pragmatische Gründe. Einerseits soll die bürokratische Belastung begrenzt werden und andererseits soll auch der Impfstoff von AstraZeneca verimpft werden. Beides ist absolut nachvollziehbar. Dass nicht alle Bundesländer den Übergang von einer Priorisierungsstufe zur nächsten parallel vollziehen können ist klar, dazu sind die Bevölkerungsstrukturen zu unterschiedlich.

Aber es ist kein Widerspruch dazu, dass die besonders Gefährdeten geimpft werden müssen. Und wenn es bald genug Impfstoff gibt, dann könnte man sich die Arbeit ja auch aufteilen: Die Impfzentren und mobilen Impfteams kümmern sich darum, die verbliebenen Menschen aus den Priorisierungsgruppen eins bis drei zu erreichen. Und die Haus- und Fachärzte können dann in der Breite impfen.

tagesschau.de: Aber wenn es regional viele unterschiedliche Bestimmungen gibt, könnte das nicht zu einer Art innerdeutschem Impftourismus führen?

Mertens: Ich sehe darin ehrlich gesagt nicht so ein großes Problem. Wenn in einer bestimmten Region die Prioritätsgruppen durchgeimpft sind oder es überschüssigen Impfstoff gibt, warum sollte der denn nicht eingesetzt werden?

tagesschau.de: Die Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen ist besonders hoch, dennoch tauchen Eltern in keiner Priorisierungsgruppe auf ...

Mertens: Das stimmt. Aber dann müsste man ja in jeder Priorisierung-Gruppe noch Untergruppen aufmachen. Also je nachdem, ob jemand Kinder hat oder aber nicht. Ich habe diese Diskussion durchaus verfolgt, halte sie aber für wenig sinnvoll.

Wir sind ja auch schon bald in der Situation, dass auch die Gruppe sechs geimpft werden kann. Das sind die 45 Millionen Menschen in Deutschland, bei denen kein spezifisches Risiko erkennbar ist. Diese dann noch einmal danach aufzuteilen, ob sie Kinder haben oder nicht, wäre auch aufwendig und wenig zielführend.

tagesschau.de: Wann ist es so weit ist, dass jeder eine Impfung bekommen kann?

Mertens: Das kann ich natürlich nicht genau sagen, weil das von einer Vielzahl von Faktoren abhängt. Aber ich würde mal schätzen, dass wir irgendwann im Übergang Mai/Juni so weit sein könnten. Denn dann sollten wir so viel Impfstoff haben, dass wir die restlichen Menschen aus den Risikogruppen impfen und parallel den Rest der Bevölkerung.

Das Interview führte Stefan Keilmann, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. April 2021 um 08:05 Uhr.