Das Symbol der Luca-App ist auf einem Smartphone zu sehen. | dpa

Coronavirus Hat die Luca-App noch eine Zukunft?

Stand: 14.01.2022 16:44 Uhr

Vor gut einem Jahr waren die Erwartungen noch groß. Doch die Bilanz der Luca-App ist ernüchternd, sie spielt kaum noch eine Rolle. Mehrere Bundesländer wollen ihre Verträge nicht verlängern.

Von Eric Beres, Judith Brosel, Kai Laufen, SWR

Es war Ende Februar 2021, als der Rapper Smudo in der ARD-Sendung "Anne Will" Millionen Deutschen Hoffnung machte: Die Luca-App, an dessen Entwicklerfirma culture4life GmbH er selbst beteiligt ist, sei in der Pandemie eine Art "Feuerlöscher", ein hilfreiches Tool zur Kontaktverfolgung.

Eric Beres
Judith Brosel
Kai Laufen

Danach begann ein regelrechter Run auf die App. Viele Kommunen wollten ihren Bürgerinnen und Bürgern wieder bequem Kneipenbesuche ermöglichen. Der heutige Gesundheitsminister Karl Lauterbach jubelte damals: Die App könne "einen wesentlichen Beitrag für die Corona-Bekämpfung leisten". Laut Betreiberfirma gibt es aktuell mehr als 40 Millionen Nutzerinnen und Nutzer.

Experte hält Luca-App für Makulatur

Doch inzwischen, so Jens Rieger, IT-Experte vom Chaos Computer Club Freiburg, habe die Luca-App in der Pandemiebekämpfung kaum noch einen nennenswerten Effekt. "Der ersatzweise Einsatz der App, statt früher Papierlisten, ist nur noch Makulatur", sagte er dem SWR.

Rieger verfolgt die Nutzung von Anfang an und weist darauf hin, dass selbst Hamburg, als eines der Bundesländer, das die App in der Vergangenheit stark genutzt hatte, den Einsatz der App in den vergangenen Wochen stark heruntergefahren hat.

Kaum noch Datenabfragen seit Oktober

Laut einer SWR-Umfrage unter den fast 400 deutschen Gesundheitsämtern haben Hamburgs Behörden seit Oktober immerhin noch 527 Kontaktabfragen bei Gaststätten, Restaurants und anderen Stellen gestellt, wo sich Nutzerinnen und Nutzer eingeloggt hatten. Auf Nachfrage sagt Hamburgs Finanzbehörde, man habe die Nutzung der App ausgesetzt, weil die Kontaktverfolgung nicht mehr gewährleistet werden könne - offenbar aufgrund der stark gestiegenen Infektionszahlen.

In anderen Bundesländern spielte die Luca-App zuletzt eine noch geringere Rolle. So nutzte das Landratsamt Würzburg (Bayern) die App seit Oktober noch 27 Mal für eine Kontaktabfrage, dahinter folgen der Landkreis Harburg (21) und die "Region Hannover" in Niedersachsen (19).

In vielen anderen Gesundheitsämtern hingegen: Fehlanzeige. In Bayern beispielsweise haben von 76 Ämtern mindestens 30 seit Oktober keine einzige Abfrage mehr gestartet. In vertraulichen Gesprächen mit dem SWR winken viele Landratsämter ab: Die Luca-App werde so gut wie nicht eingesetzt. Es gibt aber auch positive Rückmeldungen.

So heißt es etwa aus dem Landkreis Tübingen (Baden-Württemberg), man habe die App genutzt, um bei aufgetretenen Infektionen in Clubs Warnmeldungen an eingeloggte Gäste zu schicken. In Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Sachsen kam es hingegen gar nicht erst zu Verträgen mit den Betreibern. Dort gibt es vielfach auch keine gesetzlich vorgeschriebene Verpflichtung zur Kontaktverfolgung.

Künftig Impfstatus in Luca-App?

Für Beobachter wie Rieger liegt die aktuell geringe Nutzung nicht nur an den immer höheren Infektionszahlen. Auch Funktionen wie die Warnung vor engen Kontakten mit Infizierten, funktionierten mit dem Konkurrenzprodukt Corona Warn-App effizienter und schneller. Dem hält Rapper Smudo entgegen: Man sehe sich nicht als Konkurrenz, sondern als "starker Partner" der Corona-Warn-App.

Im Interview mit dem SWR kündigte er an, man arbeite daran, auch den Impfstatus eines Users in die App zu implementieren. So könne etwa die Kontaktverfolgung auf die Ungeimpften konzentriert werden. Insgesamt sei die App ein "Super Deal". 330 Millionen Mal hätten sich Userinnen und User bisher eingeloggt.

Diskussion um Datenschutz  

Doch es bleiben Bedenken, auch wegen des Datenschutzes. Der baden-württembergische Landesdatenschutzbeauftragte Stefan Brink sagte dem SWR, die Luca-App sei datenschutzrechtlich grundsätzlich gut, aber "nicht erste Sahne, da ist die Corona-Warn-App tatsächlich besser".

Zuletzt war bekannt geworden, dass sich die Mainzer Polizei über das zuständige Gesundheitsamt rechtswidrig Daten aus der Luca-App besorgt hatte.

Nachdem, was bisher bekannt ist, war dies bisher allerdings ein Einzelfall. In anderen Fällen, etwa in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, blitzten Ermittlungsbehörden bei Gesundheitsämtern ab, weil das Infektionsschutzgesetz der Verwendung der Daten für die Strafverfolgung grundsätzlich einen Riegel vorschiebt. Den Mainzer Fall nannte Rapper Smudo "erschütternd" und "erschreckend".

Die Verunsicherung bleibt. Der rheinland-pfälzische Justizminister Herbert Mertin (FDP) sorgte für Erstaunen mit seiner Äußerung, wonach die Luca-App etwa bei Mordermittlungen womöglich doch von Ermittlern genutzt werden könne. Anders als etwa das Bundesfernstraßenmautgesetz enthalte das Infektionsschutzgesetz keine klare Regelung für die Weitergabe von Daten an Ermittler.

"Zur Aufklärung erheblicher Straftaten, insbesondere von Kapitalverbrechen, komme sie im Einzelfall unter Berücksichtigung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes in Betracht", sagte Mertin im Rechtsausschuss des Landtages Rheinland-Pfalz. Dem widerspricht Baden-Württembergs Datenschützer Brink: "Auch für Kapitalverbrechen oder andere ganz dringende wesentliche Ermittlungsgesichtspunkte der Sicherheitsbehörden dürfen die Kontaktdaten nicht benutzt werden."

Bisher 18 Millionen Euro Kosten

Die Luca-App Betreiber müssen nun befürchten, dass ihnen von den 13 Bundesländern, mit denen sie entsprechende Verträge geschlossen haben, nun einige von der Fahne gehen. Es gebe "bislang noch keine konkreten Gespräche mit den Ländern über eine Vertragsverlängerung", ließ die Betreiberfirma dem SWR mitteilen.

Schleswig-Holstein hatte bereits im Sommer angekündigt, künftig ohne Luca-App arbeiten zu wollen. Bremen kündigte am Freitag an, die Zusammenarbeit zu beenden.

Laut App-Betreiber haben die Bundesländer bisher 18 Millionen Euro für die Nutzung gezahlt. Und das Bundesgesundheitsministerium von Lauterbach? Dem SWR teilt es mit: "Für die digitale Kontaktnachverfolgung stellt der Bund weiterhin die Corona-Warn-App kostenlos zur Verfügung."      

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Januar 2022 um 15:36 Uhr.