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Lkw-Fahrer aus Osteuropa "Als ob wir Arbeitssklaven sind"

Stand: 11.05.2021 15:05 Uhr

In der Pandemie boomt der Onlinehandel. Für den Transport sind oft Lkw-Fahrer aus Osteuropa verantwortlich. Sie verdienen weniger als den Mindestlohn und leben über Monate im Brummi.

Von Rupert Wiederwald, WDR

Nikita* hat noch drei Wochen. Drei weitere Wochen, die der Mann aus Belarus auf einem Lkw verbringen wird. Sein Leben spielt sich in der Fahrerkabine ab - fahren, essen, schlafen. Nikita teilt sich die Kabine mit seinem Beifahrer. Zusammen fahren sie durch Deutschland, Frankreich, andere westeuropäische Länder. So wie schon die vergangenen acht Wochen. Drei Monate werden Nikita und sein Beifahrer am Ende der Tour gefahren sein, hauptsächlich für einen großen Internet-Versandhändler.

Rupert Wiederwald

"Dann kann ich endlich nach Hause, meine Tochter feiert dann ihren Schulabschluss", freut sich der Vater zweier Kinder. Die Feier kostet Geld, deswegen macht er diesen Job. Eigentlich ist er Schweißer, aber Arbeit gibt es bei ihm zu Hause nicht.

Seine Bezahlung hält Nikita für ordentlich: Er bekommt etwa 60 Euro am Tag - darin enthalten sind alle Spesen. Das ist nach geltenden EU-Richtlinien viel zu wenig. Denn Nikita und die anderen Fahrer fahren fast ausschließlich in Ländern wie Deutschland. Deshalb müssten die Fahrer eigentlich deutschen Mindestlohn bekommen - dazu Spesen und bezahlte Übernachtungen. "Wir wissen, dass wir mehr bekommen müssten," sagt Nikita, "aber das bekommt hier keiner von uns."

Lebensmittel und Kochutensilien liegen auf einem Lkw. | Rupert Wiederwald (WDR)

Das Leben der Lkw-Fahrer spielt sich über Monate rund um ihre Fahrzeuge ab. Bild: Rupert Wiederwald (WDR)

Wochenende auf staubigem Schotter

Das Treffen mit Nikita findet vor einem Lkw-Abstellplatz in Korschenbroich statt. Auf dem Gelände hat Amazon eine große Zahl von Anhängern stehen. Die werden vor allem von osteuropäischen Speditionen wie dem Arbeitgeber von Nikita durch Europa gefahren. Vor dem Parkplatz haben Nikita und die anderen Fahrer ihr Wochenend-Lager aufgebaut. Auf dem staubigen Schotter haben sie ihre Lkw zusammengestellt, dazwischen einen Tisch mit Essen aufgebaut, dazu einige klapprige Campingstühle.

Jetzt sitzen sie zusammen und warten. Fast alle kommen aus Belarus oder der Ukraine. Waschgelegenheiten oder Toiletten scheint es keine zu geben, nur ein paar Dixi-Klos. Ein Hotelzimmer bezahlt ihnen ihre Spedition nicht. Stattdessen übernachten die Männer zu zweit in ihren Trucks.

Michael Wahl und eine  Übersetzerin sprechen mit einem Lkw-Fahrer. | Rupert Wiederwald (WDR)

Gewerkschafter Michael Wahl sucht mit einer Übersetzerin Kontakt zu den Fernfahrern, um sie über ihre Rechte aufzuklären. Bild: Rupert Wiederwald (WDR)

Beratung auf dem Parkplatz

Der deutsche Gewerkschafter Michael Wahl hat das Treffen organisiert. Er arbeitet für das Gewerkschaftsnetzwerk "Faire Mobilität", berät mit seinen Kolleginnen und Kollegen ost- und mitteleuropäische Lkw-Fahrer. Das Gespräch beginnt er oft direkt am Fahrzeug, so wie jetzt auf diesem Parkplatz.

"Sprecht ihr Russisch?", fragt Wahl. Er hat Dolmetscherinnen mitgebracht, spricht selbst Polnisch, seine Kolleginnen können Ukrainisch, Bulgarisch oder Rumänisch. Die Fahrer nehmen gerne die ausgeteilten Flugblätter in ihren Sprachen. Wahl und seine Kolleginnen erklären ihnen, dass sie deutschen Mindestlohn bekommen müssten; dass es unerheblich sei, wo sie angestellt sind, sondern es auf die Routen ankomme, die sie fahren; dass sie Rechte haben.                              

Viele aber winken ab. Die Spedition würde das nicht mitmachen, egal, was die Gesetze sagen. Außerdem haben sie Angst, ihren Job zu verlieren. "Die Fahrer haben keine Wahl", sagt Gewerkschafter Wahl anschließend. "Sie haben nur die Wahl zwischen Krieg in der Ukraine, Protest in Belarus oder für litauische, polnische oder rumänische Firmen weit unter Mindestlohn hier in Deutschland Lkw zu fahren."

"System organisierter Verantwortungslosigkeit"

Osteuropäische Speditionen dominieren das Bild auf deutschen Autobahnen, nach Schätzungen haben sie im EU-weiten Transport etwa 40 Prozent des Marktes übernommen. Die Maut-Statistiken des Bundesamtes für Gütertransport zeigen, dass 33 Prozent aller Lkw auf deutschen Straßen in osteuropäischen Ländern zugelassen sind.

Die Speditionen fahren zu deutlich niedrigeren Preisen als deutsche Transportunternehmen. "Die deutschen Spediteure haben sich deshalb aus dem internationalen Geschäft fast ganz zurückgezogen", berichtet Wahl. Großkonzerne wie der Internet-Versandriese Amazon profitierten davon.

Wahl nennt das ein "System organisierter Verantwortungslosigkeit". Die Großkonzerne nutzen das billige Angebot der Speditionen, und die nutzen die Notlage der Fahrer aus, um die Löhne zu drücken. Auf Anfrage des WDR teilt Amazon mit, dass alle Speditionspartner von Amazon sich an die geltenden Gesetze halten müssten, außerdem an einen Verhaltenskodex, der die Unternehmen auf "faire Löhne, Sozialleistungen und angemessene Arbeitszeiten" verpflichte. Wie Amazon das überprüft, sagt das Unternehmen aber nicht.

Michael Wahl im Interview mit einem Lkw-Fahrer. | Rupert Wiederwald (WDR)

Gewerkschafter Wahl im Gespräch mit Lkw-Fahrer Ivan. Der verkürzt sich die Wartezeit mit Seilspringen. Bild: Rupert Wiederwald (WDR)

Warten gehört für die Fahrer zum Alltag

Ivan* muss bei Amazon mal wieder warten. Wir treffen den 52-Jährigen vor dem Amazon-Logistikzentrum in Mönchengladbach. Dort warten mehrere Lkw auf der Straße darauf, dass sie ihre Anhänger bei Amazon abliefern können. Ivan wartet schon seit zwei Tagen. Er vertreibt sich die Zeit mit Seilspringen. Alle paar Monate braucht er ein neues, da der Plastikmantel des Seils auf dem Straßenasphalt abscheuert. Ivan springt viel Seil. Warten gehöre dazu, sagt er lachend.

Wie viele der Fahrer kommt Ivan aus der Ukraine. Fahrer aus dem Bürgerkriegsland haben für die Speditionen in Litauen, Polen oder Bulgarien einen Vorteil: Sie brauchen eine Arbeitserlaubnis. Und die hängt am Vertrag mit der Spedition. Ivan sagt, dass er in der Ukraine 140 Euro im Monat verdient habe. Bei der litauischen Spedition kommt er auf ein Vielfaches. "Warum also soll ich mich beschweren?", fragt er. "Wenn ich die Firma verlasse, dann habe ich auch keine Arbeitserlaubnis mehr und muss sofort zurück in die Ukraine."

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Dixi-Klos auf einem Parkplatz vor einem Amazon-Lager. Bild: Rupert Wiederwald (WDR)

"Kein Wasser, keine Duschen, keine vernünftigen Toiletten"

Vor dem Logistik-Lager und in den angrenzenden Straßen stehen überall die Lkw, einige Fahrer kochen sich etwas auf Campingkochern, andere trocknen Wäsche über der geöffneten Motorhaube. Ein Leben rund um den Lkw. Zwei polnische Fahrer beklagen sich über die Bedingungen hier, und wie sie behandelt werden. "Als ob wir Arbeitssklaven sind", schimpft der ältere von beiden. "Hier gibt es kein Wasser, keine Duschen, keine vernünftigen Toiletten."

Amazon gibt an, dass den Fahrern auf dem Geländes des Logistikzentrums Toiletten und Waschräume in einer Trucker-Lounge zur Verfügung stünden. Schickt uns sogar Fotos, um dies zu beweisen. Der Fahrer aber erzählt uns, dass er schon seit fünf Tagen hier stehe, da sein Entlade-Termin immer neu verschoben werde. Von den genannten "sanitären Anlagen" weiß er offenbar nichts. Er zeigt stattdessen auf einige Dixi-Klos, die am Straßenrand stehen: "Was glaubt ihr wie die aussehen, wenn 100 Fahrer über Tage auf diese drei Toiletten gehen?"

*Name von der Redaktion geändert

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. Mai 2021 um 22:15 Uhr.