Sanierte Altbauten in Wittenberge

Ostdeutsche Kommunen Der lange Weg vom Umbruch zum Aufbruch

Stand: 06.10.2021 14:56 Uhr

Ostdeutsche Kommunen kämpfen seit 30 Jahren mit Abwanderung, Umbrüchen und klammen Kassen. Einigen ist die Kehrtwende hin zu Wachstum und Aufbruch aber so gut gelungen, dass ihre Konzepte bundesweit Interesse wecken.

Von Ulrich Crüwell, rbb

Sie hat alles, was ein Städtchen in der Provinz so braucht, um Großstädter anzulocken: viel Potenzial, eine gute Anbindung und günstige Mieten. Die Bahnstrecke zwischen Berlin und Hamburg wird zwar gerade saniert, aber ab Dezember dürfte der ICE wieder in Wittenberge halten. Die brandenburgische Kleinstadt gilt als das neue Berlin - nur in klein und ländlich.

Leerstehende Fabrikgebäude wurden in luftige Co-Working-Spaces umgewandelt. Es herrscht eine Atmosphäre des Aufbruchs. "Corona hat das mobile Arbeiten und das Leben auf dem Land wirklich noch mal auf den Punkt gebracht", sagt Bürgermeister Oliver Herrmann. Dabei klang eine Prognose vor mehr als zehn Jahren extrem düster. Der ehemalige DDR-Industriestandort wurde in einer Studie um den Soziologen Heinz Bude als "sterbende Stadt" bezeichnet. Nach der Wende schrumpfte Wittenberge von fast 30.000 auf rund 17.000 Einwohner. 

Von der sterbenden Stadt zum Klein-Berlin

In einer aktuellen Studie des Berlin-Instituts aber sticht Wittenberge plötzlich als Musterbeispiel hervor. Vertreter von Kleinstädten aus Bayern, Hessen und Schleswig-Holstein besichtigen in diesen Tagen die Stadt an der Elbe, um von Wittenberges wundersamer Entwicklung zu lernen. "Wir erleben wieder einen Zuzug, und das, was wir hier erlebt haben an Potenzial, können wir weitergeben", sagt Bauamtsleiter Martin Hahn am Rande des Workshops "Kleinstadt-Akademie".

Den dunklen Vorhersagen einer künftigen Verödung hat auch die Kleinstadt Stendal in Sachsen-Anhalt getrotzt: "Nachdem wir über viele Jahre Schulen geschlossen und abgerissen haben, bauen wir jetzt eine neue. Das heißt, die Demografie, die uns vor 15 Jahren vorhergesagt wurde, stimmt nicht mit der heutigen Realität überein", wird Stendals Oberbürgermeister Klaus Schmotz in der Studie des Berlin-Instituts mit dem optimistischen Titel "Von Umbrüchen und Aufbrüchen" zitiert.

Ostdeutschen Kommunen fehlt eine ganze Generation 

Von Aufbrüchen berichten nicht alle Bürgermeister der zwölf ostdeutschen Kommunen, die für die Studie interviewt wurden. Im Gegenteil: Die meisten beklagen eine prekäre Finanzlage. Ostdeutsche Kommunen hätten oft geringere Gewerbesteuereinnahmen als westdeutsche und seien stärker auf staatliche Zuweisungen aus dem kommunalen Finanzausgleich angewiesen, so die Forscher. Die klamme Haushaltslage beschränke das im Grundgesetz verankerte Recht auf kommunale Selbstverwaltung.

Die Abwanderung junger Menschen sei deutlich zu spüren. "Es ist die Gruppe jener, denen damals als einzige Option für einen Berufsstart - generell für einen Lebensstart - der Umzug nach Niedersachsen, nach Kanada oder sonst wohin blieb", erzählt Frank Schütz aus der Gemeinde Golzow in Brandenburg: "Diese Generation fehlt uns. Die wird auch nicht zurückkommen."

Profitieren von der Großstadtmüdigkeit

Die neue Landlust der Großstädter ist die große Hoffnung nicht nur der ostdeutschen Kommunen. Rathaus-Chefs öffnen die Türen leerstehender Gebäude für temporäre Bewohner wie beim Projekt "Dein Jahr in Loitz" in dem Städtchen in Mecklenburg-Vorpommern und folgen damit dem Vorbild Wittenberges.

Beim "Summer of Pioneers" kamen 2019 fast 30 junge Menschen nach Wittenberge, um zu wohnen und zu arbeiten. Die Hälfte lebe jetzt dauerhaft in Wittenberge und entwickele mit ihren Ideen die Stadt weiter, berichtet Bürgermeister Hermann. Eine Entwicklung, die vor zwanzig Jahren undenkbar schien: "Damals sagten Eltern, wenn aus dir was werden soll, dann verlass die Stadt."

Erfolgsfaktor Resilienz

Man müsse offen für Neues sein und ausprobieren, sagt Wittenberges Bürgermeister Hermann und klingt dabei fast so wie der Gründer eines Start-Ups. "Wenn aus zehn Projekte eins richtig gut wird, dann sei das schon viel." Und die richtige Einstellung sei ein wichtiger Schlüssel: "Man würde das heute mit dem Wort Resilienz umschreiben. Die Widerstandskraft und auch der Willen der Entscheidungsträger der Stadt, nicht aufzugeben und trotz schwieriger Rahmenbedingungen die Stadt zu entwickeln."

Den elf anderen Bürgermeistern dieser Studie scheint es wohl ähnlich zu gehen. "Die gesammelten Erfahrungen haben vielerorts neben Mut zur Veränderung zu großer Gelassenheit und Pragmatismus geführt", fasst Susanne Dähner vom Berlin-Institut zusammen, "aber die erlebten Herausforderungen allein machen eine Gemeinde nicht automatisch krisenfest."

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Moderation 06.10.2021 • 21:48 Uhr

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