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Klimacamp in Augsburg Protest, der provoziert

Stand: 01.02.2021 16:47 Uhr

Mit der Corona-Pandemie tritt die Klimakrise in den Hintergrund - und damit auch der Protest. In Augsburg jedoch hat sich direkt neben dem Rathaus ein Klimacamp etabliert, das zum bundesweiten Vorbild geworden ist.

Von Andreas Herz, BR

Kurz nach sieben Uhr morgens wühlt sich die 18-jährige Charlotte aus ihrem Schlafsack. "Es sind minus fünf Grad", sagt sie nach einem Blick auf ihr Handy. Der Schlafsack ist nur die letzte Schutzhülle gegen die Kälte. Drunter trägt sie mehrere Leggings und mehrere Pullover. "Manchmal schlafe ich auch noch in der Jacke. Wir hatten hier schon mal minus zehn Grad."

Seit mehr als 200 Tagen kampieren Charlotte und andere Klima-Aktivisten vor dem Augsburger Rathaus. Sie sind mindestens zu zweit, jeden Tag ein anderes Team. Das Camp wurde zusammengezimmert aus Holzpaletten und Zeltplanen. Am Eingang stehen Fahnen und hängen Plakate.

Das Camp muss immer besetzt sein

Es ist der größtmögliche Kontrast zum Rathaus, dem Renaissancebau im Zentrum der Stadt. Für viele ist schon das eine Provokation. Jeden Tag prallen hier Welten aufeinander. Charlotte löffelt mit Fabian und Janika gerade ihr ayurverdisches Frühstücks-Müsli, als zwei Hausmeister zum Camp kommen. Mit einem Meterstab messen sie den Abstand zum Rathaus und kommen zu dem Ergebnis, dass er zu gering ist. Es kommt zum Wortgefecht.

Die drei jungen Camper pochen auf ihr Versammlungsrecht, die beiden Hausmeister auf den einzuhaltenden Mindestabstand. "Was habt ihr denn schon erreicht?", fragt einer der Hausmeister. "Wenn ich in Rente gehe, seid ihr immer noch hier!"

Regelmäßig kontrolliert auch der Ordnungsdienst, ob alle Vorgaben eingehalten werden und das Camp besetzt ist. Wäre das nicht der Fall, hätten die Aktivisten ein Problem. Denn sie berufen sich auf das Versammlungsrecht. Und das verlangt, dass immer mindestens zwei Leute im Camp sind. Sonst wäre es schließlich keine Versammlung. Charlotte nimmt es gelassen. "Man muss damit umgehen können, dass Leute es nicht gut finden, was wir machen und dann penibel auf das Kleinste gehen."

Die Stadt will das Camp loswerden

Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) hat eine andere Sicht. Vom Verwaltungsgebäude blickt sie aus der Vogelperspektive auf das Lager. "Im Rathaus arbeiten Menschen", sagt die CSU-Politikerin. Deswegen müsse im Fall eines Brandes die Feuerwehr schnell anleitern können. So erklärt Weber das Drängen der Hausmeister auf den Mindestabstand.

Weber will das Camp loswerden. "Es wird niemand bestreiten, dass das Thema Klimaschutz wichtig ist. Aber was passiert, wenn andere Gruppierungen auf die Idee kommen, so ein Camp zu errichten? Vielleicht auch mit Themen, die vielen Menschen dann sehr negativ aufschlagen. Da will ich als Versammlungsbehörde geklärt haben: Wie weit geht das Versammlungsrecht?"

"Wenn sie hinter das Rathaus gehen, sieht sie keiner"

Bislang haben die Gerichte stets grünes Licht für das Protestlager gegeben. Die Stadt hat deswegen den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof angerufen, der klären soll, ob das Camp unter das Versammlungsrecht fällt. Die Anwältin der Camp-Bewohner sieht dem gelassen entgegen. Solange auch die Pflichten erfüllt werden, die mit dem Versammlungsrecht einhergehen, ist sie sich sicher, den Fall zu gewinnen.

Zu den Pflichten gehört auch, die Meinung in irgendeiner Form öffentlich kundzutun. Charlotte, Fabian und Janika stehen deswegen vor dem Camp und rufen Parolen über den Rathausplatz. Viele Augsburger sind es bereits gewöhnt. Manche schütteln den Kopf, viele befragte Passanten finden den Protest aber gut.

"Wenn Augsburger sagen: 'Warum hier vor unserem schönen Rathaus?', dann antworte ich: 'Wo denn sonst - wenn sie hinter das Rathaus gehen, sieht sie keiner'", sagt die Ladenbesitzerin direkt neben dem Camp. "Die jungen Leute sind höflich. Manchmal laden sie mich auch zu ihnen zum Essen ein, wenn sie etwas übrig haben."

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Seit mehr als 200 Tagen kampieren Klimaktivistinnen und -aktivisten vor dem Augsburger Rathaus.

Alternative zum Protest auf der Straße

Inzwischen hat sich das Augsburger Camp bundesweit herumgesprochen. Auch Luisa Neubauer, der Kopf der "Fridays For Future"-Bewegung in Deutschland, war schon zu Besuch. Heute ist Moritz aus Freiburg per Skype zugeschaltet. Er will wissen, welche Tipps Charlotte hat, um ein Klimacamp aufzubauen.

"Ganz wichtig ist, dass ihr einen Schichtplan macht, dass ihr euch abwechselt. Es darf nicht an einzelnen Personen hängen", erklärt die 18-Jährige. "Und vielleicht auf besseres Wetter warten, damit ihr auch Workshops anbieten könnt." Moritz hört aufmerksam zu. Er sieht in dem Camp eine coronakonforme Alternative zum Protest auf der Straße. "Das hat Augsburg ja vorgemacht."

Die Stadt soll mehr für Radfahrer tun und sich für den Ausstieg aus der Kohle-Energie stark machen, fordern die die Aktivistinnen und Aktivisten. Vor allem aber wollen sie, dass der Stadtrat geeignete Maßnahmen beschließt, um das 1,5-Grad-Ziel - heruntergerechnet auf Augsburg - einzuhalten. Inzwischen hat die Stadt signalisiert, den Forderungen entgegen zu kommen. Charlotte und ihre Mitstreiter wollen aber dennoch bleiben - bis sie konkrete Maßnahmen sehen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. Januar 2021 um 22:00 Uhr.