Ein Mann geht im Dom in Fulda (Hessen) an leeren Kirchenbänken vorbei. | dpa

Immer mehr Kirchenaustritte "Das kommt einer Rebellion gleich"

Stand: 23.02.2021 07:52 Uhr

Die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen bringt die katholische Kirche wieder in Erklärungsnot. Die Zahl der Kirchenaustritte steigt deutlich an - viel Gesprächsbedarf also für die Bischofskonferenz, die seit heute berät.

Von Birgit Virnich, WDR

Wenn von heute an die Deutsche Bischofskonferenz tagt, dann ist der Druck auf die Kirche so groß wie seit Langem nicht mehr. Zuletzt waren Details aus einem Gutachten zum Missbrauch in der katholischen Kirche publik geworden. Sie zeigen ein erschreckendes Bild.

Birgit Virnich

Demnach gibt es im Erzbistum Köln mehr Opfer und mehr Täter als durch eine Studie 2018 bekannt wurde. Das Gutachten von Strafrechtler Professor Björn Gercke enthält laut "Spiegel" unter anderem den Fall eines Priesters, der in den 1980er-Jahren in einem Internat im Erzbistum des sexuellen Missbrauchs beschuldigt und später als Pastor und Jugendseelsorger eingesetzt worden war. 2017 sei er von Kardinal Rainer Maria Woelki in den Ruhestand verabschiedet worden.

Viele Kirchenaustritte

Für immer mehr Katholiken ist der Kölner Kardinal, der weiterhin ein erstes Gutachten zurückhält, untragbar. Sie treten aus der Kirche aus. Im Amtsgericht in Köln stehe das Telefon kaum noch still, heißt es dort. Minuten nachdem die Hotline für Kirchenaustritte mit neuen Terminen freigeschaltet wurde, musste sie wegen Überlastung geschlossen werden. Der Andrang war zu groß. Zuletzt gab es nach Angaben des Amtsgerichtes Kirchenaustritte im Viertelstundentakt.

Ende eines schmerzhaften Prozesses

Dabei tun sich vor allem die Älteren mit der Kirche schwer. Für viele wie den 63-jährigen Kölner Wilfried Dohnen war es das Ende eines schmerzhaften Prozesses. Sein ganzes Leben war er in der katholischen Kirche aktiv. Er finde es wichtig, dass sich die Kirche für Geflüchtete und die Schwachen einsetzt. Doch der Missbrauchsskandal und die Art, wie die Kirche mit den Missbrauchten umgehe, habe ihn in den Grundfesten seines Glaubens erschüttert. "Ich war fassungslos, dass sich die Menschen, die über unsere Moral entscheiden, als gewissenlos entpuppten."

Doch mit anzusehen, dass Würdenträger wie Kardinal Woelki noch immer keine systematische Aufklärung zuließen, nach all dem Vertuschen und der Strafvereitelung, habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Dass Woelki das von ihm selbst in Auftrag gegebene Gutachten zur Erfassung derer, die den Missbrauch gedeckt hatten, unter Verschluss halte, macht den Kölner wütend.  

Rücktritt Woelkis gefordert

"Die katholische Kirche erlebt hier gerade so etwas, wie eine Kernschmelze", erklärt der katholische Theologe Thomas Schüller. "Das ist der größte Exodus von Katholiken aller Zeiten. Gläubige erteilen der Kirche gerade eine Rote Karte, aber die realisiert das immer noch nicht," sagt der Kirchenrechtler. "Wenn selbst die guten Hirten der Kirche, die Pfarrer, die schleppende Aufklärung nicht mehr mittragen, dann kommt das einer Rebellion gleich."

Ende des Jahres hatte der Dormagener Pfarrer Klaus Koltermann den Rücktritt von Kardinal Woelki gefordert. Daraufhin drohte ihm das Generalvikariat, dass das Maßnahmen nach sich ziehen könne. 34 Pfarrer solidarisierten sich mit Koltermann und beschrieben in einem offenen Brief ihre wachsende Distanzierung zur Bistumsleitung. Die innere Zerrissenheit vieler Gläubiger erlebten sie ganz ähnlich, so der Tenor.

Auch ein Gespräch mit Woelki, auf das die Pfarrer gedrungen hatten, konnte das Unbehagen der Pfarrer nicht aus dem Weg räumen, sagt der Münsteraner Kirchenrechtler Schüller. Jetzt wollen sich die Kirchenvertreter direkt an Rom wenden.

Verzögerung der Veröffentlichung

Die monatelange Verzögerung der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im Erzbistum Köln sei ein "Trauerspiel", sagt Schüller. Dabei hatte sich noch im April 2020 die Deutsche Bischofskonferenz darauf verständigt, gemeinsam mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch, Johannes-Wilhelm Rörig, für eine umfassende und unabhängige Aufarbeitung unter Einbeziehung von Betroffenen zu sorgen.

Schüller geht davon aus, dass die Unzufriedenheit mit Kardinal Woelki das dominierende Thema bei der Bischofskonferenz sein wird. Aus Gesprächen mit Bischöfen weiß er, dass die Stimmung auf einem Tiefpunkt ist: "Viele Bischöfe haben Sorge, dass die starre Haltung Woelkis, Schuld einzuräumen, auf die gesamte Kirche abfärbt. Vor allem junge Bischöfe, die sich um Aufklärung bemüht haben, befürchten, dass sie als Vertreter der katholischen Kirche unter Generalverdacht gestellt werden."

Woelki werde sich einiges anhören müssen, meint Schüller. Erstmals hatte sich unlängst sogar der Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing kritisch über Woelki geäußert: "Die Vorgänge im Erzbistum Köln haben dazu geführt, dass viele am Willen kirchlicher Autoritäten zu vorbehaltloser Aufklärung zweifeln", erklärte Bätzing Anfang des Monats.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Februar 2021 um 09:00 Uhr.