Der emeritierte Papst Benedikt XVI. | dpa

Nach Missbrauchsgutachten Bischöfe kritisieren Benedikt XVI.

Stand: 23.01.2022 14:06 Uhr

Die Spitze der katholischen Kirche gerät nach dem Münchner Missbrauchsgutachten immer stärker in die Kritik. Bischöfe beklagen vor allem das Verhalten des emeritierten Papstes Benedikt XVI. - und fordern ein öffentliches Schuldeingeständnis.

Die Kritik am Umgang der Katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen reißt nicht ab. Der Aachener Bischof Helmut Dieser fordert ein öffentliches Schuldeingeständnis des emeritierten Papstes Benedikt XVI.. "Es kann nicht dabei bleiben, dass Verantwortliche sich flüchten in Hinweise auf ihr Nichtwissen oder auf damalige andere Verhältnisse oder andere Vorgehensweisen", sagte er in einer Predigt im Aachener Dom. "Denn deswegen wurden doch damals Täter nicht gestoppt und Kinder weiter von ihnen missbraucht." Bereits am Freitag hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, von einem "desaströsen Verhalten" gesprochen.

In der vergangenen Woche hatte das Erzbistum ein Gutachten zu sexuellem Missbrauch in der Kirche veröffentlicht. Demnach wurden Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt. Benedikt, der frühere Kardinal Joseph Ratzinger, hatte das Erzbistum München und Freising von 1977 bis 1982 geführt. Seine Rolle ist besonders brisant. Ihm werden vier Fälle von Fehlverhalten angelastet. Er wies die Vorwürfe in einer Verteidigungsschrift zurück. Die Gutachter gehen davon aus, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Wahrheit gesagt hat.

Katholische Jugend fordert Entschuldigung

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Erzbistum München und Freising forderte einen Paradigmenwechsel: Hin zum Schutz der Menschen und der Aufarbeitung sowie weg vom Schutz der Institution Kirche, heißt es in einer Erklärung des BDKJ. Die Zeit der Gutachten sei vorbei, stattdessen sei es Zeit, Verantwortung zu übernehmen.

Auch die katholische Jugend verlangte ein Schuldeingeständnis der Verantwortlichen. Heutige und frühere Verantwortliche im Erzbistum müssten neben der institutionellen auch ihre persönliche Schuld eingestehen und sich für ihr Fehlverhalten aufrichtig entschuldigen.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, sieht systemische Gründe für die vielen Fälle sexuellen Missbrauchs in der Kirche. "Es gibt kirchliche Muster und Strukturen, die sexualisierte Gewalt begünstigen", sagte Kurschus der "Rheinischen Post". "Das sind in der evangelischen Kirche andere als in der katholischen Kirche." Auch in evangelischen Gemeinden und Einrichtungen gebe es sexualisierte Gewalt: "Dadurch wurde und wird Vertrauen zerstört."

Justiz prüft Gutachten

Die Justiz prüft derzeit, ob die Ergebnisse des Gutachtens strafrechtlich relevant sind. Die Münchner Staatsanwaltschaft untersucht nach eigenen Angaben derzeit 42 Fälle von mutmaßlichem Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger.

CDU-Chef Friedrich Merz rechnet als Konsequenz aus dem Missbrauchsgutachten auch mit Gerichtsverfahren. Auf die Frage, ob Kardinäle zurücktreten müssten, sagte Merz im ZDF: "Das muss zunächst in den Kirchen entschieden werden. Aber ich gehe davon aus, dass das auch in Zukunft Gegenstand von Verfahren der ordentlichen Gerichte sein wird."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Januar 2022 um 17:00 Uhr.