Ein Kinder- und Jugendarzt impft einen Jugendlichen | dpa

Corona-Impfungen für Kinder Warten auf die STIKO-Empfehlung

Stand: 04.12.2021 20:04 Uhr

Bald könnten die Impfungen Fünf- bis Elfjähriger gegen Covid-19 beginnen. Der Impfstoff von BioNTech/Pfizer soll ab dem 13. Dezember an die EU ausgeliefert werden. Kinderärzte bereiten sich vor.

Von Lucretia Gather, SWR

"Die Herausforderung ist enorm", sagt Kinderarzt Thomas Koffler aus Mainz. Sobald der Impfstoff da ist, soll es in seiner Praxis mit den Corona-Impfungen für Kinder ab fünf Jahren losgehen. Schon jetzt kümmert sich eine Mitarbeiterin fast ausschließlich um die Organisation der bevorstehenden Impfungen; nimmt Anrufe entgegen, setzt Kindernamen auf die Warteliste, macht Zeitpläne. 

Lucretia Gather

Impfen in Mittagspause und am Wochenende

"Wir impfen ja schon länger Kinder ab zwölf Jahren gegen Covid", erzählt Koffler, "das machen wir in der Mittagspause." Allein an diesem Freitag stehen 30 Kinderimpfungen auf dem Programm für die Praxispause. Anders gehe es nicht, denn seine Praxis sei, wie die vieler Kolleginnen und Kollegen in diesem Winter, "extrem voll". Im vergangenen Jahr seien wegen der Corona-Maßnahmen viele Infekte ausgeblieben, jetzt kämen sie geballt zurück, beschreibt der Kinderarzt die Situation. 

Wenn nun noch die jüngeren Kinder gegen das Coronavirus geimpft würden, werde sein Praxisteam auch am Wochenende im Einsatz sein müssen. "Noch können wir unsere Mitarbeiter motivieren, ihre Freizeit zu opfern, aber irgendwann sind die durch die Menge an derzeitiger Arbeit auch erschöpft." Wann es mit den Impfungen für Fünf- bis Elfjährige genau losgehen wird, weiß Koffler noch nicht genau. 

"Wissen nicht, wann der Impfstoff kommt"

Ähnlich geht es seinem Kollegen Christian Neumann, Kinderarzt im rheinland-pfälzischen Zweibrücken und Sprecher des Landesverbandes der Kinderärzte. Er ist vorbereitet auf die Kinderimpfungen und hat schon einige Nachfragen von Eltern. Kinder ab zwölf Jahren impft er schon lange, ebenfalls in der Mittagspause.

Doch wie und wann der Impfstoff für die jüngeren Kinder zu ihm kommen wird, weiß Neumann nicht - und ärgert sich: "Ich habe keine Ahnung, wie das laufen soll. Wir Leute vor Ort sind wieder mal nicht informiert worden." 

Außerdem möchte Neumann nicht mit dem Impfen beginnen, bevor nicht die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre Empfehlung abgegeben hat. Neumann kritisiert, dass die Politik schon jetzt für die Kinderimpfungen werbe: "Dass die den Anmeldetermin jetzt so herausposaunt haben, ohne die STIKO in Ruhe prüfen zu lassen, ist absolut unverständlich." Die STIKO sei eine Kommission, der Ärzte und Eltern sehr viel Vertrauen entgegenbringen würden. Daher wolle er abwarten, sagt Neumann. 

Christian Neumann | Lucretia Gather SWR

Kinderarzt Neumann will auf die Empfehlung der STIKO warten. Bild: Lucretia Gather SWR

Impfstoff für Mitte Dezember angekündigt 

Bereits in der vergangenen Woche hatte die Europäische Arzneimittelbehörde EMA den BioNTech-Impfstoff als sicher und wirksam für Kinder ab fünf Jahren eingestuft und grünes Licht für die Zulassung auch in dieser Altersgruppe gegeben. Das Mainzer Unternehmen BioNTech und der US-Konzern Pfizer haben angekündigt, ab dem 13. Dezember mit der EU-weiten Auslieferung des Kinderimpfstoffes zu beginnen.

Offiziell dürfen schon jetzt Kinder dieser Altersgruppe geimpft werden, wenn es der Arzt für medizinisch notwendig hält. Ärzte können eine Dosis verabreichen, die einem Drittel der Dosis für Erwachsene entspricht, erläutert Jakob Maske, Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Bundesverband: STIKO-Empfehlung abwarten

Grundsätzlich plädiere der Bundesverband aber ebenfalls dafür, die Empfehlung der Ständigen Impfkommission abzuwarten. Jakob Maske, selbst niedergelassener Kinderarzt in Berlin, sagt: "Gesunde Kinder unter zwölf Jahren erkranken nur selten schwer an Covid-19 und müssen nur ganz selten im Krankenhaus behandelt werden. Es besteht also bei den Kinderimpfungen absolut kein Grund zur Eile."

Er sei nicht sicher, ob die STIKO die Kinderimpfung überhaupt grundsätzlich empfehlen werde. Möglich sei auch, dass das Gremium zunächst nur eine Empfehlung für Kinder mit Vorerkrankungen aussprechen werde, etwa für Kinder mit Herz- und Lungenerkrankungen oder Diabetes. "Flächendeckende Impfungen der Altersgruppe ab fünf befürworten wir als Verband nur, wenn auch die STIKO grünes Licht gibt", so Maske.

Bundesverband: Nur Kinderärzte sollen Kinder impfen

Sollte es dann einen Ansturm auf die Kinderimpfungen geben, sieht auch der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte große Herausforderungen auf die Praxen zukommen, denn sie seien in diesem Winter extrem belastet. 

Dennoch sei die Kinderarztpraxis der einzige Ort für Kinderimpfungen, findet Maske. Er reagiert damit auf den Vorschlag der Gesundheitsminister der Länder, auch Zahnärzte oder Apotheker in die Impfkampagne mit einzubeziehen. "Für Kinder kann das nicht gelten", findet Maske, "denn wenn in der Nachbeobachtung doch eine seltene Nebenwirkung auftritt, dann kann nur der Kinder- und Jugendarzt fachgerecht reagieren."  

Impfung von Kindern braucht mehr Zeit

Ein Aspekt, auf den der Mainzer Kinderarzt Koffler aufmerksam macht: Er stellt sich darauf ein, dass das Impfen von Kindern ab fünf Jahren viel Zeit beanspruchen wird. "Kleinere Kinder können nicht einfach den Arm hinhalten und das war's", beschreibt Koffler, "da brauchen sie immer eine Assistenz und doppelt so viel Zeit wie bei Erwachsenen oder Jugendlichen." 

Außerdem blieben kleinere Kinder in der Beobachtungszeit nach einer Impfung nicht einfach ruhig sitzen und könnten auch schlechter Abstand zueinander halten, beschreibt der Kinderarzt: "Mal eben schnell viele Kinder gleichzeitig impfen, das geht in einer Praxis nicht." 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Dezember 2021 um 18:40 Uhr.