Jugendliche laufen bei untergehender Sonne über die Rheinpromenade. Im Hintergrund ist die Silhouette des Kölner Doms zu sehen. | dpa

Jugend-Hearing zu Corona "Angst vor Menschen statt Umarmungen"

Stand: 11.03.2021 12:58 Uhr

Keine Freunde, Partys oder Vereinssport - dafür die Angst, in der Schule und im Leben abgehängt zu werden. Familienministerin Giffey spricht heute mit Jugendlichen über die Sorgen und Nöte in der Corona-Krise.

Von Nina Amin,  ARD-Hauptstadtstudio

Aya Alali lebt in einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen und macht gerade ihren mittleren Schulabschluss. Das Lernen zu Hause beschreibt die 18-Jährige als eine sehr schwierige Zeit. Sie teilt sich ein Zimmer mit ihren zwei Schwestern. In Ruhe dem Online-Unterricht folgen ist da kaum möglich.

Nina Amin ARD-Hauptstadtstudio

Sport, Hobbys, Ausgehen - alles Fehlanzeige

Dabei hat die junge Syrerin, die 2017 mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen ist, ein Ziel: in drei Jahren Abitur und dann Medizin studieren. Durch Corona gerate nun alles in Wanken: "Ich habe Angst, dass es noch weiter geht, die nächsten drei Jahre. Und dass ich manche Fächer nicht verstehe, aber eine Arbeit schreiben muss."

Angst vor einer dritten Welle, vor einem Lockdown zum nächsten. Und Sport, Hobbys, Ausgehen - alles Fehlanzeige: "Mir fehlt es, Freunde zu treffen." Und es fehle ihr, Kontakte aufzubauen, Menschen zu umarmen. "Das Gefühl haben, dass andere für Dich da sind und nicht - wenn man einen Menschen sieht auf der Straße - Angst vor ihm zu haben."

Essstörungen und Depressionen

Einsam, abgeschottet sein vom Rest der Welt: Laut einer aktuellen Allensbach-Studie haben mehr als 60 Prozent der unter 30-Jährigen das Gefühl isoliert und einsam zu sein. Deutlich mehr als noch vor Corona. Essstörungen und Depressionen seien besonders im zweiten Lockdown, in den Wintermonaten, häufiger zu beobachten, sagt Julia Asbrand, Jugendpsychotherapeutin an der Berliner Humboldt-Universität.

Aus Berlin und ganz Deutschland höre sie immer häufiger von jungen Menschen, die in Kliniken aufgenommen werden müssen: "Diese krisenhaften Aufnahmen hängen mit selbstgefährdendem Verhalten zusammen. Wir sehen die Zahlen noch nicht ganz klar, sondern hören momentan eher Berichte. Aber wir sehen einen Anstieg an Suizidgedanken und Suizidgefährdung." Zudem habe der Missbrauch von Alkohol und Drogen zugenommen.

Offener Brief an die Bundesregierung

In einem offenen Brief hat sich die Professorin gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen an die Bundesregierung gewandt. Sie warnen darin vor den psychischen Folgen der Pandemie bei Kindern und Jugendlichen. Durch geschlossene Schulen, geschlossene Sportvereine und Freizeiteinrichtungen und besonders auch durch die Kontaktbeschränkungen. Vieles werde sich erst in den kommenden Monaten und Jahren zeigen. Viele bräuchten dann psychotherapeutische Hilfe, warnt Asbrand.

Beim heutigen "Jugend-Hearing" solle es darum gehen, Jugendlichen und junge Erwachsenen jetzt zu zuhören, sie zu stärken, sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey: "Sorgen anhören, verstehen, Zuversicht teilen. Aber auch auf der anderen Seite ganz klare Perspektiven schaffen. Nicht nur in Schule, Ausbildung, Beruf, sondern auch was die Freizeit, was die Freiheit, die Rückerlangung der Freiheit für junge Menschen angeht. Das ist für diese Entwicklungsphase enorm wichtig."

"Nicht komplett wie früher leben"

Aya Alali ist mit rund 60 weiteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Videokonferenz mit der Ministerin dabei. Sie will von sich erzählen und hofft, dass ihre Wünsche und Sorgen wahrgenommen werden und in politische Entscheidungen einfließen.

Was konkrete Veränderungen angeht, ist sie pessimistisch: "Wir müssen auf jeden Fall hoffen, dass es besser wird." Sie könne sich aber nichts Konkretes vorstellen. "Ich kann mir vorstellen, dass es so weiter gehen wird. Dass das Virus bleibt und wir unser Leben nicht komplett wie früher leben können."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. März 2021 um 13:35 Uhr.