Blick auf das Justizzentrum in Halle/Saale.  | dpa

Als 15-Jährige nach Syrien IS-Rückkehrerin Leonora M. vor Gericht

Stand: 25.01.2022 04:34 Uhr

Immer wieder versuchte ihr Vater vergeblich, Leonora M. aus dem IS-Gebiet nach Hause zu holen. Erst nach dem Rückzug des Terror-Regimes stellte sich die junge Frau - jetzt steht sie vor Gericht.

Von Kathrin Köcher, MDR

Mit 15 Jahren reiste Leonora M. aus Breitenbach in Sachsen-Anhalt nach Syrien, um sich dort der Terrororganisation "Islamischer Staat" anzuschließen. Sie wurde Drittfrau eines Deutschen, ein Mitglied des IS-Sicherheitsapparates. Der Fall hatte bundesweit viele Menschen berührt, weil ihr Vater mit Hilfe von Schleusern knapp zwei Jahre lang versucht hatte, seine Tochter wieder nach Hause zu holen. Über zehn Mal scheiterte das Vorhaben.

Heute muss sich die inzwischen 22-Jährige der Anklage durch den Generalbundesanwalt stellen. Zuständig für den Prozess ist das Oberlandesgericht Naumburg. Wegen der besonderen Anforderungen wird allerdings im Sicherheitstrakt des Justizzentrums in Halle verhandelt.

2014 zum Islam konvertiert

Der Vorwurf: Leonora M. habe sich nach ihrer Ankunft in Syrien im März 2015 als Angehörige des sogenannten Islamischen Staates registriert und sich somit an einer ausländischen terroristischen Vereinigung beteiligt. Sie heiratete wenige Tage später Martin Lemke aus Zeitz, der bereits im November 2014 mit seinen beiden Frauen und zwei Kindern nach Syrien ging. Zunächst suchten Leonoras Eltern bei Freunden und Verwandten nach ihr, gaben eine Vermisstenanzeige auf.

Zu dem Zeitpunkt wussten sie weder von der Hochzeit, noch, dass Leonora M. schon im Januar 2014 zum Islam konvertierte. Erst Tage nach ihrem Verschwinden erfuhren die Eltern davon, über eine Sprachnachricht ihrer Tochter.

Ehe über Internet arrangiert

Leonoras Ehe mit Lemke war noch in Deutschland übers Internet arrangiert worden. Und zwar durch die Erstfrau Lemkes, eine junge Französin, die in Leipzig Deutsch als Fremdsprache studierte. Ihre Neugier für den Islam konnte Leonora M. mit Informationen von Facebook und aus WhatsApp-Gruppen stillen, schrieb ihr Vater später in einem Buch. Ihr Umfeld habe nichts davon mitbekommen, wie sich ihr Wunsch manifestierte, als Muslima zu leben mit Kopftuch und Gesichtsschleier. In ihrem kleinen Wohnort sah sie dafür keine Möglichkeit.

Leben in Rakka

In Syrien lebte Leonora M. von März 2015 bis Juni 2017 in Rakka. Dort habe sie "entsprechend den ihr nach der Ideologie des IS obliegenden Pflichten den Haushalt versehen" und damit Lemke in seiner Arbeit für die Terrormiliz gefördert, heißt es in der Anklage. Auch soll sie selbst gegen Bezahlung für die Terrormiliz gearbeitet und Frauen von IS-Kämpfern bespitzelt haben.

Ende Juni 2015 "kaufte" ihr Mann eine Jesidin mit dem Ziel, sie gewinnbringend weiterzuverkaufen. Leonora M. habe die 33-Jährige und ihre beiden Kinder gepflegt und somit den Menschenhandel ihres Mannes unterstützt, wirft ihr die Anklage vor. Das sei Beihilfe zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auch der Verstoß gegen Waffengesetze ist ein weiterer Anklagepunkt. Leonora besaß offenbar eine halbautomatische Pistole und ein Sturmgewehr.

Als 2017 der IS immer weiter zurückgedrängt worden ist, flohen Leonora M. und ihr Mann im Juni aus Rakka. Über anderthalb Jahre mussten sie immer wieder umziehen. In dieser Zeit brachte Leonora M. zwei Mädchen zur Welt, Habiba und Maria.

Nur 14 Tage nach der Geburt ihrer zweiten Tochter im Januar 2019 ergaben sich Leonora M. und Lemke kurdischen Sicherheitskräften. Leonora M. wurde daraufhin mit ihren beiden Töchtern in ein Gefangenenlager im Nordosten Syriens gebracht. Fast zwei Jahre lebte sie dort.

Seit 2020 in Deutschland

Im Dezember 2020 holte die Bundesregierung in einer Geheimoperation Leonora M. mit ihren beiden Kindern zurück nach Deutschland. Bei ihrer Ankunft in Frankfurt am Main wurde sie zunächst durch Beamte des LKA Sachsen-Anhalt verhaftet. Nach etwa drei Wochen wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt und Leonora M. kam Anfang Januar 2021 auf freien Fuß.

22 Verhandlungstage angesetzt

Für das Verfahren sind zunächst 22 Verhandlungstage angesetzt. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. Eine Aussage dazu, mit welcher Strafe Leonora M. rechnen muss, ist schwer möglich und hängt von etlichen Faktoren ab. Zum einen muss das Gericht entscheiden, ob Jugendstrafrecht anzuwenden ist. Das sieht maximal zehn Jahre Gefängnis vor. Leonora M. war zwar als 15-Jährige zum IS gegangen, jedoch nach ihrer Flucht aus Rakka volljährig geworden. Straftaten als Heranwachsende könnten das Strafmaß erhöhen.

Ein weiterer Punkt beim Strafmaß: Das Gericht hätte unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, Leonora M.s Haftjahre in dem nordsyrischen Gefängnis anzurechnen. Denkbar wäre demzufolge auch, dass Leonora M. ohne Gefängnisstrafe davonkommt.

Richterin Ursula Mertens wird das Verfahren leiten, sie hatte auch den Vorsitz im Prozess um den Halle-Attentäter. Die 58-Jährige ist Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Naumburg und bekam nach dem Prozess zum Anschlag auf die Synagoge in Halle viel Anerkennung vor allem für ihre sensible und empathische Art im Umgang mit den Opfern.

Über dieses Thema berichtete MDR AKtuell Radio am 25. Januar 2022 um 06:00 Uhr in den Nachrichten.