Ein Mann geht auf den Eingang des Freiburger Impfzentrums zu. | dpa

Verordnung in Baden-Württemberg Abkehr von der Corona-Inzidenz

Stand: 16.08.2021 16:58 Uhr

Lange Zeit war es der wichtigste Richtwert in der Corona-Pandemie. Inzwischen verliert die Sieben-Tage-Inzidenz immer mehr an Bedeutung - Baden-Württemberg geht seit heute am weitesten.

Von Luisa Bleich, SWR

Vor dem Eingang der Wilhelma in Stuttgart ist Anstehen angesagt. Neben den Eintrittskarten muss das Personal des Stuttgarter Zoos auch die 3-G kontrollieren. Die Besucherinnen und Besucher müssen also nachweisen können, dass sie vollständig geimpft, genesen oder getestet sind.

Nicht nur die Wilhelma muss kontrollieren: Unabhängig von der Sieben-Tage-Inzidenz, die in den vergangenen anderthalb Jahren das gesellschaftliche Leben bestimmt hat, fährt das grün-schwarz regierte Bundesland das öffentliche Leben wieder hoch. Statt um die Inzidenz soll sich hier künftig alles um die 3-G drehen. In sämtlichen Einrichtungen des öffentlichen Lebens muss nachgewiesen werden, dass man geimpft, genesen oder getestet ist.

Inzidenz nicht komplett unwichtig

Komplett irrelevant soll die bisher so wichtige Inzidenz aber nicht werden. Laut dem baden-württembergischen Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) ist sie nach wie vor von Bedeutung, um das Infektionsgeschehen beurteilen zu können. Für die festgelegten Regeln der Corona-Verordnung sollen in Zukunft aber andere Faktoren wichtiger werden: die Auslastung der Intensivbetten, die Impfquote, die Hospitalisierungsrate und eine drohende Überlastung des Gesundheitswesens.

Kritik an neuer Corona-Verordnung

Kritik an dem neuen System hatte es im Voraus von der AfD und der FDP im Land gegeben. Und auch der Virologe Martin Stürmer steht der Abkehr von der Inzidenz skeptisch gegenüber. Zwar könne man die Pandemie nicht mehr eins zu eins an der Inzidenz bewerten, abschaffen würde der Virologe die Inzidenz aber "auf keinen Fall". Sie gebe einen Überblick über das Infektionsgeschehen im Land.

Wegfall der Personenobergrenze

Volle Restaurants und Clubs, direkte Sitznachbarn in Kino und Theater: Was monatelang undenkbar war, könnte in Baden-Württemberg mit der neuen Verordnung wieder zur Realität werden. Die Wilhelma verzichtet im Moment noch auf die Möglichkeit der Vollauslastung. Der Zoobesuch solle ein Erlebnis sein, meint der stellvertretende Direktor Volker Grün. Außerdem hätten sie eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Personal und den Besucherinnen und Besuchern. Auch Virologe Stürmer rät von einer Vollauslastung ab - obwohl die 3-G-Regel "ein hohes Maß an Sicherheit" generieren würde.

Werner Schretzmeier, Leiter des Theaterhauses in Stuttgart, freut sich dagegen darüber, dass sie das Haus in Zukunft wieder voll belegen dürfen. "Man muss aber bedenken: Das Publikum muss da mitmachen", sagte Schretzmeier. Es sei abzuwarten, ob die Menschen der neuen Regelung vertrauen würden.

Positive Stimmung bei den Besuchern

Mangelndes Vertrauen scheinen die Besucherinnen und Besucher der Wilhelma und des Theaterhauses nicht zu haben. Ein Großteil der Befragten ist bereits vollständig geimpft und fühlt sich deswegen ausreichend geschützt vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus - selbst, wenn es in Zukunft überall deutlich voller sein könnte. "Das Risiko ist relativ gering", findet beispielsweise Peggy Neumüller, eine Besucherin der Wilhelma. Und auch Werner Eisler, ein Gast des Theaterhauses, findet, dass die neue Regelung "eine sinnvolle Entscheidung" ist. Aber nicht jedem gefällt der Wegfall der Personenobergrenze. "Ich fühle mich sicherer, wenn weniger Leute da sind", meint Wilhelma-Besucherin Ruth Langer.

Clubbesuch nur mit PCR-Test

Auch in baden-württembergischen Clubs darf zukünftig wieder unter Vollauslastung getanzt werden. Ein Schnelltest, wie beispielsweise für den Restaurantbesuch oder den Gang ins Fitnessstudio reicht hier aber nicht. Laut der neuen Corona-Verordnung braucht man dafür einen PCR-Test. Und die sind nicht billig: Zwischen 50 und 200 Euro können PCR-Tests in Baden-Württemberg kosten - je nachdem, wo man sich testen lässt.

Yusuf Oksaz, Besitzer des Clubs "Dilayla" in Stuttgart findet die Regelung aber in Ordnung. "Nur mit einem Schnelltest wäre es verantwortungslos gewesen“, meint Oksaz. Wem das zu teuer sei, dem bleibe immer noch die Impfung. "Für mich war völlig klar, dass die Sache nur mit dem Impfen ein Ende nimmt. Nur so kommen wir zur Normalität zurück", findet der Clubbesitzer. Auch für Gesundheitsminister Lucha steht hinter der neuen Regelung ganz klar die Botschaft: "Wer geimpft ist, hat ein unkomplizierteres Leben."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. August 2021 um 12:00 Uhr.