Zwei Pflegekräfte arbeiten in einem Zimmer der Intensivstation einer Klinik im bayerischen Gauting. | dpa

Intensivmediziner Janssens "In ganz München sind noch 20 Betten frei"

Stand: 05.11.2021 20:56 Uhr

Wegen der sich zuspitzenden Corona-Lage steigt die Zahl der Intensivpatienten. Intensivmediziner Janssens warnt im Interview auf tagesschau24 vor einer dramatischen Überlastung der Krankenhäuser - und ruft nachdrücklich zur Impfung auf.

Angesichts der steigenden Zahl an Corona-Neuinfektionen hat die Auslastung der Intensivstationen in Deutschland erneut ein kritisches Ausmaß erreicht. "Freie Intensivbetten sind rar", sagte Uwe Janssens von der Deutschen Interdisiplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) im Interview mit tagesschau24.

So seien etwa am Abend in der gesamten Stadt München nur noch 20 Intensivbetten frei gewesen. "Das reicht einfach nicht aus und da muss dringend rangegangen werden", so Janssens. Insgesamt habe man derzeit bundesweit knapp 2300 Covid-Patienten auf Intensivstationen.

Pflegekräfte am Ende - Personal verloren

Die Situation sei anders als vor einem Jahr, warnte Janssens. Die Pflegekräfte seien müde und abgekämpft, sie seien am Ende ihrer Kräfte. "Wir haben in den letzten Monaten tatsächlich Pflegepersonal verloren." Das setze das gesamte System noch weiter unter Druck. Die Bonuszahlungen für Pflegekräfte hätten nicht viel gebracht.

Janssens beklagte, die Rahmenbedingungen in der Pflege stimmten schon seit zehn bis zwanzig Jahren nicht. "Es muss dringend etwas für den gesamten Pflegeberuf im ambulanten, im stationären Bereich getan werden - und natürlich insbesondere für die Intensivpflege."

Hälfte der Covid-Patienten unter 60 Jahre

Die hohe Zahl an Covid-Patienten auf Intensivstationen führe nun dazu, dass geplante Operationen wieder verschoben werden müssten, so Janssens weiter. Man brauche in der Intensivmedizin dringend zehn bis 15 Prozent freie Betten, die mit Personal betreibbar sind. Es gebe schließlich noch andere Notsituationen, wie zum Beispiel akute Herzschwäche, Herzinfarkte oder Unfälle.

Janssens sagte, er begegne dem verbreiteten Vorurteil, dass ein schwerer Verlauf eher Ältere treffe. Knapp unter 50 Prozent der Covid-Patienten auf Intensivstationen seien allerdings unter 60 Jahre. So sei es bei den vergangenen Corona-Wellen nicht gewesen. Viele Patienten seien 30 oder 40 Jahre alt - mit einem dramatischen Krankheitsverlauf. Der Großteil der Schwererkrankten in diesem Altersbereich sei ungeimpft. Die Sterblichkeit liege bei über 50 Prozent - gerade auch bei den Jüngeren.

Impfen ist "unglaublich wichtig"

Deshalb sei der dringende Appell, sich impfen zu lassen, sagte Janssens. Eine Impfung schütze zu über 90 Prozent vor einem schwerem Krankheitsverlauf. Auch eine Booster-Impfung helfe, durch den Winter zu kommen. Impfen sei für die Gesellschaft "unglaublich wichtig".

Immer noch seien drei Millionen Menschen über 60 Jahre nicht geimpft, diese hätten noch keine einzige Impfung bekommen. Knapp 13 oder 14 Millionen Menschen zwischen 18 und 59 Jahren seien ebenfalls noch nicht geimpft. Diese hätten ein sehr hohes Risiko, sich die Delta-Variante einzufangen.

Neben verschiedenen Maßnahmen wie zum Beispiel der 2G-Regel müsse alles versucht werden, um an die Menschen heranzukommen, die nicht geimpft sind, so Janssens. Man müsse versuchen, die Menschen zu überzeugen. Hier würden nur Argumente helfen.

Social Media hat die Menschen "infiziert"

Janssens zeigte sich überzeugt, dass Social Media, Fake News und Youtube die Menschen nahezu "infiziert" hätten. Es sei oftmals irrational, was dort vorgetragen werde. Man müsse die Menschen versuchen zu überzeugen, dass die Ängste unbegründet seien.

Janssens spach sich allerdings gegen eine Impfpflicht in den Gesundheitsberufen aus. Wenn man hier einen Zwang ausübe, dann würden die ihren Beruf "an den Nagel hängen und sich einen anderen Job suchen". Man müsse vielmehr auf die Vernunft setzen und auf die berufliche Verpflichtung, Menschen zu schützen. Und immer wieder erklären: "Eine Impfung schadet nicht, sie schützt."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. November 2021 um 17:00 Uhr.