Eine Beatmungsmaschine auf einer Intensivstation (Archivbild: 20.01.2020) | dpa
Reportage

Corona-Pandemie Intensivstationen am Limit

Stand: 01.12.2021 13:36 Uhr

Ärzte, die nichts mehr für ihre Patienten tun können, und Pfleger, die Corona-Tote in Leichensäcke packen: Auf den Intensivstationen wird die Lage immer dramatischer.

Eine Reportage von Axel John, SWR  

Volker Moog geht mit schnellem Schritt über den Flur der Intensivstation 1 der Südpfalzklinik in Kandel. Der Chefarzt ist in großer Sorge: Fast alle 21 Intensivbetten sind belegt. In wenigen Tagen wird er keine Patienten mehr aufnehmen können. "Die Inzidenzen steigen täglich, es ist nicht mehr umkehrbar, und wir werden Situationen haben, wie wir sie in Italien und Frankreich hatten", sagt er. "Wir bewegen uns auf eine Katastrophe zu." 

Axel John

Eigentlich hat die Klinik an ihren Standorten in Kandel und Germersheim noch acht weitere Intensivbetten. Doch die können nicht genutzt werden. Der Grund: Es fehlt an Personal. Der Mangel hat sich während der Pandemie sogar noch verschärft.

Die Belastung der Pfleger nimmt zu

Pflegerin Marie Grube zieht sich eine spezielle Schutzkleidung an, bevor sie zu einem Covid-Patienten in das Behandlungszimmer geht. "Es ist langsam aber sicher ermüdend. Es gibt eine erhöhte Arbeitsbelastung und es macht keinen Spaß mehr." Chefarzt Moog kann nur hilflos mit ansehen, wie nach und nach immer mehr Pflegekräfte ihre Arbeit reduzieren, die Station oder sogar das Haus verlassen - wegen der enormen Anforderungen durch Covid.

Viele ausgebildete Pflegekräfte gehen zu Zeitarbeitsfirmen wie der Firma Anaflex. Mike Schreier in Landau vermittelte zu Beginn der Pandemie 35 Pflegekräfte. Mittlerweile sind es 70. "Durch Corona haben wir deutlich mehr Anfragen für Personal auf Intensivstationen", fasst Schreier die Entwicklung in der Corona-Krise zusammen. Nach maximal 18 Monaten müssen die geliehenen Pflegekräfte die Klinik wechseln oder drei Monate pausieren. 50 Prozent mehr Gehalt bekommen sie hier geboten.

"So etwas habe ich noch nicht erlebt"

In der Unimedizin Mainz ist die personelle Lage zwar längst noch nicht so schwierig wie in Kandel, aber die Entwicklung ist ähnlich. Nach fast zwei Jahren Covid-Krise kommen immer mehr Pflegekräfte und Ärzte an ihre körperlichen und seelischen Grenzen.

Im Gebäude 505 des weit verzweigten Krankenhaus-Areals ist die Intensivmedizin untergebracht. Christian Blessing leitet hier das Pflegeteam. "Ich bin schon viele Jahre mit dabei. Ich kann die Belastung verarbeiten", sagt er. "Ich mache mir aber Gedanken um die jungen Kollegen. So etwas wie während Corona habe ich noch nicht erlebt. Es gibt einige, die deshalb die Arbeit reduziert haben."

Schockerlebnis Leichensäcke 

Aber was ist die besondere Herausforderung gerade bei Corona-Patienten? Ärzte und Pfleger auf Intensivstationen sind doch auch sonst schweren Krankheiten und Todesfällen konfrontiert? Christian Blessing kann viele Gründe nennen. Einer davon: Aufgrund der verschärften Hygieneauflagen und Ansteckungsgefahren habe sein Team erstmals auch Leichensäcke verwenden müssen. "Normalerweise bereiten wir den Verstorbenen nochmal vor, bevor die Angehörigen Abschied nehmen. Es ist wirklich eine Erfahrung, einen Verstorbenen in so einen Sack zu verpacken, zuzumachen und zu wissen, den macht niemand mehr auf - das ist ganz schlimm."

Christian Blessing und Marc Bodenstein vor der COVID-Station des Uniklinikums Mainz. | Uniklinikum Mainz

Impfappell an die Bevölkerung: Christian Blessing leitet das Pflegeteam, Marc Bodenstein ist leitender Oberarzt. Bild: Uniklinikum Mainz

"Ich schaue mit großer Sorge auf das Jahresende"

Inzwischen ist auch Marc Bodenstein zu dem Gespräch hinzugekommen. Er ist leitender Oberarzt. Die Station verfüge über insgesamt 42 Betten. Allerdings können nur 33 davon betrieben werden, weil es keine Pflegekräfte im Intensivbereich gebe. "Wir sind noch reaktionsfähig. Ich schaue aber mit großer Sorge auf das Jahresende." Sollte sich die Corona-Lage weiter verschärfen, müsse das Klinikum zusätzliches Pflegepersonal einsetzen. Das käme dann aber von privaten Pflegefirmen, erklärt Bodenstein.

Im Mainzer Universitätsklinikum seien bislang 52 Covid-Patienten gestorben. Bei zwei weiteren sei die Lage derzeit sehr kritisch, sagt Bodenstein. "Wir müssen teils mit ansehen, wie trotz intensiver medizinischer Behandlungen bei den Covid-Patienten Organe nach und nach wie Dominosteine kippen und die Menschen versterben. Das betrifft auch jüngere Menschen, bei denen daheim Eltern oder Kinder warten." Es gebe auch Mitarbeiter, die mit solchen Situationen nicht klargekommen seien und nicht mehr in der Intensivmedizin arbeiteten.

Wünsche vor Weihnachten 

Inzwischen sind die beiden Mediziner am Ende des Krankenhaus-Ganges angekommen. Sie stehen vor der Tür zum Isolationsbereich für Covid-Patienten. Gleich müssen beide in die Station, um dort weiterzuarbeiten. Von der Decke des Flures baumelt Weihnachtsschmuck. "Wenn ich mir jetzt etwas wünschen dürfte, dann wäre das eine sehr hohe Durchimpfungsquote", sagt Blessing.

Sein Kollege Bodenstein nickt. "Wir haben inzwischen einen guten Impfstoff. Das Vakzin kann in der Frühphase Infektionsketten durchbrechen und bei Erkrankten schwere Verläufe deutlich reduzieren." Und Blessing appelliert: "Ich kann nur alle bitten: Bitte lassen Sie sich impfen. Viele meiner Kollegen sind platt. Mein Team und ich möchten nicht im nächsten Jahr wieder hier stehen und vielleicht den 200.000. Corona-Toten beklagen müssen."

Dann gehen beide in der Isolationsstation für die Corona-Patienten und die Tür schließt sich hinter ihnen.

Über dieses Thema berichtete der NDR am 02. November 2021 um 20:15 Uhr in der Sendung "Visite" und tagesschau24 am 30. November 2021 um 18:00 Uhr.