Eine Apothekerin zieht in einem polizeiinternen Impfzentrum beim Impfstart gegen das neuartige Coronavirus AstraZeneca-Impfstoff auf.  | dpa

Coronavirus Könnte Deutschland schneller impfen?

Stand: 25.03.2021 04:44 Uhr

Das Krisenmanagement der Regierung gerät immer stärker in die Kritik. Auch die Impfkampagne kommt nur langsam voran. Das liegt zum Teil an mangelnder Flexibilität - doch so einfach ist es nicht.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Auf der Liste der Top 20 bei den Impfquoten weltweit taucht Deutschland gar nicht erst auf. Die Impfquote gibt an, wie groß der Anteil der Bevölkerung eines bestimmten Landes ist, der bereits mindestens einmal geimpft wurde.

Sandra Stalinski tagesschau.de

Ganz oben steht auf der Liste der Statistikseite "Our World in Data" der Inselstaat Seychellen, mit einer Quote von 63,5 Prozent. Der Staat hat allerdings auch nur knapp 100.000 Einwohner. An Platz Zwei steht Israel mit knapp 60 Prozent, an dritter Stelle Großbritannien mit gut 41 Prozent (Stand 21.03.2021). Aber auch Chile (30 Prozent), die USA (knapp 25 Prozent), Serbien (gut 19 Prozent) oder Ungarn (knapp 17 Prozent) lassen die Bundesrepublik mit ihren gut neun Prozent weit hinter sich.

Deutschland könnte schneller sein

"Wie kann das sein?", fragt man sich hierzulande schon lange, der Frust in der Bevölkerung ist groß. Das Hauptproblem ist der mangelnde Impfstoff. Der wurde von der EU offenbar falsch oder zu zaghaft bestellt. Doch die Verantwortung einfach nach Europa abzuschieben, greift zu kurz.

Denn selbst mit dem vorhandenen Impfstoff könnte Deutschland schneller sein. Die Impfzentren, die momentan - und nach dem Willen des Bund-Länder-Gipfels auch noch bis Ostern - den Großteil der Impfungen durchführen, schöpfen aktuell nur 67 Prozent ihrer Kapazität aus.

Rund 100.000 Impfungen am Tag zu wenig

Knapp 342.000 Impfungen könnten die Impfzentren - mit dem aktuell verfügbaren Impfstoff - täglich verimpfen. Geschafft haben sie am Dienstag aber nur 268.000, am Montag sogar nur etwa 220.000, wie Daten des Robert Koch-Instituts und der Gesundheitsministerien von Bund und Ländern belegen, die das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) zusammenträgt.

Warum werden die restlichen 33 Prozent Kapazität nicht ausgeschöpft? In Impfdosen waren das am Dienstag 74.000, die mitten in der dritten Welle der Corona-Pandemie Leben retten könnten. Anders gefragt: Was muss passieren, damit endlich mehr Tempo in die Impfkampagne kommt?

Zu starre Vorschriften bei Priorisierung

Die Antwort darauf ist nicht ganz leicht. Sie klingt an, in dem Kanzlerinnen-Satz von der "bewährten deutschen Gründlichkeit", die nun um "mehr Flexibilität ergänzt" werden soll. Anke Richter-Scheer kann ein Lied davon singen. Sie ist Landesvorsitzende des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe und Leiterin eines Impfzentrums. "Das starre Festhalten an der Priorisierung bei der Impfreihenfolge ist ein Handicap", sagt sie im Gespräch mit tagesschau.de.

Grundsätzlich sei eine Priorisierung zwar absolut notwendig, aber etwas mehr Flexibilität würde die Arbeit sehr erleichtern. "Momentan sind wir dabei, die 80-Jährigen zu impfen. Bevor die nicht alle ein Impfangebot bekommen haben, dürfen wir nicht einfach einen 79-Jährigen anrufen", erzählt sie. "Wir verlieren viel Zeit damit, die zu suchen, die als nächstes dran sind. Wenn wir pragmatischer vorgehen dürften, könnten wir viel schneller arbeiten."

Hausärzte früher einbinden

Richter-Scheer - selbst Hausärztin - glaubt zudem, dass man die Hausärzte schon früher hätte einbinden müssen. Auch die müssten sich selbstverständlich an die Priorisierung halten. "Aber wir kennen ja unsere Patienten, da ist auch Vertrauen da. Impfaufklärung, Bürokratie und Terminvergabe gehen da schneller, sagt Richter-Scheer.

Einzelne Bundesländer gehen jetzt voran: In Nordrhein-Westfalen dürfen Arztpraxen ab sofort impfen. In Bayern starten sie im April. Zumindest ein Anfang, auch wenn sie zunächst noch nicht viel Impfstoff bekommen. Der Zeitfaktor "Terminvergabe" dürfte aber bald mehr und mehr in den Hintergrund rücken.

Zu viele Rücklagen gebildet

Ein anderes Problem ist das Zurücklegen des Impfstoffs für die zweite Impfung. Auch hier hat Deutschland in den vergangenen Wochen Zeit verloren, weil Impfstoff gebunkert wurde, der erstmal für weitere Erstimpfungen hätte verwendet werden können. Anfang März empfahl Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dann, die empfohlenen Intervalle zwischen erster und zweiter Impfung auszureizen. Mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer solle möglichst erst nach sechs Wochen eine Zweitimpfung erfolgen, mit dem von AstraZeneca nach zwölf Wochen.

Im Sozialministerium von Baden-Württemberg tut man das inzwischen. "Wir haben vergangene Woche umgestellt bei den Intervallen zwischen Erst- und Zweitimpfung: Bei BioNTech von drei Wochen auf 40 bis 42 Tage, bei Moderna von 28 auf 40 bis 42 Tage und bei AstraZeneca von neun auf zwölf Wochen", sagt die Leiterin der Stabsstelle Impfen, Katja Schnell.

Reserven werden jetzt aufgelöst

Zudem würden gerade Impfstoffreserven aufgelöst. "Wir hatten anfangs viel Impfstoff zurückgehalten, um die Zweitimpfungen garantieren zu können. Jetzt, wo wir wissen, dass genügend Impfstoff nachkommt, verimpfen wir auch diese Rücklagen", sagt Schnell.

Laut Zi-Daten umfasst der Lagerbestand aktuell etwa dreieinhalb Millionen Impfdosen. "Wir gehen davon aus, dass das jetzt Stück für Stück weniger wird, unter anderem, weil immer mehr Bundesländer dazu übergehen, die Impfintervalle auszureizen", sagt Daniel Wosnitzka, Sprecher beim Zi.

Forderungen, es so zu machen wie Großbritannien und erstmal so viele Menschen wie möglich einmal zu impfen - notfalls auf Kosten der Zweitimpfungen - erteilen Experten aber eine Absage. "Erst die Zweitimpfung bietet den vollen Schutz, die muss auf jeden Fall innerhalb des von der Zulassungsbehörde vorgeschriebenen Zeitraums erfolgen", sagt der Virologe Martin Stürmer im Gespräch mit tagesschau.de.

Impfstopp mit AstraZeneca führte zu Verzögerungen

Weitere Verzögerungen waren auch dem zwischenzeitlichen Impfstopp mit AstraZeneca geschuldet. Das hat den ohnehin schlechten Ruf des Impfstoffs nicht verbessert. In Berlin beispielsweise soll es laut Medienberichten reihenweise zu abgesagten Terminen gekommen sein.

Impfkoordinator Albrecht Broemme gibt auf Anfrage von tagesschau.de aber bereits Entwarnung. Die Termine würden nach zwischenzeitlichem "Ruckeln" inzwischen wieder gut angenommen. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen von Anke Richter-Scheer aus NRW und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die allermeisten Menschen seien froh, überhaupt geimpft werden zu können, egal mit welchem Impfstoff.

Vieles deutet daraufhin, dass die Impfkampagne auch in Deutschland so langsam an Fahrt aufnimmt. Grundsätzlich anders machen, muss man es nach Einschätzungen von Experten nicht. Vieles hätte nur deutlich früher passieren müssen.

Über dieses Thema berichtete Hr-Info am 07. Januar 2021 um 18:00 Uhr.