Eine Frau hält eine Spritze | Alexander Schnackenburg

Bündnis mit Wirtschaft Wie Bremen beim Impfen Tempo macht

Stand: 24.02.2021 14:10 Uhr

Deutschland kommt beim Impfen nur schleppend voran. Das kleinste Bundesland Bremen plant jetzt ganz groß - auf Druck und mithilfe der Unternehmer in der Hansestadt.

Von Milan Jaeger, Radio Bremen

Noch sind die Messehallen 4, 5 und 6 am Bremer Hauptbahnhof komplett leer. Sie warten darauf, gemeinsam mit der Messehalle 7, in der jetzt schon geimpft wird, zum wohl größten Impfzentrum Deutschlands umgerüstet zu werden. Auf dann insgesamt fast 20.000 Quadratmetern sollen, wenn alles fertig ist, täglich bis zu 16.000 Menschen geimpft werden. Bereits Mitte März soll es losgehen.

Milan Jaeger

Wer nun denkt, dass der rot-grün-rote Senat angesichts dieser Zahlen gar nicht mehr aus dem Jubeln herauskommt, sieht sich allerdings getäuscht. Denn ins Rollen gekommen sind die Ausbaupläne für das Impfzentrum nämlich erst so richtig auf Druck der Wirtschaft. Bereits im Dezember schlossen sich Bremer Unternehmer in der Initiative "Bremen impft" zusammen und boten dem Senat ihre Hilfe an.

Impfzentrum in Bremen | Alexander Schnackenburg

Massiver Ausbau des Impfzentrums: Von März an sollen täglich bis zu 16.000 Menschen in Bremen geimpft werden können. Bild: Alexander Schnackenburg

Ehrgeizige Ziele eines Baulöwen

Der Bauunternehmer und Hotelbesitzer Kurt Zech gab das ehrgeizige Ziel von täglich bis 25.000 Impfungen aus. Verdienen wolle er an dem Vorhaben nichts, es gehe ihm einzig und allein darum, "dass die Bevölkerung möglichst schnell durchimpft wird und wir zu einem normalen Leben zurückkehren können", sagte Zech damals.

Der Politik schmeckte dieses etwas großspurige Auftreten zunächst nicht so recht. Der Tenor: zu forsch und zu unrealistisch. Nicht zuletzt, weil zunächst ohnehin nur wenig Impfstoff verfügbar war und es bis heute Lieferengpässe gibt. Doch die Forderung war im Raum und so setzten sich Politik und Wirtschaft zusammen und der massive Ausbau des Impfzentrums wurde beschlossen - wenn auch in etwas abgespeckter Version.

Unternehmen bauen Callcenter auf

Neben dem Druck auf die Politik haben die Unternehmer auch mit angepackt und das Callcenter für die Impftermine aufgebaut: Stühle und Tischen kamen vom größten privaten Arbeitgeber Bremens Mercedes. Andere Unternehmen steuerten Laptops bei. Die eigens angepasste Software für die Impfterminvergabe bot eine Firma zum Selbstkostenpreis an.

Und auch die Anrufe für die Terminvergabe nehmen derzeit 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beteiligten Unternehmen an, die bis dahin in Kurzarbeit waren.

Maximal 90 Sekunden Wartezeit

"Wir haben hier eine Erreichbarkeit von 98 Prozent", freut sich der Leiter des Callcenters, Peter Gärtner, der eigentlich als Manager für die Bremer Atlantic Hotels arbeitet. Das bedeute, dass fast alle Anrufer direkt zu einem Callcenter-Mitarbeiter verbunden würden und nicht erst in die Warteschleife müssten. Doch selbst wenn jemand doch einmal in die Warteschleife komme, sei das gar nicht schlimm: "Die längste Wartezeit betrug bisher 90 Sekunden." Von solchen Werten kann man in anderen Bundesländern nur träumen, dort kam man teilweise tagelang nicht durch, um einen Termin zu vereinbaren.

Sanitäter im Bremer Impfzentrum | Alexander Schnackenburg

Gemeinsam gegen die Pandemie: In Bremen werden die Gesundheitskräfte auch von Hotelpersonal und Beschäftigten unterstützt, die aus der Kurzarbeit geholt werden. Bild: Alexander Schnackenburg

Impfbegleitung statt Kurzarbeit

Und auch in dem ausgebauten Impfzentrum sollen bis zu 500 Beschäftigte der beteiligten Unternehmen zum Einsatz kommen. Die eigentlichen Impfungen werden natürlich von medizinisch ausgebildeten Personal von Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz durchgeführt. Aber in Empfang genommen und durchs Impfzentrum begleitet werden die Menschen unter anderem von Hotelangestellten. Diese können so aus der Kurzarbeit geholt werden, die Bezahlung übernimmt das Land Bremen.

Politik lobt "ungewohnte Kooperation"

Mittlerweile kann auch die linke Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard dem Drängen der Unternehmer etwas Positives abgewinnen: "Dass ein Unternehmer sagt, hier muss der Staat mal bisschen mehr Tempo machen ist das, was die Unternehmen in die Kooperation einbringen und gehört auch ein Stück weit zur Rollenverteilung." Die Kooperation sei für beide Seiten ungewohnt. "Das erfordert von allen Beteiligten manchmal Geduld und Nerven. Bislang haben sich alle dieser Herausforderung gestellt", lobt Bernhard.

Und so arbeiten Politik und Wirtschaft im kleinsten Bundesland gemeinsam an ihrem ehrgeizigen Ziel: Bis Ende Juli sollen 70 Prozent der Bremerinnen und Bremer eine Impfung bekommen können.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26.02.2021 um 15.00 Uhr sowie buten un binnen am 08. Dezember 2020 um 19:30 Uhr.