Impflotse Alsem spricht mit Passanten in Neuwied, Rheinland-Pfalz. | SWR

Angebot in Rheinland-Pfalz Mit Impflotsen gegen Sprachbarrieren

Stand: 07.02.2022 11:11 Uhr

Mit mobilen Teams Skepsis, Sorgen und Sprachbarrieren direkt vor Ort überwinden: Viele Städte schicken mehrsprachige "Impflotsen" auf Tour. Welche Erfahrungen machen sie, etwa in Mainz?

Von Axel John, SWR

Ein eiskalter Wind zieht durch die Fußgängerzone im rheinland-pfälzischen Neuwied. Walid Alsem und Suzan Shahbandar sind trotzdem unterwegs. Sie gehen für das Impfen auf die Straße. Gezielt sprechen die beiden Menschen mit Migrationshintergrund an.

Axel John

"Guten Tag, darf ich mit Ihnen reden?", fragt Alsem einen jungen Mann, der zunächst weitergehen möchte und sagt, er könne kaum Deutsch. Alsem hört den Akzent in der Stimme und schaltet sofort um - auf Persisch. Plötzlich kommt das Gespräch in Gang. 

Walid Alsem und Suzan Shahbandar sind Impflotsen. Sie informieren über die Impfung gegen das Coronavirus, klären auf, beantworten Fragen. Beide kommen gebürtig aus Syrien. Vor ihrer Werbetour in Neuwied haben sie eine Schulung beim christlichen Friedensdienst "Eirene" gemacht. Auch Infomaterial in 24 Sprachen haben beide bei ihrer Tour mit dabei. "Meine Muttersprache ist Arabisch. Ich kann aber auch Persisch und natürlich Deutsch. Das hilft sehr für unser Ziel. Die Sprache kann eine Brücke sein", erzählt Alsem, der wie seine Kollegin eine Jacke und eine Tasche mit der Aufschrift "Impflotsen" trägt.  

Impflotse Alsem spricht mit Passanten in Neuwied, Rheinland-Pfalz. | SWR

Ihr Job ist nicht immer leicht, oft gibt es längere Diskussionen: Impflotse Alsem in Neuwied Bild: SWR

Ihr Job ist mühsam. Manche Passanten reagieren gereizt und lassen beide einfach stehen. Die meisten aber zeigen nach einem ersten Zögern auch Interesse. Oft gibt es längere Diskussionen. "Wir haben ein wichtiges Anliegen und lassen uns nicht entmutigen. Zwar wissen wir nicht, ob die Leute sich wirklich impfen lassen. Aber ich glaube, wir können doch viele erreichen", sagt Alsem.  

 

Ein bisschen wie Haustür-Wahlkampf

In Mainz koordiniert Behrouz Asadi die Impflotsen. Er ist Leiter des Migrationsbüros der Malteser für Rheinland-Pfalz und Hessen. "Wir haben im Sommer erstmals mit der Landeszentrale für Gesundheitsförderung darüber gesprochen", berichtet Asadi. Das Projekt ist inzwischen Teil eines Fünf-Punkte-Programms der Landesregierung zur Steigerung der Impfquote. Das sei ein bisschen wie Haustür-Wahlkampf von Parteien, meint Asadi. "Wir möchten direkt heran an die Leute - auf der Straße, vor dem Supermarkt, in Kitas oder bei Sportvereinen." Auch bevor Impfbusse in ein Stadtviertel kämen, seien die Impflotsen dort unterwegs.

In Mainz seien derzeit sieben von ihnen im Einsatz. Wie auch in Neuwied würden sie Menschen ins Impfzentrum begleiten, um dort zu übersetzen, so Asadi. Das Angebot richtet sich an alle Bürger. Einige seiner Mitarbeiter und auch viele Ehrenamtliche seien Zuwanderer und daher mehrsprachig, so Asadi. "Das wollen wir gezielt nutzen. Auch bei den Zuwanderern gibt es teils Sorgen, Ängste und Verunsicherungen. In der Muttersprache ist es viel einfacher, Menschen zu informieren."

Wie in Neuwied reagierten manche Angesprochenen auch in Mainz aggressiv. Da sei meist viel Verunsicherung mit dabei, erklärt Asadi. Gerade dann sei das persönliche Gespräch besonders wichtig. Auch für solche Situationen würden die Impflotsen zuvor geschult. Zudem kursierten bei einigen Migranten wie auch in anderen Teilen der Gesellschaft immer wieder Verschwörungserzählungen. "Das können wir mit Fakten entlarven. Ein harter Kern wird gegen das Impfen bleiben, aber am Ende können wir doch viele zum Piks bewegen", erzählt Asadi.      

Erfolgreiche Strategie in Bremen

Das Projekt aus Rheinland-Pfalz erinnert an die Strategie in Bremen. Die Hansestadt gehörte früh zu den bundesweiten Spitzenreitern bei der Impfquote, auch aufgrund einer Vielzahl niedrigschwelliger Impfangebote. Die Behörden hatten im vergangenen Jahr festgestellt, dass es dort viele Infektionen gab, wo die Armut groß und der Migrationsanteil hoch ist. In diesen Vierteln herrsche teils ein mangelndes Vertrauen in den Staat, hieß es von Seiten des Senates. Sprachbarrieren und mangelnde Informationen spielten ebenfalls eine große Rolle. Auch eine neue Studie des Robert Koch-Institutes belegt diese Zusammenhänge.

Deshalb setzte der Bremer Senat früh auf mobile Teams, die gerade in strukturschwachen Stadtvierteln präsent waren. Außerdem förderte Bremen eine enge Zusammenarbeit zwischen Behörden, Hilfsorganisationen und Verantwortlichen vor Ort - wie etwa mit dem Quartiersmanagement, Ortsämtern, Vereinen, Glaubensgemeinschaften und Stadtteilinitiativen. 

Rheinland-Pfalz will Angebot ausweiten

In der Landeszentrale zur Gesundheitsförderung in Mainz blättert Susanne Herbel-Hilgert in den Unterlagen für die Impflotsen in Rheinland-Pfalz. 37 von ihnen seien derzeit in fünf Kommunen in dem Bundesland im Einsatz. "Wir haben keine genauen Zahlen, wie viele Menschen sich durch das Projekt für eine Impfung entschlossen haben. Wir bekommen aber eine positive Rückmeldung der Impflotsen", berichtet sie.

Nötig seien niederschwellige Angebote auch in anderen Sprachen. "Deshalb wollen wir allen Landkreisen und kreisfreien Städten in Rheinland-Pfalz ein solches Angebot machen", kündigt Herbel-Hilgert an. Das brauche aber noch Zeit, da man zunächst Mitarbeitende und Ehrenamtliche etwa in Jobcentern finden müsse. "Demnächst sollen Impflotsen in Ludwigshafen auf Tour gehen. Wir müssen dranbleiben. Corona und die Impfung werden uns noch lange begleiten."

Über dieses Thema berichtete das SWR Fernsehen "Landesschau Rheinland-Pfalz" am 20. Januar 2022 um 18:45 Uhr.