Die Halle des Corona-Impfzentrums Messe Berlin (Archivbild). | dpa
Analyse

Anreize Was tun gegen die Impfdelle?

Stand: 08.07.2021 20:34 Uhr

Die Impfkampagne in Deutschland verliert langsam an Fahrt. Anreize könnten ein Element sein, um Unentschlossene zu überzeugen, analysiert Gabriele Intemann. Doch einfach dürfte es auch dann nicht werden.

Eine Analyse von Gabriele Intemann, ARD-Hauptstadtstudio

Laut Robert Koch-Institut müssten sich von den Zwölf- bis 60-Jährigen wegen der Delta-Variante 85 Prozent impfen lassen. Nur dann würden die Infektionszahlen im Herbst nicht wieder so stark ansteigen, dass die Krankenhäuser belastet werden.

Gabriele Intemann ARD-Hauptstadtstudio

Derzeit sind gerade einmal 40 Prozent vollständig geimpft. Es ist also noch ein weiter Weg bis zur sogenannten Herdenimmunität. Zumal sich manche gar nicht impfen lassen können, weil sie etwa krank sind, und sich bis zu 16 Prozent auf keinen Fall impfen lassen wollen. Um 85 Prozent zu erreichen, müssten sich also fast alle Unentschlossenen impfen lassen.

Deshalb wollen die Behörden nun vor allem die erreichen, die sich nicht aktiv um eine Impfung bemühen - weil sie wenig Zeit haben, weil sie die Bürokratie scheuen, weil sie zu bequem sind oder glauben, auch ohne Impfung gut durch die Pandemie zu kommen.

Drei Strategien gegen die Impfmüdigkeit

Eine Studie der Humboldt-Universität zu Berlin vom Mai hat gefragt, was die Unentschlossenen umstimmen könnte. Vorgeschlagen wurden drei Strategien: Rückgabe von Freiheiten für Geimpfte, Impfen beim Hausarzt und finanzielle Anreize. Das Ergebnis: Jede der drei Varianten kann die Impfbereitschaft um rund fünf Prozent steigern. Zusammen würden die Maßnahmen eine 13 Prozent höhere Impfquote bringen, sagen die Forscher.

Der erste Punkt - mehr Freiheiten für Geimpfte - ist bereits erfüllt. Geimpfte sind mit Getesteten und Genesenen gleichgestellt. Sie können ohne Test ins Restaurant und ins Kino, und auch Reisen ist mit Impfzertifikat viel einfacher als ohne. Geht da noch mehr, Wegfall der Maskenpflicht zum Beispiel? Vielleicht, aber solange noch viele nicht vollständig vor dem Virus geschützt sind, wäre das mit einem großen Risiko verbunden.

Impfen, wo die Menschen sind

Der zweite Punkt - Impfen durch die Hausärzte - muss erklärt werden: Zum Zeitpunkt der Studie waren die Hausärzte noch gar nicht in die Impfkampagne einbezogen. Und die Forscher haben festgestellt, dass sich vor allem viele ältere Menschen lieber beim Hausarzt impfen lassen. Übertragen auf andere Bevölkerungsgruppen könnte das heißen, dass man niedrigschwellige, wohnortnahe Angebote schafft und dort impft, wo die Menschen ohnehin sind, am besten ohne Termin und viel Bürokratie. Auch das machen viele Bundesländer schon. Sie gehen in die Stadtteile und an soziale Brennpunkte.

Die niedrigschwelligen Angebote können allerdings noch viel weiter ausgebaut werden: indem Impfteams nicht warten, dass die Menschen zu ihnen kommen, sondern indem man mit der Spritze zu den Menschen geht. Es könnte in Einkaufszentren oder Fußgängerzone geimpft werden, auf der Partymeile, vor der Konzerthalle oder demnächst vorm Fußballspiel.

Impfprämien und Lotterien

Der dritte Punkt der Studie - finanzielle Anreize - könnte weitere Unentschlossenen motivieren. Mindestens 50 Euro müssten es schon sein, sagen die Forscher. Welche Anreize genau wirken, hängt vermutlich von der Zielgruppe ab. Die einen mag direkt Geld oder ein Gutschein motivieren, die anderen sind vielleicht eher für Konzert- oder Festival-Karten oder einen Gratiseintritt im Freizeitpark empfänglich. Und auch eine Lotterie mit wertvollen Sachpreisen könnte vermutlich noch den ein oder anderen bewegen, sich für eine Impfung zu entscheiden. Dennoch droht hier eine Gefahr: Manche könnte es abschrecken, wenn mit Prämien und Gewinnen geworben wird. Für die meisten sollten aber gute Argumente und einfach zu erreichende Impfangebote genügen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juli 2021 um 12:00 Uhr.