Ein Student der Universitaet Bonn, gekleidet mit Barrett und Talar | picture-alliance / Unkel
Interview

Arbeitsbedingungen an Universitäten "Menschen- und wissenschaftsfeindlich"

Stand: 24.06.2021 05:03 Uhr

Kettenverträge, Mehrarbeit und mangelnde Perspektiven: Unter dem Hashtag #IchBinHanna mobilisieren Wissenschaftler gegen schwierige Arbeitsbedingungen. Auf ihren Druck beschäftigt sich heute auch der Bundestag mit dem Thema.

tagesschau.de: Mit #IchBinHanna schaffen es die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft ins Parlament. Wie kam es zu dem Hashtag?

Sebastian Kubon: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hatte bis vor Kurzem ein Video auf seiner Homepage, in der über eine animierte Figur namens Hanna die juristische Beschäftigungsgrundlage, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, erläutert wird. Dieses ist ein Sonderbefristungsrecht, das regelt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland maximal sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion befristet beschäftigt werden können.

Danach muss eine Entfristung erfolgen. Das passiert aber nicht mangels Stellen, daher fliegen die meisten spätestens dann aus dem System - mit allen ihren Qualifikationen und Kenntnissen, die dann für die Wissenschaft verloren sind. Und neben diesem immensen Verlust für den Forschungsstandort Deutschland steht ja auch immer ein persönliches Schicksal.

Wenn dann noch ein solches Erklärvideo daher kommt, um diese absurde Situation zu erklären, dann ist das meines Erachtens menschen- und wissenschaftsfeindlich. Daher wollten Dr. Amrei Bahr, Dr. Kristin Eichhorn und ich den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ein Gesicht geben - mit dem Hashtag #IchbBinHanna.

Sebastian Kubon | Sebastian Kubon
Zur Person

Dr. Sebastian Kubon ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg, aktuell in Elternzeit. Er beschäftigt sich vor allem mit Public History und Food History. Zur Zeit steht die Kritik am deutschen Wissenschaftssystem im Mittelpunkt seines Engagements. Dafür hat er gemeinsam mit Dr. Amrei Bahr und Dr. Kristin Eichhorn den Hashtag #IchBinHanna kreiert.

tagesschau.de: Was sind denn Ihre größten Kritikpunkte und was schlagen Sie konkret vor?

Kubon: Da weiß ich kaum, wo ich anfangen soll. Schlimm sind vor allem die Kurzzeitverträge. Statt in Ruhe zu forschen, muss man andauernd neue Bewerbungen und Anträge schreiben. Wir bräuchten realistische Vertragslaufzeiten, also so lang, wie man beispielsweise tatsächlich für die Promotion braucht.

Und wer dann promoviert ist, sollte entfristet beschäftigt werden - oder zumindest eine klare und transparente Perspektive erhalten. Zudem gibt es an den Universitäten sehr viele unbezahlte Überstunden. Viele Kolleginnen und Kollegen haben nur halbe Stellen - und arbeiten dennoch soviel, als hätten sie volle Stellen, um den Laden am Laufen zu halten. Wir brauchen eine verlässliche und ausreichende Grundfinanzierung. Das bedeutet also nicht immer mehr Drittmittel, also projektgebundene Gelder, die aufwendig beantragt und eingeworben werden müssen.

"Dann dürfte man auch keine Professoren entfristen"

tagesschau.de: Das Bildungsministerium begründete die befristeten Stellen damit, dass die Forschung immer neue Impulse brauche.

Kubon: Diese Argumentation, dass nur stete Fluktuation Innovation schafft, gibt es seit Jahrzehnten, ohne dass das jemals wissenschaftlich überprüft wurde. Nach dieser Logik dürfte man dann ja auch keine Professorinnen und Professoren entfristen. Ich halte das eher für ein vorgeschobenes Argument. Denn es ist ja auch - zumindest kurzfristig gedacht - einfacher und billiger, wenn junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unbezahlte Überstunden machen. Aber damit werden sie regelrecht verheizt, was langfristig teuer und überhaupt nicht nachhaltig ist.

Verstehen Sie mich nicht falsch, uns geht es nicht um Mitleid. Aber durch dieses System bleiben wichtige Forschungsprojekte liegen, die Lehre leidet inhaltlich und den Studierenden brechen immer wieder die Ansprechpartner weg. Viele hochtalentierte Leute winken bei der Frage, ob sie sich in der Wissenschaft sehen könnten, dankend ab.

tagesschau.de: Ein weiteres Argument des Bildungsministeriums ist, dass bei einer Entfristung aller Stellen eine einzige Generation das System "verstopfen" würde ...

Kubon: Aber es fordert doch niemand, dass alle Stellen entfristet werden - meines Wissens nach noch nicht mal die Gewerkschaft. Es geht um transparente Kriterien und eine konkrete Perspektive: also Entfristung unter den und den Umständen. Es kann doch nicht sein, dass jede neue Generation immer wieder aufs Neue mit prekären Arbeitsbedingungen kämpfen muss und nicht vernünftig forschen kann.

"Kein Wunder, dass viele ihr Glück woanders suchen"

tagesschau.de: Ist das eigentlich ein rein deutsches Problem, geht man im Ausland besser mit wissenschaftlichem Nachwuchs um?

Kubon: "Nachwuchs" ist ein schrecklicher Begriff. Menschen teils mit Mitte 40 sind kein Nachwuchs, sondern hochqualifizierte Expertinnen und Experten, die anderswo schon längst hochdotierte Führungsstellen hätten. Kein Wunder, dass viele ihr Glück woanders suchen. Ausländische Universitäten haben im Rahmen von #IchBinHanna bereits versucht, deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler abzuwerben.

Aber um zur Frage zurückzukommen: Insgesamt ist Wissenschaft weltweit ein prekäres System. Das kann ich aber nicht im Detail beurteilen. Es wäre ja aber vielleicht auch eher die Aufgabe des Ministeriums, mal eine Kommission einzusetzen, die sich mit Arbeitsbedingungen anderswo beschäftigt, um zu schauen, was man von dort lernen kann. Das würde aber voraussetzen, dass man im eigenen Lande überhaupt Defizite anerkennt.

Bundestagsabgeordnete Im Parlament während der Debatte über die Fortsetzung der epidemischen Lage. | picture alliance / Geisler-Fotop

Mobilisieren über Twitter - auf Druck der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befasst sich der Bundestag in einer aktuellen Stunde mit den Arbeitsbedingungen in Forschung und Lehre (Archiv). Bild: picture alliance / Geisler-Fotop

tagesschau.de: Nun gibt es heute eine aktuelle Stunde im Bundestag. Was versprechen Sie sich davon?

Kubon: Ich erhoffe mir davon, dass die Wissenschaft wieder auf die politische Tagesordnung kommt. Wenn sie dringend notwendige Orientierung geben soll, dann können wir nicht weiter unter solchen Bedingungen arbeiten. Ich habe aber den Eindruck, dass viele Politikerinnen und Politiker davon schlichtweg nichts wissen. Daher sagen wir: Stopp - so geht es nicht weiter. Und vielleicht begreifen es auch ein paar Parteien als Chance, sich in wissenschaftspolitischen Fragen zu positionieren.

Arbeitnehmerrechte, wie für alle anderen auch

tagesschau.de: Es ist die letzte Sitzungswoche, dann ist im September erstmal Bundestagswahl, schnelle Lösungen wird es also nicht geben. Wie wollen Sie das Thema weitertragen?

Kubon: Gegenwärtig wird das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ja evaluiert. Die entsprechenden Bögen sind allerdings so gestaltet, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass dabei valide Daten rauskommen. Dennoch: Das Gesetz steht in der nächsten Legislaturperiode auf der Agenda. Daher müssen jetzt die Defizite möglichst präzise beschrieben werden, um dann Lösungsmöglichkeiten vorzuschlagen.

Das geht auf klassischem Weg, also über lokale Programme, Parteiarbeit oder Gewerkschaften. Aber dank Social Media können auch schnell und spontan Initiativen entstehen - das hat uns auch der Erfolg von #IchBinHanna gezeigt. Sie haben bewirkt, dass sich das Forschungsministerium mit unserer Kritik auseinandersetzen musste. Und in diesem Punkt werden wir auch nicht nachlassen: Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen die gleichen Arbeitnehmerrechte gelten wie für alle anderen auch.

Das Interview führte Stefan Keilmann, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juni 2021 um 16:36 Uhr.