Bürgermeister Gerhard Hoffmann | SWR

Angriff auf Kommunalpolitiker "Das kam aus dem Nichts"

Stand: 29.04.2021 14:56 Uhr

Er wollte Jugendliche einer illegalen Corona-Party zur Rede stellen - und wurde zusammengeschlagen. Was der ehrenamtliche Bürgermeister Gerhard Hoffmann erlebt hat, ist fast schon trauriger Alltag in Deutschland.

Von Christian Kretschmer,  SWR

Erst kamen die Faustschläge und dann, als er am Boden lag, die Tritte. Mitte April wurde Gerhard Hoffmann von Jugendlichen zusammengeschlagen. An diesem Abend fährt der ehrenamtliche Bürgermeister von Höhfröschen in Rheinland-Pfalz zu einem Festplatz in dem kleinen Ort. Anwohner haben ihn kontaktiert, weil dort eine illegale Corona-Party stattfinden soll.

Christian Kretschmer

Auf dem Platz trifft er auf mehr als 20 feiernde Jugendliche. Hoffmann will die Party beenden - aber die Anwesenden wollen nicht gehen. Als er die Polizei ruft, blenden ihn mehrere Jugendliche mit ihren Smartphones und filmen ihn. Mehrere seien auf ihn losgegangen, schildert Hoffmann, hätten ihm ins Gesicht geschlagen und ihn getreten.

"Das kam aus dem Nichts", erzählt der Bürgermeister. Er habe sich dann zu seinem Auto geschleppt und sei nochmals getreten worden. Noch heute habe er Schmerzen und Atembeschwerden. "Vor Corona hat es so etwas bei uns noch nicht gegeben", meint Hoffmann.  

Bürgermeister Gerhard Hoffmann zeigt sein blaues Auge. | SWR

Schläge und Tritte, unter deren Folgen er noch heute leidet - Gerhard Hoffmann will dennoch ehrenamtlicher Bürgermeister bleiben. Bild: SWR

"Corona hat den Unmut verstärkt"

"Corona hat den Unmut vieler Bürger verstärkt", sagt auch Ralph Spiegler, Bürgermeister von Nieder-Olm und Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Manche Bürger empfänden eine diffuse Aggressivität gegen Parteien oder Politiker im Allgemeinen, etwa wegen der Corona-Beschränkungen.

In der Folge könnten dann eben auch Kommunalpolitiker zur Zielscheibe werden. "Wir sind besonders nah an den Bürgern dran", sagt Spiegler - und entsprechend auch besonders gefährdet. "Ich denke, es gibt eine hohe Dunkelziffer von Übergriffen", ergänzt er. "Viele schweigen darüber."  

Neues Portal "Stark im Amt"

Stellt sich die Frage: Wie lassen sich die Angriffe verhindern? Ein Hilfsmittel soll das Online-Portal "Stark im Amt" sein. Vorgestellt wurde es heute von Schirmherr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Seite liefert Kommunalpolitikerinnen und -politikern zum Beispiel Anleitungen zur Deeskalation und zum Schutz von Mitarbeitern sowie der eigenen Familie. Auch Ansprechpartner und Meldestellen bei Hatespeech im Netz werden dort aufgeführt. Die Betroffenen werden ebenso ermutigt, rechtlich gegen verbale und körperliche Angriffe vorzugehen.

"Ohne Bürgermeister, auch in kleinen Orten, funktioniert eine Demokratie nicht", sagt Hoffmann, der Bürgermeister von Höhfröschen. Er will weiter im Amt bleiben und hat Anzeige gegen die jugendlichen Angreifer erstattet. Hoffmann fordert, dass ehrenamtliche Bürgermeister vom Land oder dem Bund gegen Übergriffe versichert werden - bislang sei das nicht der Fall. Besonders wichtig ist ihm zudem, etwas Positives hervorzuheben: die Solidarität im Ort, die er nach der Attacke auch von jungen Einwohnern erlebt hat.

"Insgesamt vorsichtiger geworden"

"Eine Gruppe von Jugendlichen hat mir sogar einen Präsentkorb zukommen lassen", erzählt Hoffmann, "und sich von den Angreifern distanziert". Dennoch hinterlässt das Erlebte bei ihm wohl langfristig Spuren: "Ich bin insgesamt vorsichtiger geworden", sagt er. Sollte eine illegale Versammlung oder ähnliches noch einmal gemeldet werden, würde der er nicht mehr direkt hingehen - sondern zuerst die Polizei vorbeischicken. 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. April 2021 um 11:00 Uhr.