In einem Regal in einem Supermarkt liegt ein Schild mit der Aufschrift "Nein, wir haben kein Öl mehr!". | SWR

Ukraine-Krieg Warum Hamsterkäufe sinnlos sind

Stand: 31.03.2022 04:03 Uhr

In vielen Supermärkten sind wieder einmal etliche Regale leer. Warum kaufen gerade alle wie verrückt Speiseöl und Nudeln? Und was wäre eigentlich wirklich ein sinnvoller Notvorrat?

Von Lucretia Gather, SWR

"Es ist schon wieder fast so schlimm wie im ersten Lockdown", klagt Beate Schwarz. Sie hat einen kleinen Lebensmittelladen in Mainz-Gonsenheim und wundert sich über ihre Kunden: "Ich verstehe die Leut' nicht", sagt sie kopfschüttelnd, "die kaufen Speiseöl und Mehl wie verrückt."

Lucretia Gather

Für diese Woche bekommt Schwarz gar kein Speiseöl mehr von ihrem Großhändler geliefert. Deswegen hat sie ein handgeschriebenes Pappschild ins leere Regal gestellt: "Nein, es ist kein Öl mehr da!"

Geringeres Angebot bei Speiseölen und Mehl

Tatsächlich sei bei Speiseölen das Angebot in den Supermärkten aktuell "geringer als üblich", erläutert Christian Böttcher, Pressesprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVLH). Das betreffe vor allem Sonnenblumenöl. Dies sei eine unmittelbare Folge des Russland-Ukraine-Krieges, denn die Ukraine zähle zu den weltweit wichtigsten Exporteuren von Sonnenblumenöl.

Doch auch bei anderen Lebensmitteln könne das Angebot in den Supermärkten etwas dünner ausfallen als sonst, erklärt Böttcher, etwa bei Mehl oder Nudeln: "Wie stark einzelne Produkte betroffen sind, und ob es regionale Unterschiede gibt, hängt vor allem von der Situation entlang der Lieferkette ab und von den individuellen Geschäftsbeziehungen zwischen Erzeugern, Verarbeitern und Händlern."

Keine flächendeckende Unterversorgung in Deutschland

Flächendeckend sei aber in Deutschland nicht mit einer Unterversorgung mit "Lebensmitteln der Grundversorgung oder Gütern des täglichen Bedarfs" zu rechnen, stellt der Verband klar. Vielmehr habe die teilweise Knappheit vor allem eine Ursache: "Die geringere Warenverfügbarkeit bei einigen Grundnahrungsmitteln wird auch von einem übermäßigen Bevorratungsverhalten einiger Kunden getrieben."

Appell an Kunden: Nur haushaltsübliche Mengen

Der Handelsverband Lebensmittel (BVLH) appelliert daher an die Kunden, Mehl, Öl, Toilettenpapier oder Nudeln nur in haushaltsüblichen Mengen einzukaufen.

Auf diese Größenordnung seien die Produktionsmengen und die Lieferlogistik der gesamten Lebensmittelkette ausgerichtet.

"Simulation von Handlungsfähigkeit"

Warum Menschen auf Krisen mit Hamsterkäufen reagieren, erklärt Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München: "Ausnahmesituationen überfordern uns, machen uns Angst. Wir versuchen, die Situation zu kontrollieren. Und mit den 'Hamsterkäufen' simulieren wir Handlungsfähigkeit."

Außerdem neige der Mensch zur Nachahmung, erläutert der Soziologe. "Und wenn alle plötzlich Speiseöl kaufen, dann denke ich, ich muss das auch machen." Tatsächlich könne dieses kollektive Verhalten dann zu einer künstlichen Verknappung bestimmter Güter führen. Und dieser Effekt verstärke sich dann immer weiter.

"Was zu Beginn der Corona-Pandemie das Toilettenpapier war, ist in der aktuellen Krise das Speiseöl oder Mehl", beobachtet Nassehi. Rational seien diese Hamsterkäufe nicht: "Denn wir sind ja weit davon entfernt, in einer echten Ausnahmesituation zu sein. Und wenn es dazu käme, ist es sicher sinnvoller, andere Dinge vorzuhalten als ausgerechnet Speiseöl."

Wasservorräte schaffen

Wie ein sinnvoller Notvorrat aussieht, beschreibt ein Ratgeber des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Darin heißt es: "Ein Mensch kann unter Umständen drei Wochen ohne Nahrung auskommen, aber nur vier Tage ohne Flüssigkeit." Daher raten die Experten, für jede Person im Haushalt 14 Liter Flüssigkeit vorrätig zu haben, außerdem ausreichend Lebensmittel für zehn Tage - und zwar solche, die auch ohne Kühlung haltbar seien.

Dazu gehörten in jeden Vorratsschrank ausreichend Kerzen, Taschenlampen und Batterien, falls die Stromversorgung ausfalle. Und: Medikamente. Wichtig seien persönliche, vom Arzt verschriebene Arzneimittel, aber auch Medikamente gegen Schmerzen, Fieber oder Durchfallerkrankungen. 

Jodtabletten: Apotheker raten ab

Nicht sinnvoll sei es, aus Angst vor einem atomaren Angriff Jodtabletten zu kaufen, sagen Fachleute. Die Nachfrage danach sei bundesweit zuletzt deutlich angestiegen, beschreibt Ursula Sellerberg vom Deutschen Apothekerverband e.V..

Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker, Martin Schulz, rät dringend von der Einnahme ab: "Eine Selbstmedikation mit Jodtabletten birgt erhebliche gesundheitliche Risiken, hat aber aktuell keinerlei Nutzen." 

Die für den Katastrophenschutz zuständigen Behörden hätten ausreichend hochdosierte Kaliumjodtabletten bevorratet, um diese bei Bedarf an die Bevölkerung auszugeben.

Stammkunden zuerst

In ihrem kleinen Lebensmittelladen in Mainz-Gonsenheim möchte Inhaberin Schwarz vor allem ihren Stammkunden weiter mit allem versorgen, was sie brauchen. Deswegen legt sie immer wieder kleine Mengen Mehl oder Nudeln zurück, zum Beispiel für die ältere Dame, die jeden Tag bei ihr einkauft.

"Ich ärgere mich einfach über Leute, die jetzt aus dem Discounter um die Ecke kommen, weil dort das Öl aus ist und dann hier letzten Flaschen Sonnenblumenöl mitnehmen." Sie verstehe diese Hamsterkäufer nicht, sagt Schwarz - und schickt sie wieder weg.

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 14. März 2022 um 00:25 Uhr.