Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mit Kugelschreiber | imago/imagebroker

Digitalisierung verschoben "Gelber Schein" bleibt erstmal aus Papier

Stand: 31.12.2020 18:43 Uhr

Eigentlich sollte der elektronische Krankenschein zum Jahresbeginn 2021 kommen. Doch daraus wird nichts. Die alte Regelung bleibt erst einmal bestehen.

Von Kerstin Breinig, rbb

Das Pilotprojekt der Techniker Krankenkasse (TK) läuft - und das erfolgreich. Mehr als 250.000 elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ihrer Mitglieder wurden seit dem Start im September 2017 an die Kasse übermittelt. 1190 Ärztinnen und Ärzte schicken den "gelben Schein" für TK-Mitglieder digital.

Für Thomas Ballast, den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der TK, ist das der Beweis, dass das Angebot gut angenommen wird. "Diese Entwicklung freut uns als Initiatoren des Pilotprojekts besonders und zeigt, wie digitale Lösungen den Alltag im Gesundheitswesen vereinfachen."

Karte der Techniker-Krankenkasse | null

Versicherte der Techniker-Krankenkasse konnten die elektronische Krankmeldung schon testen.

Kassenärzte auf der Bremse

Doch der Weg zum elektronischen Krankenschein für alle ist weit. Im Mai 2019 trat das Terminservice- und Versorgungsgesetz in Kraft. Darin auch festgeschrieben: mehr Digitalisierung in der ärztlichen Versorgung. Vom 01. Januar 2021 an sollten Ärztinnen und Ärzte dem Gesetz zufolge Krankschreibungen nur noch digital übermitteln - zuerst einmal an die Krankenkassen. Von Januar 2022 an sollten die Krankmeldungen dann auch elektronisch an den Arbeitgeber erfolgen. Die "gelben Scheine" wären damit Geschichte gewesen.

Blick in das leere Wartezimmer einer Arztpraxis (Archivbild) | dpa

Warten - heißt es auch für die Ärzteschaft, wenn sie sich auf den langen Weg machen, um fit für die elektronische Krankmeldung zu werden. Bild: dpa

Doch daraus wird vorerst nichts. Den Ärzten geht das alles zu schnell. Aus der Digitalisierung müsse Tempo herausgenommen werden, heißt es in einer Pressemitteilung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). "Wir haben beim Bundesgesundheitsministerium erfolgreich interveniert und konnten mit dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung ein späteres Start-Datum vereinbaren", sagt KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel. Das heiße nicht: Alles auf Stop. Man erwarte aber eine realistische Zeitplanung und Produkte, die ausreichend getestet seien.

Das Bundesgesundheitsministerium hatte "aufgrund der pandemischen Notlage und erheblichen Zusatzbelastungen" keine Einwände gegen eine Verschiebung. Auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) hat zugestimmt. Die Kassen hatten ihren Termin da auch schon nach hinten verlegt - auf Juli 2022.

Bürokratie für Bürokratieabbau

Das größte Problem ist der technische Aufwand für die Umstellung. Aus Sicht der Ärzte ist er zu komplex und zu kurzfristig angesetzt. Für die Einführung werden schließlich diverse technische Komponenten benötigt, die in vielen Praxen bisher nicht existieren. Dazu gehört zum Beispiel ein Update zum E-Health-Konnektor und des Praxisverwaltungssystems, ein Kommunikationsdienst KIM und der elektronische Heilberufsausweis (eHBA). Der ist erst seit dem 12. November überhaupt in allen 16 Bundesländern verfügbar und damit für Ärzte bestellbar.

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mit Kugelschreiber | imago images/DeFodi

Frühestens 2022 könnte der "gelbe Schein" durch digitale Krankmeldungen bei Arbeitgebern und Kassen ersetzt sein. Bild: imago images/DeFodi

Für Psychotherapeuten dauert es noch ein bisschen länger. Kurz vor Weihnachten konnten sie nicht einmal einen Antrag stellen, es gab keinen Termin, aber Ende 2020 war als Ziel definiert, damit auch sie sich für die digitale Krankmeldung vorbereiten.

Für den Antrag ist dann nur noch ein bisschen ärztliche Geduld nötig und einige Wochen Zeit - zum Ausweis in acht Schritten: Erst den Antrag stellen, Prüfung durch die entsprechende Kammer, Vorgangsnummer und dann den Ausweis ordern - mit der Nummer. Erst danach, so heißt es auf der Internetseite der KBV, geht der Ausweis in die Produktion. Fehlt am Ende nur noch verschicken von Ausweis, PIN und PUK - alles separat und Freischaltung innerhalb von 28 Tagen. Für Ärztinnen und Ärzte mitten in der Corona-Pandemie im Zweifel das, was am Ende des Tages liegen bleibt.

Für Kassenpatienten heißt es also weiter: Es gibt einen Durchschlag für die Kasse, einen für den Arbeitgeber und einen für zu Hause. Aber im Juli 2022 soll damit dann wirklich Schluss sein und circa 77 Millionen Krankschreibungen ihren Weg zu Kasse und Chef digital finden. Ganz ohne gelben Schein. Für den Patienten selbst allerdings bleibt er auch dann noch erhalten. Ausgedruckt - von der Ärztin oder dem Arzt. Ganz ohne Papier geht es eben doch nicht.