Tsitsi Dangarembga (M) aus Simbabwe erhält in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. | AFP

Verleihung in Frankfurt Dangarembga erhält Friedenspreis

Stand: 24.10.2021 13:43 Uhr

Die Autorin und Filmemacherin Dangarembga ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. Eine Stadtverordnete unterbrach die Ansprache des Oberbürgermeisters, um Rassismus auf der Buchmesse anzuprangern.

Die simbabwische Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Die 62-Jährige habe es geschafft, "uns eine Gesellschaft so nahezubringen, dass sie uns zwar nicht restlos verständlich wird, wir sie aber auf uns beziehen können, auf uns und unsere eigenen Unzulänglichkeiten", sagte die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, in der Frankfurter Paulskirche. Die Jury würdigte Dangarembga als "eine weithin hörbare Stimme Afrikas in der Gegenwartsliteratur". Sie verbinde in ihrem künstlerischen Werk ein einzigartiges Erzählen mit einem universellen Blick.

Mit ihrer besonderen Gabe vermöge es Dangarembga, die Menschen zu bewegen und aufzurütteln, sagte Schmidt- Friderichs. Zudem kämpfe Dangarembga, die im Nordosten von Simbabwe geboren wurde, für Freiheits- und Frauenrechte sowie für die politische Veränderung im patriarchalischen System ihres Heimatlandes. Weil sie sich gegen Korruption engagiere, steht sie dort vor Gericht.

"Stimme der Stimmlosen"

Die Laudatio für Dangarembga hielt die kenianische Germanistin und Soziologin Auma Obama, die Halbschwester des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. "Du bist nicht gewöhnlich, ein gewöhnliches Leben war keine Option für Dich", sagte sie über ihre Freundin. Dangarembga sei "gegen alle Widerstände" zu einer Stimme für die Stimmlosen geworden. "Du bist eine der erfolgreichsten und wichtigsten Stimmen auf dem afrikanischen Kontinent und hoffentlich bald mit dem Preis weltweit."

Dangarembga habe ein differenziertes Bild von Afrika in die Welt gebracht, sagte Obama. Ihr künstlerischer Antrieb sei der Wunsch, die Dinge zum Guten zu verändern. "Lesen Sie afrikanische Literatur, schauen sie über ihren Horizont, wir sind da", so Obama.

"Wir müssen neue Gedanken entwickeln"

Dangarembga veröffentlichte 1988 ihren gefeierten Debüt-Roman "Nervous Conditions" als ersten Teil einer autobiografisch geprägten Trilogie. Die drei Bücher beschreiben am Beispiel einer heranwachsenden Frau den Kampf um das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und weibliche Selbstbestimmung in Simbabwe. Von 1989 bis 1996 studierte Dangarembga in Berlin Filmregie und kehrte später mit ihrem deutschen Mann nach Simbabwe zurück. In ihren Filmen thematisiert sie Probleme, die durch das Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne entstehen.

In ihrer Dankesrede warb sie für eine grundlegende Änderung des Denkens und eine "neue Aufklärung" zur Lösung der Klimakrise und von gesellschaftlichen Problemen. "Die Erkenntnisse der vergangenen Jahre und Jahrhunderte reichen nicht aus. Sie haben uns nicht gerettet", sagte sie auch mit Blick auf die gewaltsame Kolonialgeschichte ihres Landes. Sie sei der Überzeugung, dass "wir alle auf diesem Planeten heute dringend eine neue Aufklärung brauchen", sagte Dangarembga. "Wir müssen neue Gedanken entwickeln", forderte sie, "um einen Paradigmenwechsel zu bewirken".

Das durch westlichen Kolonialismus und Imperialismus in die Welt getragene rassistische Denken müsse abgestreift und ein ausbeuterisches Weltwirtschaftssystem überwunden werden. Rassismus sei verantwortlich für einen großen Teil der Gewalt, die sich Menschen gegenseitig antun, sagte die Friedenspreisträgerin. Der Friedenspreis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Debatte um Präsenz rechter Verlage

Zu Beginn der Zeremonie stand überraschend zunächst die Debatte um die Präsenz rechter Verlage auf der Frankfurter Buchmesse im Mittelpunkt, nachdem die Buchmesse-Veranstalter nach der Absage von Autoren auf die Meinungsfreiheit verwiesen hatten.

Die Frankfurter Buchmesse hatte eine Debatte über die Grenzen der Meinungsfreiheit ausgelöst. Zunächst hatte Jasmina Kuhnke ihren Auftritt auf der Messe wegen der Anwesenheit des rechten Jungeuropa-Verlags abgesagt. Später waren weitere Autorinnen und Autoren gefolgt.

Oberbürgermeister Peter Feldmann sagte in seiner Rede, es sei schlimm zu lesen, "dass Autorinnen Angst haben, nach Frankfurt zu fahren, weil sie hier auf rechtsradikale Verlage und Autoren treffen könnten". Die Freiheit des Wortes sei ein hohes Gut. Aber: "Die Würde des Menschen ist das größte Gebot unserer Verfassung." In Frankfurt sei kein Platz für Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus oder Islamophobie.

Grüne Stadtverordnete unterbricht Feldmann

Der SPD-Politiker wurde plötzlich von Mirrianne Mahn unterbrochen, Stadtverordnete für die Grünen in Frankfurt, die ungeplanterweise auf die Bühne kam. "Wir sprechen über den Diskurs und wir sprechen über Meinungsfreiheit", erklärte die Referentin für Diversitätsentwicklung der Stadt. Rechtsradikale und menschenverachtende Ideologien seien aber keine Meinung - und dürften nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt sein.

"Das Paradox ist, dass wir hier in der Paulskirche, der Wiege der Demokratie, einer Schwarzen Frau den Friedenspreis verleihen, aber Schwarze Frauen auf genau dieser Buchmesse nicht willkommen waren", sagte die Grünen-Politikerin. "Und ich sage ganz klar nicht willkommen waren, weil nicht dafür gesorgt wurde, dass sie sich sicher fühlen. Das ist keine Meinungsfreiheit."

Wenn geduldet werde, dass rechtsradikale Menschen eine Plattform bekämen, "dann beteiligen wir uns aktiv an dem nächsten Hanau", sagte Mahn. Der Diskurs zur Meinungsfreiheit sei nicht der eigentliche Diskurs. "Menschen wie ich können hier nicht sitzen und zuhören darüber, dass die Buchmesse für einen Diskurs gelobt wird, der für andere existenziell ist.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Oktober 2021 um 12:00 Uhr.

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Kaneel 24.10.2021 • 23:50 Uhr

Zum Ausklang

Im Eingang 'meiner' Stadtbibliothek findet man jede Woche an einer Tafel ein neues Gedicht: BÜCHER Alle Bücher dieser Welt bringen dir kein Glück, Doch sie weisen dich geheim In dich selbst zurück. Dort ist alles was du brauchst, Sonne, Stern und Mond, Denn das Licht danach du fragst, In dir selber wohnt. Weisheit, die du lang gesucht In den Büchereien, leuchtet jetzt aus jedem Blatt, Denn nun ist sie dein. (Hermann Hesse)