Blick auf das unterspülte Erftstadt | dpa
Reportage

Nach der Flut in NRW Aufräumen, aufbauen, aufarbeiten

Stand: 11.08.2021 15:24 Uhr

Vier Wochen ist es her: Fluten, die jeden und alles mitreißen, Leid und Zerstörung bringen. Wie aber geht es den Menschen heute? Ein Besuch im Katastrophengebiet von Nordrhein-Westfalen.

Von Birgit Virnich, Jan Koch und Sarah Schmidt, WDR

Die Ungewissheit war das Schlimmste. Endlich hat der 57-jährige Ingenieur Ralf Virnich Klarheit. Auch wenn die schmerzt. Alles ist besser, als zu grübeln und nachts nicht schlafen zu können. Nun steht fest, dass er seine Wohnung in Erftstadt-Blessem an der Erft, etwa 40 Minuten von Köln entfernt, nie wieder betreten kann. Das Haus ist einsturzgefährdet. Zu nah an der Abbruchkante.

Birgit Virnich
Jan Koch

Eine Nacht, nachdem das Hochwasser kam, ist dort ein Reihe von Häusern von den Wassermassen der Erft in die Tiefe einer Kiesgrube gerissen worden. Weitere gefährdete Häuser ließ die Stadt abreißen. In den nächsten Tagen werden die Bulldozer auch Virnichs Haus abtragen.

Ein letztes Mal durfte er für ein paar Minuten in seine Wohnung, um ein paar Habseligkeiten einzusammeln: "Wir haben Papiere, Computer mitgenommen. All das, was man als wichtig erachtet", erzählt der Ingenieur. "Das Haus ist akut einsturzgefährdet, und aus dem Grund sind sämtliche Möbel und alles, was sperrig ist, dringeblieben. Alles, was man nicht tragen konnte." Es ist nur wenig, was ihm von seinem früheren Leben bleibt.

Die Lage ist nach Einschätzung von Bürgermeisterin Carolin Weitzel weiterhin dramatisch: "Viele Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz und wissen einfach nicht, wie es weitergehen soll", sagte die CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. "Zum Glück haben wir keine Toten und Schwerverletzten zu beklagen, aber dieses Ereignis wird tiefe Narben in den Seelen der Menschen hinterlassen", so Weitzel.

Soforthilfen und Spenden

Die Stadt habe 4,4 Millionen Euro Soforthilfe an 2000 Antragsstellerinnen und Antragsteller ausgezahlt. Pauschal 1500 Euro pro Haushalt und 500 Euro für jede weitere im Haushalt lebende Person. 5,5 Millionen Euro an Spenden sind eingegangen. Ein Konzept für die gerechte Verteilung soll dem Stadtrat in gut zwei Wochen vorgestellt werden.

Überall, wo die Flut sich vor gut vier Wochen ihren Weg bahnte, sind die Menschen weiterhin mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Auch in Schleiden in der Eifel. Hier gibt es viel zu tun. So viel, dass sie kaum zum Nachdenken kommen, sagen Daniela Fischer und Klaudia Wergen, deren Häuser schwer beschädigt wurden. "Ich glaube, wenn wir mal hier zur Ruhe kommen, dann wird's noch schlimm für uns." Und Wergen ergänzt: "Wir haben gesehen, wie das Haus unten abgerissen worden ist. Wir wohnen beide seit Jahrzehnten hier. Das ist schon bedrückend."

Zahlreiche Schulen zerstört

Unweit von Schleiden liegt Eschweiler. Dort ist die Realschule Patternhof nicht mehr nutzbar, weil der komplette Keller, das Erdgeschoss, die Mensa und die Sporthalle unter Wasser standen. Böden, Estriche, Türen - vieles muss erneuert werden. Der Sanierungsbedarf ist hoch. Insgesamt ist laut Angaben der Stadt Eschweiler mit einem Schaden von mehr als zwei Millionen Euro zu rechnen.

Eine Lösung wurde aber bereits gefunden: Wenn nächste Woche Mittwoch die Schule in Nordrhein-Westfalen wieder beginnt, haben die rund 1000 Schülerinnen und Schüler nicht in Eschweiler, sondern im benachbarten Würselen Unterricht. Morgens fahren Sonderbusse von der einen in die andere Kleinstadt. "In gut 20 Minuten sollten dann alle auch pünktlich in unserer Interimsschule angekommen sein", hofft Schulleiterin Michaela Silbernagel.

Schulstart im Ausnahmezustand

Doch es gilt ja nicht nur, die bisherigen Schüler unterzubringen. Sondern auch die neuen Fünftklässler am kommenden Mittwoch zu begrüßen. "Für die ist es natürlich eine ungewohnte, ungeplante Situation", so Silbernagel. Eigentlich hatten sie schon für Eschweiler alles durchgeplant. Nun findet die Einschulung in Würselen statt.

Die Schule, die Eltern und die Schülerschaft würden aber auch alles Mögliche dazu beitragen, dass diese besondere Zeit nun einvernehmlich organisiert ist. Dass es eine gute Phase werde, bis die alte Schule, die alte Heimat wieder bezogen werden können. Laut Landesschulministerium sind mehr als 150 Schulen von der Flutkatastrophe betroffen und haben mit massiven Schäden zu kämpfen.

Und viele fragen sich: Warum? Wer hat Schuld? Die Schäden liegen nach ersten Schätzungen bei mehr als 13 Milliarden Euro allein in Nordrhein-Westfalen. Das hatte Ministerpräsident Armin Laschet in einer Sondersitzung des Düsseldorfer Landtags mitgeteilt. Noch immer sind Autobahnen in den betroffenen Regionen komplett gesperrt. Die Reparaturen könnten Monate dauern.

48 Tote allein in Nordrhein-Westfalen

Verheerend vor allem die Bilanz der Opfer: Allein in Nordrhein-Westfalen sind 48 Menschen durch das Hochwasser gestorben. Hätte all das verhindert werden können? Schon Tage nach der Flut schlug bei einigen Verzweiflung in Wut um. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am 20. Juni nach Bad Münstereifel kam, um sich ein Bild der Lage zu machen, konnten einige Zuhörende nicht an sich halten, schrien: "Ihr sollt anpacken, nicht herumlabern. Das hätte doch verhindert werden können." Eine vierköpfige Familie, die Eltern Mitte 50, die Töchter Anfang 20, saß verzweifelt, weinend auf den Trümmern der Straße, wusste nicht mehr weiter.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Sie wollten schon vor gut drei Wochen Antworten, die nun die Staatsanwaltschaften erbringen sollen. An verschiedenen Orten sind im Zusammenhang mit dem Hochwasser Anzeigen eingegangen, die nun geprüft werden. In Köln ist man schon einen ersten Schritt weiter. Hier ermittelt die Staatsanwaltschaft mittlerweile wegen der Kiesgrube in Blessem gegen Unbekannt. Es gehe um den Anfangsverdacht der Baugefährdung im Zusammenhang mit der Havarie der Grube, so die Staatsanwaltschaft Köln.

Viele Probleme menschengemacht

Aus der Sicht vieler Anwohner seien viele der Probleme in Blessem menschengemacht, erklärt Gottlieb Richardt. Anfang der 1960er-Jahre habe man die Erft - wie viele andere Flüsse in Deutschland - begradigt. Nach den schweren Regenfällen hatte sie sich auf 200 Meter ausgedehnt, breiter als der Rhein. "Der Fluss hat keine Ausdehnungsfläche. Er ist kanalisiert. Sobald das Wasser anschwillt, kann er sich nicht ausdehnen. Auf der einen Seite ist ein Wohngebiet, auf der anderen die Autobahn."

Und die Kiesgrube am Dorfrand habe die Situation noch zugespitzt, glauben viele Blessemer. Sie sei viel zu nah am Dorf gebaut und über die Jahre ausgeweitet worden. Proteste dagegen seien verhallt. Die Kiesgrube - das zweite große Problem in Blessem. "Als es hieß, die Kiesgrube geht auf eine Tiefe von 120 Meter, waren viele entsetzt, erzählt Richardt. "Wenn da was bricht - das ist dann das Ende von Blessem. Ein Riesenkrater wurde geschaffen, so dass Teile des Dorfes einfach weggebrochen sind", erklärt er traurig.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. August 2021 um 22:15 Uhr.

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Moderation 11.08.2021 • 21:27 Uhr

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