Trauma-Beratungsmobil | Plan International Deutschland/Bernhard Risse

Mobile Beratung im Ahrtal Rollende Hilfe für die Seele

Stand: 10.10.2021 02:23 Uhr

Ein Jahr lang tourt ein mobiler Beratungsbus durch das Ahrtal. An fünf Tagen pro Woche sollen die Menschen dort Hilfe bekommen. Es geht um psychologische Unterstützung, aber auch um praktische Hilfe.

Von Iris Völlnagel, SWR

Anfangs war es eine Herausforderung, erinnert sich Alexandra Held an ihre ersten Tage im mobilen Beratungsbus. Jahrelang war es die Psychologin gewohnt, dass Eltern, Kinder und Jugendliche, die ihre Hilfe brauchten, zu ihr in die Ambulanz kamen. Nun geht sie zu den Menschen. Mehrmals die Woche ist Alexandra Held mit dem mobilen Beratungsbus im Ahrtal unterwegs. Das Projekt wird gesponsert von der Kinderrechtsorganisation Plan International e.V., einer Organisation, die sich normalerweise um Kinder in Krisengebieten im Ausland kümmert.

Iris Völlnagel

"Wir fahren mit dem Beratungsbus in die betroffenen Ortschaften, zu den Menschen", erzählt Roswitha Stockhorst, die im Auftrag des Kreises Ahrweiler die Einsätze des Busses koordiniert. "In den ersten Wochen gehe es vor allem darum, zu sehen, was die Menschen brauchen."

Trauma-Beratungsmobil | Plan International Deutschland/Bernhard Risse

Im Bus können vertrauliche Beratungsgespräche geführt werden. Bild: Plan International Deutschland/Bernhard Risse

Hemmschwelle beim Kaffee überwinden

Für Alexandra Held heißt das vor allem: herausgehen aus dem Bus, zum Beispiel an die Infopoints, die es inzwischen in jedem Dorf gibt. Häufig gibt es hier auch Essen, weil viele Menschen noch nicht wieder in ihren Wohnungen kochen können. "Da kommt man dann über einen Kaffee mit manchen Leuten ganz gut ins Gespräch. Ich hatte auch schon Ortsvorsteher oder Mitarbeiter aus dem Kindergarten, die sagen, Mensch, wir haben da eine Familie, die könnten da jemanden gebrauchen."

Rund zwei Drittel der Menschen, die bisher bei Alexandra Held um Rat fragten, hatten zuvor schon anderweitig Kontakte zu Seelsorgern und Therapeuten oder kennen jemanden, der mit psychologischer Hilfe gute Erfahrungen gemacht hat. Doch es gebe auch viele, die skeptisch und zögerlich seien. In den Dörfern kenne halt jeder jeden, sagt Alexandra Held. "Da geht es auch drum, was denken die anderen, wenn man da jetzt reingeht?"

Wie traumatisiert sind die Menschen im Ahrtal?

Mehr als 15.000 Menschen bräuchten psychologische Hilfe, glaubt Matthias Schmitt, leitender Psychologe einer Klinik vor Ort. Studien zufolge leiden nach Katastrophen etwa drei Prozent der Menschen an posttraumatischen Belastungsstörungen. Noch sei es zu früh, konkrete Zahlen zu nennen oder von Traumata zu sprechen, findet Alexandra Held. "Die Menschen sind noch mit vielen Sorgen belastet. Viele haben noch keine Heizung. Es ist kalt. Jetzt kommt die dunkle Jahreszeit. Viele wissen noch nicht, wie es mit der Übergangswohnung weitergeht."

Entscheidend sei, wie die Menschen das Erlebte verarbeiten: "Ich hatte kürzlich eine Frau, die sagte mir, ich kann noch nicht wieder tanken gehen, denn ich kann den Dieselgeruch nicht ertragen, weil ich dann sofort an die Nacht denken muss."

Blick auf eine zerstörte Straße in Altenahr

Die weitreichenden Zerstörungen haben viele Menschen traumatisiert.

Sehen, was die Menschen brauchen

Bei dem mobilen Beratungsbus gehe es nicht nur um psychologische oder therapeutische Hilfe, meint Sozialarbeiterin Stockhorst. Deshalb sind neben Psychologen auch Mitarbeiter vom Jobcenter und der Arbeitsagentur vor Ort.

Angst vor dem Winter

Noch seien die Menschen im Ahrtal noch mit ganz praktischen Fragen beschäftigt, wie sie an die Fluthilfen kommen, meint Sebastian Sonntag vom örtlichen Krisenstab der Winzergemeinde Mayschoß. "Abschließend zu wissen, wieviel Geld bekomme ich, ist ein beruhigendes Gefühl für die Menschen." Und wer sich nicht um sein Haus kümmern muss, sei noch mit der Traubenernte beschäftigt. "Aber irgendwann wird dann auch der Weinberg wegfallen, und man fängt an zu realisieren." Und dann ist es hilfreich, therapeutische Angebote zu haben.

Kein Therapieersatz

Eine echte Therapie seien die Gespräche im oder vor dem Bus nicht, weiß Held. "Mein Job im Bus ist es so eine Ersteinschätzung zu geben, Wie ist der Bedarf, braucht es mehr? - und dann gegebenfalls weiterzuvermitteln." Vor allem Eltern kommen auch mit Alltagsnöten, beispielsweise, dass ein Kind seit der Flut schlecht schlafe oder sich auffällig verhalte.

Die Psychologin versucht, mit praktischen Tipps zu helfen. Kinder brauchen Rituale, um sich sicher zu fühlen. Gemeinsame Mahlzeiten als Familie oder Einschlafrituale könnten helfen. Die Flut habe bei vielen Familien den normalen Alltag durcheinandergebracht. Dabei geht es auch gar nicht immer primär um die Flut. Manche Kinder leiden auch darunter, dass ihre Eltern nun wegen der Aufräumarbeiten wenig Zeit haben. 

Ein Jahr lang soll der mobile Beratungsbus im Ahrtal eingesetzt werden. Roswitha Stockhorst und Alexandra Held rechnen damit, dass ihre Hilfe noch länger gebraucht wird.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Oktober 2021 um 10:00 Uhr.