Cadillac (Archibild) | Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU)

DDR-Fluchthelfer Im Cadillac in die Freiheit

Stand: 13.08.2021 09:17 Uhr

Als vor 60 Jahren die Mauer gebaut wurde, war klar: Die DDR war bereit, alles zu tun, um ihre Bürger an der Flucht zu hindern. Doch es gab Helfer, die alles riskierten. Andre Kartschall hat einen von ihnen besucht.

Von Andre Kartschall, RBB

Burkhart Veigel steht mitten im ehemaligen Niemandsland in der Bernauer Straße in Berlin. Hier, auf dem sogenannten Todesstreifen, früher links und rechts durch Mauern eingefasst, spricht er über das, was er vor 60 Jahren gemacht hat. Und darüber, warum er es tat: sich selbst in Gefahr bringen, um anderen zu helfen. "Freiheit spielt für mich eine extrem wichtige Rolle. Das war schon immer meine Obsession. Deshalb habe ich auch so lange durchgehalten als Fluchthelfer," sagt er.

Andre Kartschall

Und schaut zurück, wie alles 1961 für ihn begann, als Student in Berlin. Veigel besuchte seine erste Vorlesung nach den Semesterferien, da sprach ihn ein Kommilitone an: "Wir holen die Leute raus aus der DDR. Machst du mit?" Veigel brauchte nicht lang überlegen, am Abend hatte er seinen ersten Flüchtling nach West-Berlin geholt, mit dem Pass eines ähnlich aussehenden West-Berliners. Und danach machte er einfach nahtlos weiter. 

Beruf: Fluchthelfer, Nebentätigkeit: Medizinstudent 

Offiziell war er Student, er entschied sich im Laufe der Jahre für Medizin. "Das fiel mir leicht", sagt Veigel. "Das war viel Naturwissenschaft, logisches Denken." Die Rationalität habe ihm immer sehr geholfen. Für ihn war seine Tätigkeit als Fluchthelfer etwas, das er - bei aller Leidenschaft für die Freiheit - systematisch anging. Auch im Rückblick herrscht zunächst kühle Analyse. "Durch Tunnel sind schätzungsweise maximal 400 Menschen aus der DDR entkommen, durch die Kanalisation 800, mit Hilfe von falschen Pässen 10.000."

Denn es war nicht nur Veigel, der DDR-Bürger mit Ausweisen über die Grenze brachte. Gemeinsam mit zwei Bekannten betrieb er eine "konspirative Fluchthelferorganisation", wie er es nennt. Viele kannten sich nur über Tarnnamen, Veigel war "der Schwarze", wegen seiner damals hervorstechend dunklen Haarfarbe. 

Burkhard Veigel

Burkhart Veigel verhalf etwa 650 Menschen zur Flucht.

Der Stasi immer ein Schritt voraus

Anfangs leihen sie sich einfach Pässe von West-Berlinern, die sie kennen. Diese übergeben sie dann DDR-Bürgern, die ähnlich aussehen. Als das schwieriger wird, fangen sie an zu fälschen, auch ausländische Pässe. Ein belgischer Amtsmann überlässt ihnen auf eigene Faust Blanko-Papiere, die sie nur noch mit Daten und Passfotos versehen müssen. "Wir waren der Stasi immer einen Schritt voraus, im Kopf einfach schneller als deren Bürokratie." 

Als die Stasi aufholt und den Passfälschern auf der Spur ist, ändern Veigel und seine Komplizen die Strategie. Sie schmuggeln Fluchtwillige in Autos aus dem Ostblock. Ihr größter Coup: ein umgebauter Cadillac. Unter dem Armaturenbrett schaffen sie genügend Platz, um einen Menschen darin unterzubringen. "Einmal war es ein Zwei-Meter-Mann", sagt Veigel. "Der Cadillac war ein Monster." 

Handschuhfach in einem Cadillac (Archivbild) | Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU)

Umgebautes Handschuhfach - darin schmuggelte Veigel Menschen aus der DDR. Bild: Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU)

650 Menschen geholfen

Veigel verbringt den Großteil seiner Studentenzeit als Fluchthelfer. Erst nach rund zehn Jahren macht er Schluss und lässt sich als Arzt nieder. Seine größte Leidenschaft bleibt aber, Menschen in die Freiheit zu helfen. Insgesamt 650 waren es. "Ungefähr", wie er betont. "Wir haben damals kein Buch geführt, wir hatten anderes zu tun. 

An seinen Überzeugungen haben die Jahrzehnte nicht viel geändert. Veigel wird noch immer sehr leidenschaftlich, wenn er über Grundrechte wie freie Meinungsäußerung spricht. "Einem Menschen die Freiheit zu bringen, ist für mich ja noch viel wertvoller als ein Gelenk wieder in Ordnung zu bringen." Und steht da mit einem breiten Lächeln, mitten im ehemaligen Niemandsland zwischen Ost- und West-Berlin.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. August 2021 um 14:00 Uhr.