Eine Impfung wird verabreicht. | AP
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Schutz gegen Corona-Infektion Für wen sich die Drittimpfung lohnt

Stand: 01.09.2021 07:59 Uhr

Corona-Impfungen bieten einen guten Schutz, doch dieser nimmt auch wieder ab. Daher startet Baden-Württemberg heute mit einer dritten Impfung für bestimmte Gruppen. Für wen wird die Auffrischung derzeit empfohlen?

Von Sebastian Deliga, SWR

Wenn von einem "Boost" die Rede ist, dann ist damit ein Schub gemeint, man denkt vielleicht an etwas Kräftigendes, Stärkendes. Die sogenannte "Booster-Impfung" soll dem Immunsystem diesen Kraft-Schub verleihen zum Schutz vor Covid-19: Ein dritter Piks zur Auffrischung für bestimmte Gruppen. Studien aus Israel und Großbritannien hatten darauf hingewiesen, dass Impfungen mit BioNTech/Pfizer und AstraZeneca zwar gut vor schweren Verläufen schützten, aber der Schutz vor Infektionen zurückgeht, seit die Delta-Variante dominiert. Was das genau bedeutet - ein Überblick.

Sebastian Deliga

Für wen ist eine dritte Impfung zu empfehlen?

Experten halten eine dritte Impfung für sinnvoll, zunächst allerdings nur für bestimmte Gruppen. Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité hatte jüngst erklärt, dass die meisten Menschen in diesem Herbst wohl keine Auffrischungsimpfung benötigten, ausgenommen ältere Menschen und Risikopatienten. Für den Frankfurter Virologen Martin Stürmer ist klar: "Die Drittimpfung wird irgendwann für alle notwendig sein, aktuell halte ich es allerdings für ausreichend, die älteren und immungeschwächten Menschen ein drittes Mal zu impfen, vor allem die, bei denen die Impfung schon länger zurückliegt."

Hier komme zum Tragen, dass bei älteren Menschen das Immunsystem nicht mehr so aktiv sei wie bei jüngeren. Carsten Watzl, Professor für Immunologie am Leibnitz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, fügt hinzu, hilfreich sei eine dritte Impfung für "Organtransplantierte, Krebspatienten, besonders während der Therapie, aber teilweise auch Dialysepatienten und Patienten mit Autoimmunerkrankungen". Ihnen bieten die ersten Bundesländer wie zum Beispiel Baden-Württemberg bereits eine dritte Impfung an.

Welcher Impfstoff eignet sich für die Drittimpfung?

Bei dieser Frage sind sich Virologe Stürmer und Immunologe Watzl einig: mRNA-Impfstoffe, etwa von BioNTech/Pfizer oder Moderna, seien für die dritte Impfung geeigneter als Vektorimpfstoffe, zu denen etwa das Vakzin von AstraZeneca gehört. Denn laut Watzl haben Vektorimpfstoffe etwas mehr Nebenwirkungen. Er empfiehlt sogenannte Kreuzimpfungen: Patienten, die mit Vektorimpfstoffen geimpft worden seien, könnten jetzt einen mRNA-Impfstoff wählen. Das werde den Schutz noch deutlich verstärken.

Das sieht auch Stürmer so: "Ein mRNA-Impfstoff ist für eine dritte Impfung das Mittel der Wahl." Optimal wäre seiner Ansicht nach ein speziell an die Delta-Variante angepasster Impfstoff. "Aber die aktuell zugelassenen Impfstoffe wirken ja auch hier sehr gut."

Warum empfiehlt die STIKO die Drittimpfung noch nicht?

Stürmer und Watzl gehen davon aus, dass die Ständige Impfkommission (STIKO) sich dazu bald äußern werde. Virologe Stürmer vermutet: "Wenn ausreichend Daten vorliegen, wird auch die STIKO ihre Empfehlungen dazu abgeben." Das Robert Koch-Institut (RKI) hat vor wenigen Tagen mitgeteilt: "Aktuell werden international diverse Studien zu der Fragestellung durchgeführt, ob und gegebenenfalls in welchem Zeitabstand eine COVID-19-Auffrischimpfung notwendig sein wird."

Da im Laufe des September noch relevante Daten für diese Fragestellung erwartet würden, werde sich die STIKO voraussichtlich nicht vor Ende September bzw. Anfang Oktober positionieren können, so das RKI. Die Behörde weist auf verschiedene Faktoren hin, von denen eine Empfehlung abhänge, und nennt konkret die Dauer des Impfschutzes, die Wirkweise des Impfstoffs, mögliche Immunitätsentwicklungen gegen Impfstoffkomponenten oder die Wirksamkeit gegen neue Virusmutationen.

Lohnt sich der Aufwand für die Drittimpfung?

Für Immunexperte Watzl ist die Antwort eindeutig: "Ja!" Die Immunreaktion werde bei jeder Impfung oder Infektion besser. "Es bilden sich Antikörper, die noch besser den Erreger erkennen können." Zudem bildeten sich mehr Gedächtniszellen, so dass der Schutz länger halte. Immunologe Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung weist darauf hin, dass jeder Mensch eine gewisse Kapazität habe, gut zu reagieren, die im Alter aber nachlasse.

Auch Watzl betont: "Das Immunsystem altert. Daher werden weniger langlebige Gedächtniszellen gebildet." Er kann sich vorstellen, dass drei Impfungen bald zum Standard werden könnten, und würde dann die zweite Impfung nach sechs bis acht Wochen und die dritte Impfung nach weiteren sechs bis acht Monaten geben, um für einen größtmöglichen Schutz zu sorgen. Immunologe Cicin-Sain vom Helmholtz- Zentrum für Infektionsforschung sieht noch weiteren Forschungsbedarf: "Die dritte Impfung kann nicht schaden, aber wir können im Augenblick von den Daten her nicht sicher sein, dass es unbedingt notwendig ist."

Nutzt der "Boost" tatsächlich etwas?

"Er bringt klare Vorteile", ist Immunologe Watzl überzeugt. "Natürlich ist ein Verlust des Schutzes vor Infektion, wie wir ihn aktuell sehen, eigentlich nicht beunruhigend. Denn ich impfe mich ja, um schwere Verläufe zu verhindern, und das schaffen die Impfstoffe bei den meisten ja immer noch sehr gut." Das sieht der Virologe Stürmer ähnlich: "Die Wirkung der dritten Impfung ist klar gezeigt worden und ist unstrittig, aber zu welchem Zeitpunkt es wirklich nötig ist, eben noch nicht."

Man dürfe nicht vergessen, dass in Deutschland immer noch ein Drittel der Bevölkerung gar nicht geimpft sei. Doch die Frage nach der dritten Impfung ist keine rein nationale. Denn mit Blick auf die weltweite Impfquote meint Immunologe Watzl: "Der Impfstoff wäre aktuell besser in Ländern aufgehoben, die noch eine sehr geringe Impfquote haben, um dort neue Mutanten zu verhindern."