Ein Radfahrer sitzt neben seinem Fahrrad.

Fahrrad-App SimRa soll Radfahren sicherer machen

Stand: 27.03.2021 08:42 Uhr

Mal sind es geöffnete Autotüren, mal rücksichtslose Überholvorgänge: Radfahrer leben gefährlich. Eine von der TU Berlin entwickelte App zeichnet die Manöver auf - und soll das Radfahren sicherer machen.

Von Jenni Rieger und Isabel Gotovac, SWR

"Kopenhagen" steht auf seiner Mütze: der Name der Fahrradstadt schlechthin. Vielleicht Ausdruck einer Sehnsucht. Denn Radfahren, das ist Jan Lutz' Leidenschaft - und sicheres Radfahren sein Traum. Bis zu 1000 Kilometer legt der 47-Jährige pro Monat per Fahrrad zurück und hat dabei eines gelernt: "Als Radfahrer bist du immer in der Rolle des Schwächeren", so Lutz. Die Gefahr, die ihm täglich auf der Straße begegnet, kann er genau beziffern: Pro zehn gefahrene Kilometer gerate er in eine gefährliche Verkehrssituation. Mal sind es Autotüren, die ihm plötzlich entgegenschlagen, mal erlebt er gefährlich nahe Überholmanöver.

Jenni Rieger

In Schlangenlinien unterwegs

"Das macht was mit dir", sagt der ehemalige Fahrradkurier. Dieses subjektive Gefühl wollen Forscher mit der App SimRa in belastbare Daten übertragen. SimRa steht für "Sicherheit im Radverkehr" und soll genau dies bewirken. Ursprünglich entwickelt an der TU Berlin, ist SimRa inzwischen in zahlreichen Modellregionen im Land angekommen.

Städte wie Hannover, München, Stuttgart und Karlsruhe sind dabei. Jochen Eckert hat sich der FahrradApp an der Karlsruher Hochschule angenommen. "Über die App werden uns Daten gemeldet, Bewegungsdaten der Fahrradfahrer, wenn sie unterwegs sind. Also etwa Beschleunigungswerte oder wo sie abbremsen müssen, wo sie Schlangenlinien fahren", so der Professor für Verkehrsökologie.

Feldforschung fürs Fahrrad

Nach Beendigung der Fahrt fragt die App den Radfahrer dann, warum er beispielsweise abgebremst hat. Wurde ihm die Vorfahrt genommen? War ein Hindernis im Weg?

"Auf diese Weise können wir feststellen, an welchen Stellen im Verkehr es besonders häufig zu Beinahe-Unfällen oder Verkehrskonflikten, wie wir es nennen, kommt", so Eckart.

Ein Finger tippt auf ein Smartphone.

Fahrrad-App: Wo kommt es zu Verkehrskonflikten?

Unfallstatistik wenig aussagekräftig

Bislang konnte die Gefährdung von Radfahrern nur aus der Unfallstatistik herausgelesen werden, und das mehr schlecht als recht. Denn es sind nicht allein die großen Zusammenstöße, sondern oft die gerade noch brenzlig ausgegangenen Situationen, die das Fahrradfahren so gefährlich machen.

Oder auch sogenannte Alleinunfälle, also Unfälle ohne Beteiligung eines anderen Verkehrsteilnehmers. "Aber wenn ich zehn Meldungen habe, dass an einer bestimmten Stelle Radfahrer gestürzt sind, kann das auch bedeuten, dass der Poller, der da im Weg steht, eine Gefahr darstellt", meint der Verkehrsexperte.

In Stuttgart, wo Radler Lutz unterwegs ist, beginnt die Datensammlung über die SimRa App erst in diesen Tagen. In Berlin liegt jedoch bereits ein beachtlicher Datensatz vor.

Tausende Konfliktbegegnungen

Hier wurden bis August des vergangenen Jahres etwa 22.000 Fahrten erfasst - mit mehr als 8000 Konfliktbegegnungen. Aufgrund dieser Daten haben die Forscher eine Straßenkarte für Berlin entwickelt, auf der Stellen, an denen es besonders häufig zu Beinahe-Unfällen kam, rot markiert sind. Wird die App weiterverbreitet und lassen sich dadurch Daten in weiteren Regionen erheben, so könnten solche Gefahrenkarten bald für viele Städte in Deutschland vorliegen.

Für Radfahrer Jan Lutz längst überfällig: "Ich fahre jetzt schon zehn Jahre Rad, und da muss sich mal was ändern. Da muss was getan werden." Dann schwingt er sich wieder aufs Rad. Wie immer mit einem mulmigen Gefühl, was die Sicherheit anbelangt. Aber inzwischen auch mit einem guten Gefühl. Denn jede gefährliche Situation, die er auf seinen Fahrten aufzeichnet, kann helfen, das Radfahren ein wenig sicherer zu machen.