Alena Buyx, Vorsitzende Deutscher Ethikrat | dpa
Hintergrund

Expertengremium Die Corona-Erklärer der Regierung

Stand: 14.12.2021 13:01 Uhr

Virologen, Kinderärzte und Psychologen: Die Bundesregierung will sich künftig von einem Gremium aus 19 Expertinnen und Experten beraten lassen. Wer sind die Corona-Erklärer - und wofür stehen sie?

Mit einem neuen Expertengremium will die Bundesregierung ihre Beratung in der Corona-Pandemie breiter aufstellen, darunter Virologen, Epidemiologen, Soziologen und Psychologen sowie weitere Fachleute. Die enge Zusammenarbeit mit diesen Wissenschaftlern solle Grundlage seiner Politik sein, sagte Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der selbst Epidemiologe ist und viele der Expertinnen und Experten kennt. Viele der 19 Namen dürften auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt sein, doch es sind auch weniger bekannte Fachleute dabei.

Der Expertenrat ist nicht mit dem Corona-Krisenstab zu verwechseln, den General Carsten Breuer leitet. Beide Gremien sind im Kanzleramt angedockt.

Reinhard Berner

Berner ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Dresden. Als Studienleiter startete er im Mai 2020 eine Untersuchung zur Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus an sächsischen Schulen. In einem Gastbeitrag in der "Zeit" - unter anderem mit dem ebenso im Expertenrat berufenen Jörg Dötsch - skizzierte er Maßnahmen, um Schulschließungen zu vermeiden. Schulschließungen können nur eine Ultima Ratio sein, heißt es in dem Beitrag aus dem Sommer. Und: Es sei nicht mehr sinnvoll, jede einzelne Infektion in der Schule um jeden Preis verhindern zu wollen. Laut "Sächsischer Zeitung" hatte er sich zuletzt skeptisch zur Notwendigkeit einer schnellen Impfempfehlung für gesunde Fünf- bis Zwölfjähriger geäußert.

Reinhard Berner | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Reinhard Berner: Schulschließungen nur als Ultima Ratio Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Cornelia Betsch 

Betsch ist Psychologin und Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Sie leitet zudem die Arbeitsgruppe Gesundheitskommunikation am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Im März 2020 startete sie eine großangelegte Studie zur Impfbereitschaft der Deutschen - die COSMO-Studie. Die Daten können Anhaltspunkte liefern, warum sich Menschen nicht impfen lassen und wie sie womöglich doch zu erreichen sind.

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Cornelia Betsch: Sie startete eine großangelegte Studie zur Impfbereitschaft. Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Melanie Brinkmann

Die Virologin von Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gilt als eine der profiliertesten Expertinnen in der Pandemielage. Melanie Brinkmann gehört bereits seit dem ersten Pandemiejahr zum Beraterstab der Bundesregierung. Zu Jahresbeginn war sie eine der Verfechterin der No-Covid-Strategie. Das heißt: Mit einem harten kurzen Lockdown soll die Inzidenz auf ein Minimum gedrückt werden. Doch wirklich umgesetzt wurde die Strategie nicht.

Brinkmann studierte an der Georg-August Universität Göttingen und der Humboldt Universität Biologie. Seit 2018 arbeitet sie als Professorin am Institut für Genetik an der Technischen Universität Braunschweig. Sie war es auch, die Mitte November gemeinsam mit 35 führenden Medizinern und Wissenschaftlern anderer Disziplinen eine konsequentere Pandemiebekämpfung forderte. "Jeder Tag des Abwartens kostet Menschenleben", hieß es in dem dreiseitigen Aufruf, den Medien veröffentlichten.

Melanie Brinkmann | picture alliance/dpa

Melanie Brinkmann: Die Virologin von Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gilt als Verfechterin der No-Covid-Strategie. Bild: picture alliance/dpa

Alena Buyx

Die Medizinethikerin und Hochschullehrerin ist seit 2020 Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Das Gremium berät Gesellschaft und Politik und erarbeitet Stellungnahmen, etwa zu Präimplantationsdiagnostik, Sterbehilfe oder eben - wie in der Corona-Pandemie zur Impfpflicht.

Alena Buyx | dpa

Medizinethikerin Alena Buyx berät die Politik auch beim Thema Impfpflicht. Bild: dpa

Jörg Dötsch

Die Berufung des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ist wohl auch ein Signal dafür, dass vermehrt auf die Folgen der Pandemie für Kinder geachtet werden soll. Dötsch hatte zuletzt vor Schulschließungen in der vierten Welle gewarnt. Er verwies auf Untersuchungen, laut denen die Ansteckung bei Kindern und Jugendlichen eher nicht in den Schulen, sondern hauptsächlich im familiären Umfeld erfolge.

Christian Drosten

Der Chefvirologe der Berliner Charité gehört zu den wohl gefragtesten Wissenschaftlern Deutschlands in dieser Pandemie. Hohe Aufmerksamkeit erlangte er auch durch den seit Ende Februar 2020 gesendeten NDR-Podcast "Coronavirus Update", auch die alte Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel und viele Landesregierungen hörten auf seinen Rat. Drosten ist aktiv auf Twitter. Zunehmend sieht er sich Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt, die "Bild"-Zeitung griff ihn im Rahmen ihrer Berichterstattung scharf an. Drosten steht für einen abwägenden, eher restriktiven Kurs in der Pandemie, zuletzt warnte er in den tagesthemen eindringlich vor der neuen Omikron-Variante.

Christian Drosten | dpa

Christian Drosten: Auf den Rat des Chefvirologen der Berliner Charité hören viele. Bild: dpa

Christine Falk

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie bezog in der Pandemie immer wieder Stellung zu auftretenden Autoimmunreaktionen, die bei einigen Geimpften beobachtet wurden. Sie wirbt für mehr Impfungen und vergleicht die Ungeimpften in der Pandemie auch schon mal mit einem Elfmeter beim Fußball ohne Torwart. "Umgeimpft bedeutet: Der Körper hat überhaupt keinen Schutz vor diesem Virus." Falk ist regelmäßig in den Medien präsent, etwa im ZDF bei Maybrit Illner.

Ralph Hertwig

Hertwig ist Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Als Kognitionspsychologe beschäftigte er sich unter anderem mit der Risikowahrnehmung und den Entscheidungsstrategien in der Corona-Pandemie. Hertwig ist Mitglied der Leopoldina.

Lars Kaderali

Der Bioinformatiker Kaderali arbeitet am Institut für Bioinformatik an der Universitätsmedizin Greifswald. Wie die "Ostsee-Zeitung" berichtet, hat er Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in der Corona-Pandemie beraten. Sie soll ihn auch vorgeschlagen haben. Anfang November warnte er davor, dass die Inzidenz im Winter auf 400 steigen könnte - was auch eintraf. Er schlug zudem vor, dass jeder erst nach einem Test öffentliche Einrichtungen aufsuchen sollte.

Christian Karagiannidis

Christian Karagiannidis ist Leiter des DIVI-Intensivregisters. Er äußerte sich zuletzt immer wieder besorgt über die Zahl der Intensivpatienten auf den Stationen. "Die Omikron-Welle wird auf Kliniken stoßen, die längst am Limit sind, und mit Geld kann man das Problem nicht lösen", sagt er. Karagiannidis hat immer wieder die Rolle der Politik in der Corona-Krise kritisiert. Die Politik habe die Delta-Welle total unterschätzt und sich im kritischsten Moment in den Bundestagswahlkampf verrannt, sagte er dem "Spiegel". "Ich würde empfehlen, dass die nächste Bundestagswahl verlegt wird, sollte sie noch einmal in eine kritische Phase einer Pandemie fallen."

Heyo Kroemer 

Der Vorstandsvorsitzende der Berliner Charité ist Pharmazeut und Pharmakologe. Mit seiner Expertise zum Bund-Länder-Treffen im Januar des Jahres sorgte er selbst für Schlagzeilen. Seine deutlichen Schilderungen sollen damals mit dazu beigetragen haben, dass einzelne Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten doch weitere Einschränkungen mittrugen. Er warnte zuletzt immer wieder vor einer Überlastung der Intensivstationen.

Heyo Kroemer | picture alliance/dpa/AP POOL

Heyo Kroemer: Warnung vor überfüllten Intensivstationen. Bild: picture alliance/dpa/AP POOL

Thomas Mertens

Der 71-jährige Virologe ist seit 2004 Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut. Aufgabe der ehrenamtlich arbeitenden und politisch unabhängigen Kommission ist es, auf wissenschaftlicher Grundlage Empfehlungen für die notwendigen Schutzimpfungen in Deutschland vorzubereiten. In der Corona-Pandemie machte Mertens nicht immer eine gute Figur. So wurde dem Gremium immer wieder vorgeworfen, zu langsam zu Entscheidungen zu kommen, etwa bei Booster-Impfungen. Seine Äußerung zu Kinder-Impfungen bedauerte Mertens.

Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO). | picture alliance/dpa

Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO: Seine Äußerungen blieben bisher nicht immer ohne Kritik. Bild: picture alliance/dpa

Michael Meyer-Hermann

Meyer-Hermanns mathematische Modellierungen sollen die Entwicklung der Corona-Pandemie vorhersagen. Der Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung ist spätestens seit dem Herbst vergangenen Jahres auch der breiten Öffentlichkeit bekannt. Damals lud ihn Kanzlerin Angela Merkel überraschend zu einem Bund-Länder-Treffen - wohl auch mit dem Hintergedanken, dem ein oder anderen Ministerpäsidenten den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Eineinhalb Stunden erläuterte der Immunologe den Politikern die Situation, acht Stunden lang diskutierten Bund und Länder anschließend. Richtig zufrieden war der Experte mit dem Ergebnis aber nicht: "Die Maßnahmen, die erfolgt sind, sind nicht die, die ich mir erhofft hatte", wurde er später vom ZDF zitiert. Zuletzt bezeichnete er das Auslaufen der Notfall-Lage als "absurde Entscheidung".

Johannes Nießen 

Der Mediziner ist seit 2019 Chef des Kölner Gesundheitsamts und kennt damit die vielen Schwachpunkte im öffentlichen Gesundheitswesen, die spätestens mit der Pandemie überdeutlich wurden. Wie überfordert sind die Ämter bei der Kontaktnachverfolgung, wo hapert es bei Digitalisierung - alles Fragen, die Nießen der Bundesregierung sicherlich beantworten kann. Als das Kölner Gesundheitsamt jüngst den ersten Omikron-Fall in der Stadt identifizierte, warnte Nießen eindringlich vor dem raschen Ausbreiten der Variante und plädierte für schnellstmögliche Auffrischungsimpfungen.

Johannes Niessen | picture alliance/dpa

Johannes Nießen, Chef des Kölner Gesundheitsamts: Er dürfte wissen, wo es bei der Digitalisierung hapert. Bild: picture alliance/dpa

Viola Priesemann

Priesemann modelliert als Physikerin die Auswirkungen von Covid-Maßnahmen auf das Pandemiegeschehen. Im November präsentierte sie drei Szenarien, wie die vierte Welle gebrochen werden könne. Sie war eine der Verfechterinnen eines harten Lockdowns und einer No-Covid-Strategie. Die Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation wurde erst vor Kurzem von der Göttinger Akademie der Wissenschaften mit dem Dannie-Heineman-Preis ausgezeichnet. Die "Bild" bezeichnete sie als "Lockdownmacherin" und sorgte damit für einen Sturm der Entrüstung nicht nur in Wissenschaftskreisen. Im "Spiegel" kritisierte sie, dass durch diese Berichterstattung die Wissenschaft in Misskredit gebracht werde.

Leif Erik Sander 

Der Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfforschung der Charité beschäftigt sich mit der COVID-19-Impfung und etwaigen Nebenwirkungen und ist daher ein gefragter Gesprächspartner. Er macht sich stark für rasches Boostern und Impfen, plädiert jetzt in der vierten Welle für 2G-Regeln plus Testen und Masken.

Leif Erik Sander | picture alliance/dpa

Impfstoffforscher und Hochschullehrer Leif Erik Sander Bild: picture alliance/dpa

Stefan Sternberg 

Der Landrat des Landkreises Ludwigslust-Parchim dürfte die Stimme der Kommunen im Expertenrat sein. "Meine Aufgabe sehe ich darin, das Wissen um die Belange der kommunalen Ebene in dieses wichtige Gremium einzubringen", sagte der 37-Jährige dem NDR. Einbringen wolle er außerdem seine Erfahrung im Umgang mit Krisen, die er im Laufe seiner Amtszeit gesammelt habe. Als Beispiel nannte der SPD-Politiker den Großbrand auf dem Truppenübungsplatz in Lübtheen 2019.

Hendrik Streeck

Der 44-Jährige ist Leiter des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät an der Universität Bonn. Er gehört in der Corona-Pandemie erstmals zum Kreis der Berater der Bundesregierung. Streeck hatte Teile der Corona-Politik immer wieder offen kritisiert, so wandte er sich im Oktober 2020 zusammen mit anderen Wissenschaftlern und Verbänden etwa gegen einen pauschalen Lockdown und plädierte stattdessen für einen gezielten Schutz von Risikogruppen. Für seine Heinsberg-Studie wurde er unter anderem wegen methodischer Schwächen heftig kritisiert.

Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn, Archivbild | dpa

Hendrik Streeck: Der Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik in Bonn ist erstmals im Kreis der Berater. Bild: dpa

Lothar Wieler

Der Präsident des Robert Koch-Instituts gehört wohl zu den bekanntesten Gesichtern in der Corona-Pandemie. Als Chef der für die Pandemiebekämpfung federführenden Bundesbehörde ist er sozusagen oberster Corona-Erklärer. Zunächst immer freitags um 10 Uhr saß er mit Gesundheitsminister Jens Spahn in der Bundespressekonferenz - erklärte, mahnte, appellierte. Jetzt in der vierten Welle ist der Freitagstermin wieder nahezu festes Ritual.

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts | dpa

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts: Pressekonferenzen mit ihm sind nahezu festes Ritual in der Corona-Pandemie. Bild: dpa

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Dezember 2021 um 16:00 Uhr.