Ein Schulkind wird gegen das Coronavirus geimpft. (Archivbild: 27.05.2021) | picture alliance / Fotostand
FAQ

EMA-Entscheidung Wann können Kinder geimpft werden?

Stand: 25.11.2021 13:12 Uhr

Wie geht es weiter nach der EMA-Empfehlung, den BioNTech/Pfizer-Impfstoff nun auch für Kinder von fünf bis elf Jahren zuzulassen? Wann dürfen Ärzte impfen? Wann entscheidet die STIKO? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was sagen die Studien?

Eine im "New England Journal of Medicine" veröffentlichte Evaluation beurteilt die Studie von BioNTech/Pfizer. In Phase eins war zunächst die Dosis bestimmt worden: Bei Erwachsenen sind es 30 Mikrogramm, für Kinder unter zwölf Jahren entschied man sich nach Abschluss der Testreihe für zehn Mikrogramm. Die Studienphasen zwei und drei umfassten 2268 Kinder zwischen elf und fünf Jahren. Zwei Drittel von ihnen bekam je zwei Dosen des Impfstoffs, ein Drittel ein Placebo. Die Immunantwort wurde einen Monat nach der zweiten Dosis gemessen.

Die Autoren sahen "ein günstiges Sicherheitsprofil", es seien "keine schweren impfbedingten Nebenwirkungen beobachtet worden". Beobachtet wurden nur "milde und vorübergehende Reaktionen" wie Fieber, Schmerzen am Einstich, Müdigkeit oder Kopfschmerzen. Die Impfung sei sicher und effektiv, lautet das Fazit.

Drei der geimpften Kinder erkrankten in der Beobachtungszeit an Covid-19, in der Kontrollgruppe waren es 16. Die Forscher beziffern die Wirksamkeit des Impfstoffs auf 90,7 Prozent. Die einzigen drei schwereren Schäden im Beobachtungszeitraum hatten nach Ansicht der Autoren keinen Zusammenhang zur Impfung - in einem Fall war es ein gebrochener Arm. Herzmuskelentzündungen, wie sie nach breiterer Impfung von über Zwölfjährigen vereinzelt vorkamen, wurden in dieser - recht kleinen - Probandengruppe nicht festgestellt.

Reichen die Daten aus, um die Impfung zu beurteilen?

Eine Empfehlung durch die STIKO gibt es noch nicht. "Eine Zulassung ist etwas völlig anderes als eine Impf-Empfehlung", betont Fred Zepp, Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO). "Was Sie in der Zulassungsstudie nicht sehen, sind Risiken, die seltener auftreten als es statistisch in einer so kleinen Gruppe zu erwarten ist."

Bei der Zulassungsstudie haben nur rund 1500 Kinder den Impfstoff erhalten. "Sehr seltene Nebenwirkungen kann man da nicht erkennen", sagt Zepp. Herzmuskelentzündungen zum Beispiel habe man bei jungen Männern erst nach breiterer Anwendung des Impfstoffs entdeckt. Der STIKO geht es auch darum, Daten zu seltenen Impfkomplikationen aus anderen Ländern zu bekommen.

In den USA etwa werden kleinere Kinder bereits seit November mit dem geringer dosierten Vakzin geimpft, nach Regierungsangaben haben bisher rund 2,6 Millionen Fünf- bis Elfjährige die erste Spritze bekommen. Die dortige Lage und der Gesundheitszustand der US-Kinder gelten aber nicht als 1:1 vergleichbar mit Deutschland.

Wann wird die STIKO entscheiden?

Laut STIKO-Mitglied Zepp wird das Gremium "zeitnah in den nächsten Wochen" darüber beraten. Eine Entscheidung könnte abhängig vom Zeitpunkt der Zulassung sogar noch im November fallen, sagte der Mainzer Kinderarzt. Er persönlich hält es für möglich, dass es eine Empfehlung zunächst für Kinder mit einem erhöhten Risiko aufgrund von Vorerkrankungen geben könnte, wie das auch zunächst bei Impfungen für Zwölf- bis 17-Jährige der Fall war.

Der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, dass die Empfehlung derzeit in Arbeit sei. "Unser Ziel ist es, diese Empfehlung bis Ende Dezember, möglichst bis zum Start der Auslieferung des Kinder-Impfstoffs an die Länder, fertigzustellen."

Gibt es für Kinder einen eigenen Impfstoff - und reicht der auch?

Die EU-Staaten soll den Kinder-Impfstoff nach Angaben von Gesundheitsminister Jens Spahn am 20. Dezember ausliefern. Deutschland erwartet dann 2,4 Millionen Dosen. "Das sollte den Großteil des Bedarfs zunächst abdecken", sagt Spahn. Insgesamt gibt es etwa 4,5 Millionen Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren.

Während der klassische BioNTech/Pfizer-Impfstoff für Erwachsene 30 Mikrogramm mRNA beinhaltet, sind es bei der Variante für die Fünf- bis Elfjährigen nur zehn Mikrogramm. Nach Angaben des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen sollen auf den Glasflaschchen orangefarbende Kappen sein, um eine Verwechslung auszuschließen. Die Impfung wird in zwei Dosen im Abstand von drei Wochen gegeben.

Dürfen Kinderärzte auch ohne Empfehlung Kinder unter zwölf Jahren impfen?

Ja, erklärt der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske: "Das ist eine freie ärztliche Entscheidung." Sogar vor der Zulassung des Impfstoffs für diese Altersgruppe ist es nicht illegal, kleinere Kinder zu impfen - der Fachbegriff dafür lautet Off-Label-Use. Maske hält die Zahl der Kinderärzte, die bisher unter Zwölfjährige geimpft haben, für klein. Mit der EMA-Zulassung werden sich mehr Kinderärzte dazu bereit erklären, die Impfung anzubieten, glaubt Maske. Das könnte zu Diskussionen in den Praxen führen. "Aber dafür sind wir ja da", sagt Maske.

Was halten Kinderärzte generell von Covid-Impfungen für Kinder?

Kinder gegen eine Infektionskrankheit zu impfen, die sie meist unkompliziert und ohne Komplikationen überstehen, sei immer "eine schwierige Entscheidung", sagt Kinderarzt und STIKO-Mitglied Zepp. "Man muss die Risiken einer SARS-CoV-2 Infektion den möglichen seltenen Risiken einer Impfung gegenüberstellen." Dabei müsse auch berücksichtigt werden, dass man unterschiedliche Gruppengrößen vergleicht: "Wenn ich alle Kinder einer Altersgruppe impfe, setze ich alle zunächst dem sehr geringem Risiko einer Impfnebenwirkung aus. Die Risiken einer Covid-19 Erkrankung sind größer, aber wir wissen nicht, wie viele Kinder sich tatsächlich infiziert hätten und erkrankt wären."

Was spricht für das Impfen jüngerer Kinder?

Autoren der Studie im "New England Journal of Medicine" argumentieren mit einem direkten und einem indirekten Nutzen: Eine Impfung schütze Kinder vor einem - wenn auch seltenen - schweren Verlauf oder Spätfolgen einer Covid-Erkrankung. Indem man sie schütze, schütze man auch Menschen in ihrem Umfeld, die ein Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf hätten. Ungeimpft könne diese Altersgruppe Überträger werden - auch für neu entstehende Varianten des Virus. In der Debatte gibt es Zepp zufolge verschiedene Parameter: Das eine sei die Krankheitslast des einzelnen Kindes, das andere der Nutzen für die gesamte Gesellschaft.

Möglicherweise sei es in einer Pandemie auch sinnvoll, Kinder zu impfen, um für die Gemeinschaft mehr Teilhabe, eine bessere Lebensführung zu ermöglichen. Hingegen hat die Impfung von Kindern nur einen geringen Effekt auf die Übertragung des Virus zwischen Erwachsenen. Man dürfe nicht vergessen: "Ein großer Teil unseres Problems sind ungeimpfte Erwachsene. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder eine Stellvertreter-Diskussion zum Nachteil von Kindern haben", sagt Zepp. "Die wichtigste Maßnahme zur Überwindung der Pandemie bleibt unverändert: Möglichst viele, am besten alle Erwachsenen durch Impfung zu schützen."

Quelle: dpa

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. November 2021 um 11:30 Uhr.