Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die für den Rat der EKD kandidiert. | dpa

Evangelische Kirche Wer folgt auf Bedford-Strohm?

Stand: 09.11.2021 11:34 Uhr

Die EKD-Synode sucht eine Nachfolge für den Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm. Zwei Frauen gehören zu den Favoritinnen. Die neue Spitze wird sich vor allem um Missbrauchsfälle in evangelischen Einrichtungen kümmern müssen.

Von Tilmann Kleinjung, BR

Sie fehlen: die Gespräche in der Kaffeepause, der persönliche Kontakt zu den Kandidatinnen und Kandidaten. Und so haben die virtuell versammelten Kirchenparlamentarier der EKD die Qual der Wahl. Wer soll dem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm nachfolgen? Einen Favoriten gibt es nicht. Dafür zwei Favoritinnen. Zumindest, wenn man den Gerüchten rund um diese Synode glauben darf.

Tilmann Kleinjung

Nach Margot Käßmann könnte zum zweiten Mal eine Frau an die Spitze der EKD gewählt werden. Eine Kandidatin: Annette Kurschus. Die Präses der westfälischen Landeskirche hat bei ihrer Bewerbungsrede Kontinuität im Umbruch versprochen. "In unserer Kirche steht eine Erneuerung an, deren Radikalität wir erst zaghaft ahnen", sagte sie. "Allerdings widerspreche ich, wenn die These lauten würde, zur Erneuerung sind ausschließlich Neue fähig."

Kurschus war bereits stellvertretende Ratsvorsitzende. In der Öffentlichkeit stand sie allerdings immer im Schatten des Medienprofis Bedford-Strohm. Wenn die Synode eine weniger extrovertierte Ratsvorsitzende sucht, könnte die Wahl auf sie fallen. Inhaltlich wird sich die neue EKD-Spitze vor allem um ein Thema kümmern müssen: den Missbrauch in evangelischen Einrichtungen und Gemeinden.

"Zur Chefsache machen"

Betroffene wie Katharina Kracht werfen dem scheidenden Ratsvorsitzenden vor, sich nicht genug um Aufarbeitung und Aufklärung bemüht zu haben. "Ich möchte natürlich eine Person, die genau das tut, was Bedford-Strohm nicht getan hat", sagt sie. "Nämlich dieses Thema als Zukunftsthema der evangelischen Kirche erkennen und es zur Chefsache machen."

Und hier kommt eine zweite Theologin ins Spiel, der ebenfalls Ambitionen auf den Ratsvorsitz nachgesagt werden: die Bischöfin von Hamburg, Kirsten Fehrs. Sie war in den vergangenen Jahren die Missbrauchsbeauftragte im Rat der EKD. Extern war sie für den Umgang der EKD mit der eigenen Missbrauchsgeschichte immer wieder heftig kritisiert worden, intern gibt es viele, die der Hamburger Bischöfin hoch anrechnen, dieses schwierige Amt übernommen zu haben.

Fehrs blickt selbstkritisch auf das bisher Erreichte. "Die Fachexpertise in den Landeskirchen, der Diakonie und der EKD hat große Fortschritte gemacht. Aber es reicht nicht. Wir hören doch die Kritik und ich bin mit dem Beauftragtenrat überzeugt: Die bringt uns weiter. Denn es geht ums Ganze, um die Wahrheit des Evangeliums, um unsere Glaubwürdigkeit."

Bischof mit Außenseiterchancen

Neben Kurschus und Fehrs gibt es noch einen Bischof mit Außenseiterchancen. Christian Stäblein aus Berlin hat sich bei seiner Bewerbung vor der Synode mit viel Wortwitz präsentiert und der Warnung vor zu viel Selbstbeschäftigung. In den sozialen Medien gab es dafür Beifall. Darüber hinaus sind EKD-Synoden immer für Überraschungen gut.

Das liegt auch am mehrstufigen Wahlverfahren. Derzeit wählt das Kirchenparlament die Ratsmitglieder. Die Präses, Vorsitzende der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich aus Regensburg, leitet die Wahl. Die Kandidatinnen und Kandidaten benötigen eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Der Rat wird dann einen Vorschlag für den Ratsvorsitz und stellvertretende Ratsvorsitzende machen.

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz bei den Wahlen zum Rat der EKD: Wer beim ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhält, wird traditionell auch für den Ratsvorsitz vorgeschlagen. Kurschus erreichte als einzige Kandidatin schon im ersten Wahlgang die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit, Fehrs schaffte den Sprung in den Rat erst im zweiten Wahlgang.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 07. November 2021 um 07:47 Uhr.