Ein Pfleger eines Pflegeheims schiebt eine Bewohnerin mit einem Rollstuhl | dpa

Coronavirus Freie Pflegekräfte - beim Impfen vergessen?

Stand: 23.01.2021 05:10 Uhr

Sie springen in der Corona-Pandemie immer häufiger in Pflegeheimen und Krankenhäusern ein. Doch ausgerechnet die Zeitarbeitskräfte werden in einigen Bundesländern nicht geimpft.

Von Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

Ärztinnen und Ärzte, Altenpflegerinnen und Altenpfleger, die in Heimen und Krankenhäusern als Zeitarbeitskraft tätig sind, wurden in einigen Bundesländern nicht geimpft. Ihnen wurde gar kein Impfangebot gemacht. Davon haben Betroffene aus Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Bayern dem ARD-Hauptstadtstudio berichtet.

Isabel Reifenrath ARD-Hauptstadtstudio

Einzelfälle seien das nicht, sagen die Leasingfirmen. Die Leiharbeiter fühlten sich wie Pflegerinnen und Pfleger zweiter Klasse und seien schlicht vergessen worden. Die Heime und Krankenhäuser hätten nur ihre festangestellten Mitarbeiter für die Impfungen angemeldet.

"Es ist sehr wichtig, auch die flexiblen Pflegekräfte, also die, die einspringen, wenn Not am Mann ist, zu impfen", sagt Johannes Roggendorf, Leiter der Firma Medwing. Das Unternehmen vermittelt Zeitarbeitskräfte in ganz Deutschland.

Bedarf steigt

Montag und Dienstag arbeiten manche dieser Pflegerinnen und Pfleger in dem einen Heim, Mittwoch und Donnerstag in einem anderen. Die Gefahr, dass sie das Virus weiterverbreiten, ist dadurch sehr hoch. Auch wenn insgesamt nur etwa zwei Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen Zeitarbeitskräfte sind. Seit der zweiten Welle der Pandemie steige der Bedarf, so die Leasingfirmen.

Problem bei Pflegeeinrichtungen?

Die FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus hält es für einen Skandal, ausgerechnet die Zeitarbeitskräfte nicht zu impfen. "Das liegt an den Pflegeinrichtungen", sagt sie. "Die müssen die Zeitarbeitskräfte natürlich genauso melden, weil die haben ja auch ein Interesse daran."

Das Interesse unter seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist groß, bestätigt der Unternehmer Roggendorf. Bei vielen Pflegekräften, aber auch in der Ärzteschaft herrsche großer Unmut, dass ihnen noch keine Impfung angeboten wurde.

Bei Terminen nachgebessert

Der Unternehmer, aber auch einzelne Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter haben sich bereits an den Gesundheitssenat Berlin gewendet. In den Berliner Impfplänen seien die flexiblen Pflegekräfte schlicht vergessen worden, so Roggendorf. "Man hat da jetzt aber nachgebessert und versprochen, auch für die flexiblen Springer Impftermine zu vergeben", sagt Roggendorf. "Jetzt wartet man natürlich auf den Impfstoff, aber zumindest sind sie jetzt auch an der Reihe und ich glaube, das ist ein unglaublich wichtiger Schritt."

Auch in Bayern und Hessen seien mittlerweile die ersten Pflegekräfte, die als Zeitarbeitskräfte arbeiten, geimpft worden. In Nordrhein-Westfalen machen sich die Ärztinnen und Ärzte noch Sorgen, ob auch sie berücksichtigt werden. Er habe aber Verständnis, dass die Krankenhäuser und Heimleitungen erst einmal ihre eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter impfen lassen wollten, sagt Roggendorf.

Der Patientenschützer Eugen Brysch sagte dem ARD-Hauptstadtstudio, es sei Zeit, dass die Krankenhäuser und Pflegeheime Verantwortung für das ganze Team übernehmen. Da dürfe kein Unterschied zwischen Festangestellten und Zeitarbeitskräften gemacht werden. Vor allem könne es nicht sein, dass Landräte und Bürgermeister stattdessen geimpft werden.

Problem Erreichbarkeit

Die Gesundheitspolitikerin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, sieht die Länder in der Verantwortung. "Wir haben nur das Problem, dass bei den Leiharbeitsunternehmen gar nicht klar ist, wer dort eigentlich tätig ist und auch die Unternehmen nicht wissen, wer zu ihnen kommt", sagt sie. "Deswegen gibt es im  Moment eigentlich nur in den Bundesländern mit einer Pflegekammer tatsächlich die Erreichbarkeit, weil dort alle berufstätigen Pflegekräfte registriert sind." Offenbar fehlen manchen Behörden schlicht die Adressen der Zeitarbeitskräfte.

Pflegekammern gibt es nur in drei Bundesländern: Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Das Bundesgesundheitsministerium und auch der Gesundheitssenat Berlin haben auf die Anfragen des ARD-Hauptstadtstudios, wie es sein kann, dass Zeitarbeitskräfte beim Impfen vergessen wurden, nicht geantwortet.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Januar 2021 um 10:07 Uhr.

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KOMMENTARE

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Der Lenz 23.01.2021 • 07:52 Uhr

Das Sozialpolitische Problem

Des neuen Jahrtausends: Freie Mitarbeiter Soloselbständige Leiharbeiter Früher nannte man das Tagelöhner; aber das waren dann Leute am unteren Rand der Ausbildungsskala. Heute geht es durch das gesamte Spektrum. Und niemand ist zuständig: keine Gewerkschaft, keine Rente... Ein Festanstellungszwang wird es nicht lösen; ein zurück zum Zustand vor Kohl wird es nicht geben, und Harz 4 ist als Antwort zu wenig.