Cramer ist hauptberufliche Schwimmtrainerin beim BSV Friesen in Berlin Mariendorf.

Folge der Corona-Krise Generation Nichtschwimmer?

Stand: 20.02.2021 18:27 Uhr

Wird Deutschland zu einem Land der Nichtschwimmer? Schon vor der Corona-Krise konnten viele Kinder nicht sicher schwimmen - der Lockdown verschärft die Lage. Vereine und DLRG blicken mit Sorge auf den Sommer.

Von Tina von Löhneysen, RBB

Das Becken liegt spiegelglatt da, der Wasserüberlauf rauscht, ein wenig gluckert es. Das war's. Kein Spritzen, kein Bauchplatscher, kein Kinderrufen. Das Kombibad Mariendorf in Berlin ist wegen des Lockdowns geschlossen - so wie fast alle Schwimmbäder in Deutschland.

Sybille Cramer steht am Beckenrand, sie wirkt klein in der riesigen, leeren Schwimmhalle. "Ich komme mir schon komisch vor, als Schwimmtrainerin im Homeoffice zu sitzen und alles Mögliche zu tun, aber nicht in der Halle zu arbeiten."

Cramer ist hauptberufliche Schwimmtrainerin beim BSV Friesen in Berlin Mariendorf. Auch an zwei Berliner Grundschulen ist sie als Schwimmlehrerin im Einsatz. Schon jetzt seien viel zu viele Kinder unsicher im Wasser, erzählt sie. Es gebe Klassen, da könne überhaupt kein Kind schwimmen, das sei keine Seltenheit.

Auf einer Schwimmbadwand steht "Wasssertiefe 1,20 m"

Schon vor Corona waren viele Kinder so schlechte Schwimmer, dass für sie nur der Nichtschwimmerbereich in Frage kam.

Zwei Jahrgänge ohne regulären Schwimmunterricht

In der Regel wird in der dritten Jahrgangsstufe Schwimmen angeboten. Durch den ersten Lockdown im Schuljahr 2019/20 und den zweiten im Schuljahr 2020/21 hatten bereits zwei Jahrgänge kaum oder nur begrenzt Schwimmunterricht. Hunderttausende Schülerinnen und Schüler deutschlandweit sind betroffen.

Genauso eingeschränkt wie das Schulschwimmen sind die Angebote der Vereine. Schon vor der Pandemie sei die Nachfrage nach Schwimmkursen höher gewesen als das Angebot, sagt Cramer. Sie kämen beim BSV Friesen kaum hinterher, es gebe Wartelisten. Das gelte für viele Vereine in Deutschland. Corona verschärft die Lage: "Ich sehe eine riesige Welle von Nichtschwimmern auf uns zurasen", sagt Cramer.

DLRG warnt vor einem Land der Nichtschwimmer

Auch die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) macht auf das Problem aufmerksam. Schon vor dem Corona-bedingten Lockdown seien fast 60 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland keine sicheren Schwimmer gewesen. Dabei werde das "Seepferdchen" nicht mitgezählt. Denn das Schwimmabzeichen sei lediglich eine Bescheinigung dafür, dass sich ein Kind auf einer Strecke von 25 Metern über Wasser halten könne. Es gelte aber nicht als Teil der Jugendschwimmabzeichen, die mit Bronze beginnen.

Sorge vor dem kommenden Sommer

Die DLRG sieht auch im enormen Sanierungsstau einen Grund für die Zunahme der Zahl der Nichtschwimmer. Viele Bäder in Deutschland müssten renoviert werden. Laut DLRG dürfte das rund 4,6 Milliarden Euro kosten. Geld, das die meisten Kommunen, in deren Verantwortung die Schwimmbäder liegen, nicht haben. Ein sanierungsbedürftiges Bad zu schließen, sei dann die billigere Variante. Und so schrumpft die Wasserfläche in Deutschland Jahr für Jahr - und damit schwinden die Möglichkeiten, das Schwimmen zu lernen.

"Die Kurve geht nach unten", bestätigt Achim Wiese von der DLRG. "Deutschland entwickelt sich schnustracks zum Land der Nichtschwimmer. Die Corona-Pandemie hat das noch erheblich verschärft. Die Situation ist dramatisch."

Mit Sorge schauen Vereine und DLRG auf den nächsten Sommer. Schließlich sei sicheres Schwimmen die beste Lebensversicherung für alle Aktivitäten im, an und auf dem Wasser.

Gegensteuern - um Badeunfälle zu vermeiden

Guido Kersten vom Verein Berliner Wasserratten war selbst Rettungsschwimmer. "Wenn Kinder betroffen sind, dann geht einem das an die Seele", sagt er. "Ich möchte einfach nicht, dass Familien mit einem Kind weniger aus dem Urlaub zurückkommen. Das ist unvorstellbar."

Doch die Gefahr sei real. Er sei sich sicher, dass es durch die aktuelle Situation im Sommer zu mehr Badeunfällen kommen wird. Deshalb müsse unbedingt gegengesteuert werden.

Menschen genießen den sonnigen Tag am Badesee in Plüderhausen.  | dpa

Ein Bild aus dem Sommer 2020: Rettungsschwimmer befürchten, dass es 2021 mehr Badeunfälle geben könnte. Bild: dpa

Eine "Schwimmlernoffensive" ist nötig

Alle Beteiligten fordern eine Art Schwimmlernoffensive, sobald die Bäder wieder öffnen dürfen. In Berlin hatten unter anderem der Berliner Schwimmverband und die Senatsverwaltung für Bildung gemeinsam ein solches Programm für die Osterferien auf die Beine gestellt.

Dazu müsse man zusätzliche Wasserzeiten für Vereine und Schulen organisieren, auch mal nachmittags oder am Wochenende, sagt Schwimmlehrerin Cramer. Damit so viele Kinder, wie möglich, noch vor den Sommerferien schwimmen lernten. Ob das mit den offenen Bädern in den Osterferien klappt, ist angesichts der aktuellen Corona-Zahlen aber fraglich.

Über dieses Thema berichtete Radio Bremen Fernsehen am 19. Juli 2020 um 19:30 Uhr in der Sendung "buten und binnen mit Sportblitz".